Satire: Kasperli - ojé!

«Unsere Kinder fahren voll auf Kasperli ab. Sie hören dauernd die Kassetten und wollen, dass ich ihnen mit den Kasperlifiguren etwas vorspiele. Aber ich hasse diesen vorlauten Zwerg aus Züri-Höngg schlicht und einfach. Kann ich meine Kinder umprogrammieren? Und wenn ja, auf was?»

Auch der Kasperli kann nerven.

Schwierig. Nicht, weil das grundsätzlich nicht möglich wäre, sondern weil die Alternativen nicht sehr attraktiv sind. Zumindest im Bereich Hör-Geschichten. Pingu beispielsweise ist wirklich eine Brüller-Serie im TV. Das kann ich mir sogar ganz ohne Kinder anschauen. Aber die schweizerdeutsche Hörspielfassung von Pingu ertrage ich nur massiv alkoholisiert. Die ganze wundervolle politisch unkorrekte Pinguwelt geht da flöten, wenn Mama und Papa Pingu so unglaublich pädagogisch wertvoll und stets auf den Ausgleich bedacht Lösungen suchen, die für die ganze Familie stimmen – grauenhaft. Von dem dauernden «Mäck-mäck» mal ganz zu schweigen. Globi funktioniert aus anderen Gründen bei mir nicht. Walter Andreas Müller alias WAM, der den Globi spricht (natürlich tontechnisch beschleunigt und verzerrt), ist ein guter Freund von mir, und ich habe Mühe, ihn mir blau mit gelbem Schnabel vorzustellen.

Das Kasperli-Problem kann ich gut nachvollziehen. Im richtigen Leben, fernab von fantastischen Abenteuern mit fliegenden Eseln, dem Ritter Nimmersatt und den Räubern Joggel und Toggel, wäre dieser vorwitzige, altkluge, pausenlos labbernde Dreikäsehoch der absolute Aussenseiter, der vom gesamten Klassenverband gemobbt würde – und das nicht einmal völlig zu Unrecht. Die rote Zipfelmütze kann ja noch als nostalgische Albernheit durchgehen, aber diese andauernde Besserwisserei, die unerträglich dämlichen Wortspiele, das ewige Gutmenschentum: Wäre Kasperli mein Sohn, würde ich ihn auch noch mitten in der Pubertät durch die Babyklappe pressen.

Ich würde zweigleisig vorgehen. Lassen Sie Ihre Kinder weiter Kasperlikassetten hören, aber halten Sie sich fern – was, bitte sehr, machen Sie überhaupt im Raum, wenn das Zeug läuft? Zudem ist es ja auch etwas wert, wenn die Kinder zufrieden sind, dafür bringt man das eine oder andere Opfer. Sie schauen ja gelegentlich bestimmt auch irgendeine Rosamunde-Pilcher-Schmonzette, weil Ihre Frau drauf abfährt.

Was das Kasperlitheater angeht: Berufen Sie sich einfach auf die künstlerische Freiheit, und lassen Sie Kasperli bei der erstbesten Gelegenheit aus dem Plot verschwinden. Meinetwegen kann er noch die übliche «Tri-tra-tralala»-Begrüssung machen, danach fällt er in ein hinterhältig angelegtes Waldloch, wird irreversibel in ein Stück Baum verwandelt oder ersäuft im Fischteich des Königs. Klar, Ihre Zuhörerschaft wird zunächst ein bisschen vor den Kopf gestossen sein. Aber wenn Sie danach ordentlich Zauberer, Hexen, Kleinkriminelle, tollwütige Hunde und sonstige Sympathieträger auffahren lassen, wird Kasperli bald vergessen sein.

 

 

erstellt von Stefan Millius