Alarm im Tierreich

Lautlos und beinahe unbemerkt verschwinden sie: Libellen, Heuschrecken, Tagfalter, Eidechsen, Wildbienen und noch viele andere Arten mehr! Mobilisieren Sie Ihre Familie, die Vielfalt unserer Natur zu bewahren. Es gibt viele kleine und grössere Aktionen, die praktisch alle von uns umsetzen können.

Sie schreien nicht, sie beklagen sich nicht, sie verabschieden sich still. So leise, dass wir Menschen es leider kaum wahrnehmen. Haben Sie gewusst, dass an einem Tag weltweit zwischen 20 und 30 Tier- und Pflanzenarten verschwinden? Auch in der Schweiz verschwinden lokal einst häufige Arten, und die Bestände zahlreicher bereits seltener Arten gehen weiter zurück. Gründe dafür gibt es viele, doch verantwortlich dafür ist immer der Mensch - also wir und die anderen rund sieben Milliarden Mitbürger dieser Erde. Wir alle beanspruchen Wasser, Energie, Fischgründe und Fläche für Wohnen, Freizeit und Lebensmittelproduktion in einem Mass, das weit über der Kapazität des Ökosystems Erde liegt. Teilt man die  gesamte nutzbare Fläche unseres Planeten durch die Weltbevölkerung, dann zeigt sich, dass jedem theoretisch nur zwei Hektaren zustehen - das wäre der ideale ökologische Fussabdruck. Doch viele Menschen - vor allem in den Industrieländern - tragen die Schuhe einige Nummern grösser. In der Schweiz zum Beispiel braucht ein durchschnittlicher Bewohner zwischen 5 und 6 Hektaren. Das bedeutet, wir bräuchten 2,5 Planeten, wenn alle diesen Lebensstil ebenfalls für sich beanspruchen würden. Möchten Sie wissen, wie gross Ihr persönlicher Fussabdruck ist? Machen Sie den Test - einen Rechner dazu finden Sie hier.

Zerstörung der Lebensräume
Je nach Lebensstil braucht jeder und jede von uns mehr oder weniger Platz und Ressourcen. Um die ständig steigenden Bedürfnisse der modernen Gesellschaft zu befriedigen, wird immer mehr Land intensiv für die Landwirtschaft genutzt und/oder mit Häusern, Industriegebäuden, Strassen und Eisenbahnlinien überbaut. Kaum ein anderes Land verfügt über ein derart dichtes Weg- und Strassennetz wie die Schweiz. Was uns hilft, schnell von A nach B zu gelangen, bedeutet oftmals den Verlust von Lebensräumen für Pflanzen und Tiere. Vor allem durch den Bau der Nationalstrassen wurden viele bedeutende Wildtierkorridore unterbrochen. Schon kleine Hindernisse stellen für manche Tiere unüberwindbare Barrieren dar. So kann zum Beispiel ein abgemähter Wiesenstreifen verhindern, dass Schmetterlinge zu ihren Nahrungspflanzen gelangen. In isolierten Lebensräumen, die wie Inseln keine überbrückbaren Verbindungen untereinander haben, können nur kleine Populationen leben. Ihnen droht das Aussterben, unter anderem weil der Austausch mit benachbarten Beständen fehlt.

In der Schweiz wird seit Jahrzehnten und bis heute pro Sekunde ein Quadratmeter Land verbaut. Zwar ist in unserem Land die Waldfläche geschützt, doch weltweit stehen die Wälder unter extremem Druck. Dies betrifft vor allem die Regenwälder Südostasiens und Südamerikas. Durch die Abholzung von Wäldern, die Überfischung der Meere, die Trockenlegung von Mooren und die Zersiedelung von Landschaften ist die Vielfalt des Lebens auf der Erde in ernsthafter Gefahr: Die Biodiversität ist weltweit in einem starken Rückgang begriffen. Fast 60 Prozent der weltweiten Ökosysteme sind bedroht. Dementsprechend lang sind - nicht nur in der Schweiz - die Roten Listen. Weltweit gelten über 16000 Tier- und Pflanzenarten als vom Aussterben bedroht. Allein in der Schweiz sind in den letzten 150 Jahren 224 Tier- und Pflanzenarten ausgestorben oder verschollen. Heute sind fast die Hälfte (40%) der gut untersuchten Tierarten auf der Roten Liste. Ein Drittel (34%) der Blütenpflanzen und Farne sind verschwunden, bei den Moosen sind 42%, bei den Flechten 41% bereits ausgestorben oder gefährdet.

Eine hohe Biodiversität ist unsere Lebensgrundlage
Die Biodiversität - also die Vielfalt von Lebensräumen, Arten und Genen sowie ihr Zusammenspiel - ist für die Natur und für uns Menschen überlebenswichtig. Erst diese Vielfalt hat unsere Erde zu einem bewohnbaren Ort gemacht. Ihr verdanken wir unsere Nahrung, sauberes Wasser und Luft, Kleidung, Energie, Baustoffe, Medikamente sowie bewohnbare Landschaften. Auenwälder sowie Moorflächen halten die Spitzen von Hochwasser wirksam zurück und speisen zusammen mit anderen Ökosystemen unsere Trinkwasservorräte.

Das Verschwinden von Arten und Lebensräumen hat einen grossen Einfluss auf die Lebensbedingungen der Menschheit. Deshalb hat die internationale Gemeinschaft die Notwendigkeit anerkannt, sich für die Erhaltung der Biodiversität zu engagieren. Die Vereinten Nationen haben beschlossen, 2010 zum Jahr der Biodiversität auszurufen, denn bis 2010 sollte gemäss den Vorsätzen vom Erdgipfel in Johannesburg 2002 der Verlust der Biodiversität weltweit deutlich verlangsamt sein. Mehr als 190 Staaten werden im Oktober im japanischen Nagoya an der zehnten Vertragsparteienkonferenz zur Biodiversitätskonvention Rechenschaft darüber ablegen, ob sie dieses Ziel erreicht haben. Die Länder Europas inklusive der Schweiz haben gar versprochen, den Verlust der Biodiversität bis 2010 ganz zu stoppen! Die globale Initiative «Countdown 2010» setzt sich dafür ein, dass die Regierungen dieses Versprechen halten.

Wo stehen wir in der Schweiz heute?
Zwar haben in den letzten Jahren in der Schweiz Bund, Kantone und Gemeinden, Land- und Forstwirtschaft, Naturschutzorganisationen und viele andere Beachtliches getan für den Schutz der Natur. Doch das allein reicht offenbar nicht. Die gerade erschienene Studie des Forums Biodiversität Schweiz zeigt, dass die Verluste der Biodiversität in der Schweiz zwar in einigen Bereichen verlangsamt und in Einzelfällen gestoppt werden konnten. Insgesamt sinkt die Biodiversität in der Schweiz aber weiter: Die Bestände bereits seltener Arten schrumpfen, die Qualität wertvoller Lebensräume sinkt. Um den noch immer andauernden Negativtrend aufzuhalten und ins Positive zu überführen, braucht es aber verstärkte Anstrengungen. Die nationale Biodiversitätsstrategie, die jetzt vom Bundesamt für Umwelt erarbeitet wird, muss diese Trendwende einleiten. Allerdings - die Vielfalt der Arten ist zu wertvoll, um sie allein der Politik zu überlassen. Der Einsicht müssen endlich Taten folgen. Packen wir es gemeinsam an!


Mehr Infos:
biodiversitaet2010.ch
biodiversity.ch
pronatura.ch/biodiversitaet
wwf.ch/biodiversitaet
birdlife.ch/biodiversitaet
prospecierara.ch

erstellt von Christina Bösiger