Rituale stärken die Familienabende

Rituale – tönt das für Sie nach Hokuspokus? Keine Angst, wir meinen die vielen angenehmen Gewohnheiten des Alltags, die uns nicht nicht nur Halt und Orientierung geben, sondern auch die Familienbande stärken. Probieren Sie es aus!

Die Schoggimilch am Morgen, der Abschiedskuss vor dem Weggehen oder die Gutenachtgeschichte vor dem Ein-schlafen – das waren für unsere Kinder lange Zeit nur drei von unzähligen, ganz persönlichen Familienritualen. Eini-ge unserer Rituale lieben wir bis heute. Zum Beispiel stellen wir in der Adventszeit immer eine Weihnachtskrippe auf, die der Urgrossvater einst selbst hergestellt hat. Bereits er kramte jeweils zu Weihnachten die grosse Schachtel mit der Krippe aus dem Keller hervor und packte liebevoll die Gipsfiguren Maria und Josef mit dem Jesuskind, die Hir-ten mit ihren Schafen und natürlich auch Ochse und Esel vorsichtig aus dem Seidenpapier aus und drapierte diese immer gleich um den Stall mit dem Strohdach. Wie haben wir damals als kleine Kinder gestaunt und die bunt bemal-ten Figuren bewundert, die unter dem im Kerzenschein leuchtenden Weihnachtsbaum richtig mystisch aussahen. Seit einigen Jahren führen wir in unserer Familie diese Tradition weiter. Und genauso wie ich damals, können es auch unsere Kinder jeweils kaum erwarten, bis wir die Krippe wieder auspacken. Das ist Weihnachts-Feeling pur! Genauso wenig fehlen darf in dieser Zeit der prall gefüllte Adventskalender, das gemeinsame Guetzlibacken oder das regelmässige «Eile-mit-Weile»-Spielen. Würde nur etwas wegfallen, käme bei uns keine richtige Weihnachtsstim-mung auf.

Rituale geben Sicherheit

Solche festen Rituale haben ganz wichtige Funktionen, sind sich Experten einig. Denn einerseits stärken sie die emoti-onale Verbundenheit in der Familie und bieten andererseits Verlässlichkeit durch ihre regelmässige Wiederkehr. Da-durch schaffen sie Ordnung und Stabilität, besonders auch dann, wenn wir manchmal das Gefühl haben, alles sei be-langlos. Alltägliche Rituale bringen zudem eine gewisse Ruhe und können den Tagesablauf vorhersehbar machen. Dies wiederum gibt Kindern Sicherheit und fördert das Selbstbewusstsein. Wichtig für eine Familie ist, dass sie sich wohlfühlt mit ihren Ritualen. Dabei kann der Papa andere Rituale mit den Kindern pflegen als die Mama. Während diese den Kleinen vielleicht lieber jeweils am Abend ein Gutenachtliedchen singt oder eine Geschichte vorliest, macht der Papa mit ihnen täglich ein Spiel oder bereitet jeweils das Frühstück für alle zu. Die Kinder wis-sen ganz genau, wer für was zuständig ist und lernen, damit umzugehen. Sie können darauf zählen, dass gewisse Tätig-keiten in ihrer Familie so und nicht anders gemacht werden. Sie lernen so bald einmal, Aufgaben selbst zu übernehmen. Für Kinder ist es wichtig zu wissen, dass es beispielsweise immer um 12 Uhr Mittagessen und um 19 Uhr Abendessen gibt. Und dass Mama wünscht, dass man sich vorher die Hände wäscht und zum Schluss den Tisch abräumt. Rituale haben also nebst einer stärkenden Funktion auch zum Ziel, den Alltag zu vereinfachen und Entlastung zu bringen. Sie sind Ordnungsstrukturen in der Familie, nach denen sich alle richten können. Jede Familie pflegt deshalb ihre eigenen Rituale, die vielfach an zeitliche Abläufe gekoppelt sind. Sie werden bestimmt vom Tages-, Wochen- und Jahresablauf oder auch von Festen und Geburtstagen. Viele Tätigkeiten und Anlässe laufen immer nach einem ähnlichen Schema ab und durch diese Wiederholung lernen Kinder schneller und werden selbstständig. Sie wissen, wie etwas funktioniert, was ihre Rolle dabei ist und können sich danach richten. So können zum Beispiel feste Regeln bei den Mahlzeiten, bei den Hausaufgaben oder beim Zubettgehen vieles verein-fachen. Denn wenn wiederkehrende Abläufe allen klar sind, muss nicht täglich darüber diskutiert oder neu verhandelt werden.

Rituale ändern sich

Natürlich verändern sich Rituale im Laufe der Zeit. Sie müssen immer wieder dem Alter der Kinder und den sich verändernden Bedürfnissen der Familie angepasst wer-den. So ist bei Babys und Kleinkindern jeweils am Morgen Kuscheln und Spielen angesagt, während grössere Kinder oder Jugendliche eher abends wach sind und dann viel-leicht über ihre Erlebnisse oder auch Sorgen reden möch-ten. Eltern und ihre Sprösslinge können das Gutenacht-ritual so verändern, dass sie vor dem Schlafengehen den Tag gemeinsam nochmals Revue passieren lassen. Das kann helfen, den Tag abzuschliessen und Geschehnisse zu verarbeiten. Bereits in früheren Jahrhunderten oder in anderen Kulturen dienten Rituale dazu, Ordnung und Sinn in einer Welt voller Unberechenbarkeit zu schaffen. In China ist es bei-spielsweise üblich, im Morgengrauen gemeinsam eine Run-de Tai-Chi auszuüben. Ein solches Ritual verbindet und sorgt dafür, dass ein halbwegs sozialer Frieden herrscht, denn während der Ausübung dieser Tätigkeit sind alle gleich, die gesellschaftliche Stellung ist egal. In unseren Breiten-graden leben die Menschen heute meist sehr individuell und selbstbestimmt, trotzdem haben sie eine Sehnsucht nach Verbindendem. Und so sind es auch hierzulande gemeinsame Rituale, welche die Gesellschaft, einzelne Interessengruppen, Familien, Beziehungen und schliess-lich auch uns selbst zusammenhalten.

Was ist ein Ritual?

Erforschen Sie die Rituale Ihrer Familie!

 

Redaktion: Christina Bösiger