Kolumne: Vielfalt statt Einfalt!

Im April geht das Gejammer meistens wieder los. Borkenkäfer-Alarm! Zecken-Alarm! Maikäfer- Alarm! Schädlinge, Schädlinge, Schädlinge… Halt! - gibt es überhaupt Schädlinge? "Nein", sagt der österreichische Agrar-Rebell Sepp Holzer: "Es gibt für mich kein Ungeziefer und kein Unkraut."

Hans Peter Roth: "Schädlinge gibt es nicht!"

"Es gibt nur unfähige oder unwissende Menschen, die sich ihr eigenes Paradies zerstören." Das natürliche, selbstregulierende Gleichgewicht ist vor allem bei einer Bewirtschaftungsform gestört: der Monokultur. Diese begünstigt einseitig eine einzige Pflanzenart. Und sie ist leider mit Abstand die häufigste aller Landwirtschaftsformen. Da aber jedes ökologische Gleichgewicht stets auf Vielfalt, selbst auf kleinstem Raum, aufbaut, ist jede Monokultur widernatürlich. Die Kräfte der Natur versuchen diese Einseitigkeit auszugleichen, um durch Vielfalt ein Gleichgewicht herzustellen. Zu diesem Zweck wird das auf den Plan gerufen, was wir als "Schädlinge" bezeichnen. "Schädlinge" sind also oft "Gesundheitspolizisten" im eigentlichen Sinn. Sie versuchen auszumerzen, was einseitig überhand genommen hat. So darf es nicht verwundern, dass viele unserer -Wälder an einer "Borkenkäferplage" leiden. Denn Borkenkäfer sind nicht eine "Plage", sondern Symptom jahrzehntelanger Fehlwirtschaft: der Monokultur. Borkenkäfer treten nur massenhaft auf in Fichten-Monokulturen, die durch Übersäuerung des Bodens und übermässig dichten Baum-bestand zu in sich geschwächten Waldwüsten geworden sind. Sie wollen ausmerzen, was überhand genommen hat: die Fichten (Rottannen).

Auch die Zecke, ein anderer ungeliebter "Plagegeist", der sich in unseren Wäldern verstärkt ausgebreitet hat, wird begünstigt durch die Monokultur. In Wäldern, die zu Fichtenplantagen verkommen sind, ist beispielsweise die Rote Waldameise, der Zecke grösster Feind, fast verschwunden. Die typischen Ameisenhaufen fehlen. Die Zecken werden nicht mehr von der Waldameise dezimiert. Dies zeigt einen weiteren Zusammenhang auf: Was wir zu "Schädlingen" -degradieren, sind stets auch Glieder in der Nahrungskette. Fehlen die Tiere, welche den "Schädlingen" zu Leibe rücken, nehmen die "Schädlinge" überhand.

Wie reagiert der Mensch auf diese aus dem Gleichgewicht geratene, schädliche Einseitigkeit? Einseitig statt einsichtig. Einfältig statt vielfältig. In aller Regel kommt nun Gift zum Einsatz. Ein Teufelskreis beginnt. Das zum Abtöten verwendete Gift verursacht millionenfaches, namenloses Tierleid (auch Insekten und Würmer sind erwiesenermassen schmerz- und somit leidensfähig). Die Giftkeule schädigt Land, Boden und Wasser weiter. Und die vermeintlichen "Schädlinge" werden mit der Zeit resistent gegen die Gifte. Und die Lösung? Vielfalt statt einfältige Methoden. Dazu bietet sich die Permakultur nach Sepp Holzer in idealer Weise an. Sie beruht auf dem Bestreben, die mannigfaltigen Elemente der Natur in sinnvoller Lenkung harmonisch zusammenwirken zu lassen.  

"Schädlinge" als Nützlinge
Sämtlichen Tierarten, die in die Permakultur eingebunden sind, wird möglichst viel natürlicher Lebensraum im Freien geboten. Durch die Freilandhaltung entlasten die Tiere sogar den Bauern. So helfen zum Beispiel Wildschweine, indem sie den Boden durchwühlen, auflockern und so als "lebendige Pflüge" dienen. Sie fressen Schnecken, nehmen sich des Fallobstes an, bevor sich Fäule oder Schimmel ausbreiten kann, und sorgen dafür, dass sich die Vegetation vervielfältigt, da sich durch das Aufbrechen der Grasnarbe viel mehr Pflanzen ansiedeln können als in dicht bewachsenen Gebieten. Die "Schrecken der Gärtner", wie zum Beispiel Wühlmäuse oder Schnecken, bekämpft Sepp Holzer ebenfalls nicht mit roher Gewalt. Denn die Natur bringt in ihrer Intelligenz nichts hervor, was ihr selbst ernsthaft schaden könnte. Das Prinzip jeder "Schädlingsbekämpfung" in der Permakultur besteht darin, herauszufinden, worin ein Nutzen des betreffenden Tieres liegen könnte. Im Falle der Wühlmäuse besteht dieser in einer guten Bodendurchlüftung. Zum Zweiten ist es wichtig, den Tieren genügend "Ablenkpflanzen" anzubieten, die sie gerne fressen. Die Frage ist also nicht, was man gegen die Tiere tun kann, sondern was man für sie tut, damit sie nicht schaden, sondern nutzen! "Schädlinge" gibt es nicht.

*Hans Peter Roth ist Journalist und Autor. Er arbeitet unter anderem für die Schweizerische Stiftung für Tierschutz, www.protier.ch. Er ist auch Verfasser des Buches "Die Bucht", das Buch zum gleichnamigen Film, welcher 2010 den Oscar als bester Dokumentarfilm gewonnen hat (www.diebucht.ch).  

erstellt von Kolumne Hans Peter Roth*