Wenn Zuhause alles drunter und drüber geht

Die Bedürfnisse aller Familienmitglieder unter einen Hut zu bringen, gelingt nicht immer. Vor allem Zeitdruck und zu hohe Erwartungen sorgen dann für Stress. Der Facharzt für Kinder-, Jugend- und Anthroposophische Medizin Dr. med. Christoph Meinecke gibt Tipps für ein harmonisches Familienleben.

Ist der Druck, der auf Familien lastet, gewachsen?

Ja. Vor allem die Ansprüche, die Eltern an sich stellen, sind gewachsen. Viele streben ein Ideal an, das kaum zu erreichen ist: eine glückliche Bilderbuchfamilie, ein erfülltes Berufsleben sowie die Selbstentfaltung jedes einzelnen. Diese hohe Erwartung gepaart mit einer geringen Frustrationstoleranz sorgt für Druck. Das erfordert Multitasking im Übermass, was bis zum Burnout führen kann.

Wie entsteht Stress in Familien?

Interaktioneller Stress tritt dort auf, wo unterschiedliche Bedürfnisse berücksichtigt werden müssen. Eine Überlastung der Eltern schlägt sich auch im Verhalten der Kinder nieder. Wenn ein Kind rebelliert oder Aggressionen zeigt, ist das oft ein Ruf nach Beziehung, nach Bindungserleben. Kinder leben im Hier und Jetzt. Erst ab 12 Jahren können sie vorausschauendes Denken üben. Unstimmigkeiten in ihrer Gegenwart nehmen sie sehr sensibel wahr und reagieren zum Beispiel mit Verweigerung.

Welche Methoden entlasten das Familienleben?

Viele Familien brauchen wieder mehr zweckfreie, alltägliche Begegnungsräume: Man kocht, räumt auf, liest, repariert etwas, strickt oder sitzt einfach nur zusammen auf dem Boden. Dieses natürliche Beisammensein ohne aufregende Spiele, ohne Attraktionen, ohne besondere Zielsetzung, ohne Termine ist für alle Familienmitglieder entspannend. Ausserdem können wir lernen, mehr beziehungs- statt ergebnisorientiert mit Kindern umzugehen.

Wie können wir Stress von aussen abfangen?

Vor allem die Schule wirkt oft zu stark in das Familienleben hinein. Es belastet, mit den Kindern täglich Hausaufgaben zu machen, Nachhilfe zu organisieren und im schulischen „Versagen“ stets die Nachteile für das spätere Berufsleben zu sehen. Zuhause sollte jeder vor allem ein entspanntes Umfeld vorfinden, ohne Leistungsdruck. Möglichkeiten, die Situation zu entspannen, können die Reduktion von Arbeitszeiten oder Mediennutzung sein. Medien stellen oft einen enormen Stressfaktor dar.

Quelle: WELEDA Pressemitteilung 07/16