„Jedes Jahrzehnt kriegt die Musik, die es verdient“

Was tun, wenn Sohn oder Tochter die falsche Musik hören? Beziehungsweise: Gibt es überhaupt falsch und richtig, wenn es um den Geschmack geht? Chris von Rohr, Schweizer Rockmusiker von Weltruf und Vater einer Tochter (11), im Inteview.

Chris von Rohr, Musiker und Vater eines Teenagers.

Chris von Rohr, sprechen wir zunächst über die Hitparade, dieses Urgestein in der Schweizer Musiklandschaft. Erinnerst du dich an den Moment und das Gefühl, als du selbst zum ersten Mal in den Charts warst mit einer Platte oder Single?
Ja, aber das hatte mit der Schweizer Hitparade herzlich wenig zu tun. Wir waren mit unserem Album „Metal Rendez-Vous“ um das Jahr 1980 erstmals in den Charts in England. Hammergefühl, aber ich erinnerte mich auch an die Zeit zurück, wo ich hierzulande die neuesten Songs aus dem Ausland zu später Stunde versteckt irgendwo, aussenseitermässig in einer Art Hitparade hören musste. Wir waren von Anfang an in anderen Ländern erfolgreicher als zuhause, wobei das auch immer unser Ziel war.

Weshalb? Hat die weite Welt einfach mehr gelockt?
Wir haben uns als Band früh entschieden, auf Englisch zu setzen. Unsere persönlichen Helden kamen ja alle aus Grossbritannien – Beatles, Stones, Kinks und so weiter. Klar hatten wir zunächst auch ein bisschen bescheidenere Träume, wir wollten einfach von der Musik leben und eines Tages als erste Schweizer Band das Hallenstadion füllen. Das haben wir auch erreicht. Aber dass wir als Headliner in denselben traditionsreichen englischen Konzertlokalen spielen wie unsere Vorbilder, das hat uns umgehauen. Dabei habe ich damals nur umgesetzt, was schon meine Mutter immer gesagt hat.

Chris von Rohr hat auf mütterlichen Rat gehört? Was hat sie dir auf den Weg gegeben?
Sie hat gesagt: Wenn du es im Leben zu etwas bringen willst, musst du gross denken. Gut, denken alleine reicht nicht, zähes Arbeiten und Dranbleiben ist auch nötig. Aber die Ziele muss man sich hoch stecken, sonst reicht es nicht mal für die tiefen.

Dann war für dich beziehungsweise eure legendäre Band Krokus die Schweizer Hitparade vermutlich nicht mehr ganz so erstrebenswert wie für andere Formationen.
Die Single-Hitparade war für uns kurz und knapp gesagt komplett unwichtig. Das hatte natürlich auch damit zu tun, dass wir immer eine reine Album-Band waren, wir haben nie auf Singles gesetzt, wir waren eher überrascht, wenn es einzelne unserer Songs in die Charts schafften. Für uns ging es schlicht und einfach darum, Konzerte zu geben und Alben zu verkaufen und zu wissen, dass die Leute da draussen unseren Sound wollen. Gold-Status für ein Album: Das zählte. Aber keine Hitparadenplatzierungen.

Heute bist du unter anderem als Produzent für andere Künstler tätig. Da wird dich die Hitparade doch zwangsläufig stärker interessieren?
Nicht unbedingt. Diese Ranglisten entsprechen nicht immer der Wahrheit, also den wahren Verkaufszahlen. Es ist bekannt, dass einzelne Titel künstlich gepusht und andere regelrecht geschnitten wurden. Früher hatte die Hitparade eine andere Funktion. Nehmen wir die 60er-Jahre, da waren die Charts die einzige Möglichkeit, mit geringem Aufwand neuen Sound kennen zu lernen – wir konnten ja nicht einfach alle Scheiben kaufen, die neu auf den Markt kamen. Klar, die Musiker schielen auch heute noch auf die Hitparade, aber mehr in der Art eines sportlichen Wettbewerbs. Wenn einer gut im Geschäft ist, will er die Nummer 1 haben, das ist eine Prestigesache, auch wenn eine solche Rangliste eigentlich gar nichts aussagt. Was zählt, ist wie gesagt die Anzahl verkaufter Einheiten, also ob an der Wand Gold- und Platinalben hängen. Alles andere ist reine Kosmetik.

Das heisst, du bist noch nie durch die Schweizer Hitparade auf neue, spannende Musik oder einen interessanten Künstler gestossen?
Eher via Youtube oder in einem Film. Ich höre die Charts sehr selten. Wozu sollte ich? Das meiste, was dort läuft, ist die Kopie einer Kopie einer Kopie. Das habe ich alles in den 60er- und 70er-Jahren schon gehört, und zwar um Meilen besser. Klar schaue ich als Produzent einzelne Sachen näher an und analysiere, warum eine bestimmte Scheibe erfolgreicher ist als andere. Aber diese auf dem Reissbrett konstruierte Popmusik, die einfach tagein, tagaus auf allen Kanälen aus dem Äther plätschert, ist mir doch eine Ecke zu seicht und  vor allem zu vorhersehbar. Man muss sich vorstellen: Ewige Welthits wie „Satisfaction“ von den Stones, „Hey Jude“ von den Beatles oder auch die Songs von Bob Dylan waren zu ihrer Zeit Popmusik, Chartsmaterial! Unglaublich. Heute findet man in der Hitparade meistens halbherzigen Müll oder Coverversionen solcher Hits. Und die Kids von heute wissen nicht mal, dass es sich nur um ein Cover handelt.

Das hört sich nun schon fast ein wenig verbittert an…
Im Gegenteil - es ist einfach die Wahrheit, und ich sage immer: Jedes Jahrzehnt kriegt die Musik, die es verdient. Ich bin kein Schulmeister, der sagt, wie es sein sollte, ich beobachte nur.

Das heisst: Im Hause von Rohr gibt es keine Soundregeln? Du hast eine elfjährige Tochter, die vermutlich auch ihren eigenen Geschmack hat.
Bei uns im Haus steht schon ewig eine Jukebox, da drin steckt viel Sound aus den 60ern und 70ern und rein gar nichts Aktuelles. Meine Tochter mag das, aber sie mag auch auch  aktuelle Popmusik wie Adele, Lady Gaga und Shakira. Dagegen habe ich absolut nichts, es gibt ja auch immer mal wieder einen wirklich witzigen Sommerhit. Eine gute Melodie ist eine gute Melodie, basta. Das Zeug von heute ist einfach weniger beständig als damals, weil alles mit viel Technik aufgepeppt wird statt mit neuen innovativen Melodien.

Gerade mit deinem musikalischen Background wäre es aber verständlich, wenn du versuchen würdest, deine Tochter sanft zu beeinflussen, was den Musikgeschmack angeht.
Väter tun ganz generell gut daran, das, was ihren Kindern gefällt, nicht einfach runterzubashen, sondern mal reinzuhören. Meine Tochter hört alles querbeet, von den Beatles bis zu den aktuellen Charts. Ich werde garantiert keine Soundpolizei aufziehen oder irgendwelche sound-ethnischen Säuberungen durchführen. Was jeder von uns machen kann: Die eigene Begeisterung für das, was man gern hat, richtig zeigen, sei das nun Jazz, Klassik, Rock oder Reggae oder was auch immer. Kinder merken schon, was Qualität hat und was nicht. Tochter Jewel findet auch alte Sachen von Jimmy Hendrix spannend, wenn ich sie ihr mit Leidenschaft zeige. Wobei ich hier mal klarstellen muss: Bei mir zuhause läuft nicht den ganzen Tag Sound. Musik ist mein Beruf, da mag ich es zuhause auch mal stiller, da ist der Sound nicht so dominant, wie man vielleicht glaubt - aus der Stille kommt neue Musik by the way...

Wenn ich deine persönlichen Eindrücke zusammenfasse: Du gibst die Jugend also nicht verloren, was die gute alte Musik von früher angeht?
Ich war gerade zwei Wochen für Aufnahmen in den legendären Abbey-Road-Studios in London. Da herrscht jeden Tag ein riesiger Auflauf vor dem Haus, das Studio wird nach wie vor regelrecht belagert, und zwar nicht von alten Nostalgikern, sondern von jungen Menschen aus allen Ländern der Welt. Die Botschaft von damals ist also immer noch unterwegs, keine Angst. Ein guter Song bleibt ein guter Song, egal ob Rock oder Klassik. Vieles in den aktuellen Charts basiert mehr auf Styling als auf Songwriting. Aber es gibt etwas, das tiefer geht, und das geht an den Jungen nicht spurlos vorüber. 99,9 Prozent der aktuellen Chartstitel werden in 50 Jahren längst vergessen sein. Die Beatles hingegen werden mit absoluter Sicherheit in ein paar hundert Jahren noch ein Begriff sein. Die beste Musik ist in den 60er-Jahren entstanden, das muss ich neidlos anerkennen.

Schauen wir mal in die aktuellen Charts. Da finden sich einige altbekannte Bands wie die Toten Hosen, die schon lange im Geschäft sind, einige Instant-Sommerhit-Gewächse, dazu Vertreter der Castingshow-Generation. Sagt dieser Mix etwas aus über das entsprechende Land?
Klar, weil nicht nur jedes Jahrzehnt, sondern auch jedes Land die Charts kriegt, die es verdient. Die erwähnten Casting-Stars sind die eine Schiene, wobei das weniger unter Musik als mehr unter TV-Unterhaltung läuft. Das ist ganz selten, dass da jemand mit nachhaltigem Erfolg draus hervorgeht. Inzwischen ist es ja eher ein Makel, ein Castingshow-Gewinner zu sein, am Radio wird man da nicht selten boykottiert. Die richtig geilen Bands wie die Toten Hosen, AC/DC oder Aerosmith sind unverwüstlich, und von denen kann man auch etwas fürs Leben mitnehmen, da steckt mehr dahinter. Und dann gibt’s eben noch die One-Hit-Wonders…

… die es auch schon immer gab, auch vor einigen Jahrzehnten schon.
Ja, aber mit dem Unterschied, dass diese einmaligen Hits stärker waren und bis heute aktuell geblieben sind. Wenn ich rumzappe, sehe ich plötzlich einen Autowerbespot, der mit einem Hit aus den 60ern unterlegt ist. Das ist kein Zufall, dieses Material hat Qualität. Chartsongs von heute werden in 50 Jahren kaum in der Werbung zu hören sein.

Aber heute dominieren diese Charts das Radioprogramm. Wie sollen Väter damit umgehen: Sollen wir versuchen, uns immer auf dem neuesten Stand zu halten, damit wir mit den Kindern mitreden können?
Wenn es dich als Vater wirklich interessiert: Klar. Wenn nicht: Auf gar keinen Fall. Kinder durchschauen so eine Nummer gnadenlos. Sich künstlich reinschleimen bei ihnen, das geht gar nicht, das ist der falsche Weg. Aber wie gesagt, warum nicht einfach mal reinhören? Und dann die eigene Meinung sagen, aber ganz klar kein Bashing. Und nebenbei eben auch mal sagen, was man selbst gerade so hört, oder bei einem Coversong in den Charts zeigen, wie das Original klingt. Es ist doch kein Geheimnis: Ab einem gewissen Alter wollen sich die Kids verständlicherweise von den Eltern abgrenzen, da finden sie es sogar alles andere als cool, wenn der Vater sich plötzlich total für ihre Musik interessiert oder begeistert. Es gibt nur ein echtes Rezept: Ehrlich bleiben.

Manchmal geht es ja nicht mal nur um die Musik, sondern auch um das Lebensgefühl dahinter. Mir scheint, für uns damals war Musik etwas sehr Ernsthaftes, man hat seine Vorbilder auf dem Pausenplatz verteidigt, heute ist alles unverbindlicher.
Die Kinder haben schon auch Vorbilder, aber die Musik ist nur ein Teil des Ganzen, dazu kommen noch Stylingfragen, Modegadgets… Aber was erwarten wir? Musik hatte damals eine ganz andere Funktion, in meiner Jugend war alles extrem autoritär geprägt, Eltern und Lehrer waren die Chefs. Es war eine grosse Umwälzung und Revolution im Gange, und die Musik war das Benzin zum Feuer. Gegen was sollen sich die Kids heute denn auflehnen? Kurze oder lange Haare, Kleidungsstil, das waren bei uns riesige Themen, heute geht ja praktisch alles und vieles for free. Das neue Problem ist der Überkonsum, dass wir alle so gesättigt sind. Aber die Musik als Befreiung von den Fesseln, wie es für uns damals der Fall war – forget it.

Das heisst, selbst ein Rockstar wie Chris von Rohr fügt sich in das Schicksal, wenn seine Tochter eines Tages eine absolute Seichtpop-Phase hat?
Wir können die Schätze, die wir aus unserer eigenen Vergangenheit kennen, unseren Kindern locker anbieten – mehr nicht. Entscheidend ist, dass es aus vollem Herzen kommt. Nur weil die Tochter Shakira-Fan ist, plötzlich auch Shakira hören und mit der Tochter darüber sprechen wollen? Mit Anbiederung Punkte sammeln wollen kommt nie gut. Ich  würde beispielsweise nie mit meiner Tochter an irgendein überrissen teures Konzert eines Teenie-Stars gehen. Dann geh ich lieber in einen guten Film mit ihr, der uns beide interessiert oder sage ihr: Komm, geht mit deiner Freundin. Eben: Einfach ehrlich bleiben.

erstellt von Stefan Millius