Draussen spielen: Warum Freiraum so Wichtig ist

In der Schweiz können nur zwei von drei Kindern unbeaufsichtigt draussen spielen. Dabei gibt es gute Gründe, genau das zuzulassen, wenn es möglich ist. Wer sich mit den Nachbarn anfreundet, tut seinen Kindern einen Gefallen, wie eine aktuelle Studie zeigt.

Familienspick 04/2017

Der Psychologe Peter Gray schreibt in seinem Blog: «Wir haben eine Welt erschaffen, in der Kinder fast immer unter Aufsicht stehen. Die Aufsichtsperson ist jederzeit bereit, das Kind zu beschützen und davor zu bewahren, Mut, Unabhängigkeit und alles Weitere zu üben, was Kinder am besten unter sich trainieren, abgenabelt von den Erwachsenen. Deshalb beobachten wir heute bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen Spitzenwerte im Bereich Angststörungen, Depressionen, Suiziden und Ohnmachtsgefühlen.»

Peter Gray forscht am Boston College. Der Psychologe interessiert sich hauptsächlich dafür, wie Kinder lernen und welche lebenslänglichen Auswirkungen das Spielen im Kindesalter hat. Gray hat mehrere Bücher zu diesem Thema geschrieben, ausserdem bloggt er regelmässig auf psychologytoday.com. 2011 veröffentlichte Gray einen Artikel in der American Journal of Play, einer wissenschaftlichen Publikation rund um die Bedeutung des Spielens. Der Titel des unbehaglichen Textes: «Der Untergang des Spielens und der Aufstieg von Psychopathologie in Kindheit und Jugend.» 

Kinder lernen beim Spielen mit Gleichaltrigen

Die Abhandlung ist kostenlos im Internet verfügbar und beschreibt, wie das unbeaufsichtigte Spielen in den USA und anderen Ländern der ersten Welt in den vergangenen fünfzig Jahren stetig abgenommen hat. Zeitgleich hätten psychische Störungen bei Kindern immer weiter zugenommen. Gray argumentiert, dass diese abnehmenden beziehungsweise steigenden Werte keine Zufälle sind. Denn wie der Psychologe erklärt, entwickeln Kinder beim Spielen mit anderen ihre Interessen und Fähigkeiten. Sie lernen, Entscheidungen zu treffen, Probleme zu lösen, sich selbst zu beherrschen und Regeln zu befolgen. Sie lernen, ihre Emotionen zu steuern und Freunde zu gewinnen. Sie begegnen anderen Kindern auf Augenhöhe und sind glücklich.

«Spielen fördert die psychische Gesundheit», fasst Gray diese vielen Facetten zusammen. Daraus folgt im Umkehrschluss: Kinder, die nicht genügend Zeit allein mit anderen Kindern verbringen, entwickeln eher eine ungesunde Psyche. 

Freies Herumtoben bleibt auf der Strecke

Im November 2016 veröffentlichte Pro Juventute eine Studie zum unbeaufsichtigten Spielen in der Schweiz. Das Ergebnis, das die Medien am meisten aufwirbelte: Nur zwei von drei Kindern können hierzulande unbeaufsichtigt draussen spielen. Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) titelte damals «Überbehütete Stubenhocker» und die Berner Zeitung (BZ) sowie die Basler Zeitung (BaZ) nannten ihre Story «Kindheit nach Terminkalender».

Schweizer Kinder werden also zu sehr bemuttert, und das Phänomen ist bei gutgestellten Doppelverdienern noch ausgeprägter. Diese können es sich nämlich leisten, den Tag ihrer Sprösslinge durchzustrukturieren mit Tenniskursen, Gitarrenunterricht oder Freiwilligenarbeit. Dabei bleibt das freie Herumtoben mit anderen Kindern auf der Strecke. Was die Studie von Pro Juventute jedoch auch zeigt, ist: Es gibt sogar in der sicheren Schweiz berechtigte Gründe, warum Eltern ihre Kinder nicht oder zumindest nicht oft unbeaufsichtigt draussen spielen lassen.

Eltern von heute wittern mehr Gefahren

Am häufigsten sagten Eltern, sie betrachteten ihre Kinder als zu jung. Dieser Grund nahm folglich auch ab, je älter die Kinder der befragten Eltern waren. Der zweithäufigste Grund war aber die Angst, das Kind könnte von einem Fremden angesprochen werden. Das ist eine nachvollziehbare Sorge. Allerdings ist davon auszugehen, dass diese Gefahr im vergangenen halben Jahrhundert gleich geblieben ist. Warum also machen sich heutige Eltern viel mehr Sorgen als noch vor 20, 30, 40 oder 50 Jahren? Weil sie heute für solche Gefahren sensibilisiert sind. Sie sind aufgeklärter und schauen genauer hin. Und sie wissen auch, dass Übergriffe nicht nur von Fremden auf der Strasse, sondern auch von Familienmitgliedern, Heim- und Schulleitern oder Kirchenvertretern verübt werden können.

Nachbarn passen aufeinander auf

Die Gefahr, die von Fremden wie auch Bekannten ausgeht, lässt sich jedoch reduzieren. Hierzu ist es wichtig, offene und übersehbare Wohn- und Aussenbereiche zu gestalten. In Sichtweite können Eltern ihre Kinder freier spielen lassen, sodass diese vermehrt Kontakte knüpfen im Quartier. Die erwachsenen Nachbarn lernen sich dadurch ebenfalls besser kennen und geben gegenseitig auf sich Acht. Mehr Augen, mehr Sicherheit. Deshalb fordert Pro Juventute auch, dass Stadtplaner die Bedürfnisse der Familien nach kindgerechten Freiräumen berücksichtigen.

Zahlreiche Studien aus unterschiedlichen Disziplinen belegen, dass das freie Spiel mit Gleichaltrigen die gesundheitliche Entwicklung positiv beeinflusst. Kinder entfalten sich im Spiel, sie erweitern ihre Möglichkeiten, entwickeln Kreativität und soziale Kompetenzen. Und nebst den vielen guten Gründen ist das «Recht auf Spiel» gesetzlich verankert in der UN-Kinderrechtskonvention. Auf das Draussen-Spielen zu verzichten, ist nicht die Lösung. Sondern mittels Infrastruktur und Gemeinschaft gute und risikoarme Spielbedingungen zu schaffen.