Heute schon gegroomt?

Grooming ist das neue Zauberwort für Männer. Darunter wird die umfassende Schönheitspflege beim Mann verstanden. Der Markt brummt. Oder neudeutsch ausgedrückt: Grooming is brooming.

Duschen, schnell rasieren, ein paar Sprüher mit dem Deo, vielleicht etwas Gel in die Haare: So sah die Körperpflege des Mannes vor gar nicht so langer Zeit aus. Heute liefern sich Damen und Herren schon fast einen Wettlauf darum, wer das Badezimmer länger blockiert. Noch ist die Zahl der Pflegeprodukte für Männer natürlich ein Klacks verglichen mit dem, was für Frauen im Angebot steht. Aber die Herren der Schöpfung holen auf. Eine andere Beziehung zum eigenen Körper, Veränderungen im Rollenbild, zunehmendes Bewusstsein für die eigene Aussenwirkung: Das alles hat dazu geführt, dass Männer heute wie selbstverständlich umfassende Beratungen in den entsprechenden Fachgeschäften in Anspruch nehmen.

Männer- statt Tierpflege

Das Fachwort für die die umfassende Körperpflege beim Mann inklusive Augenbrauenzupfen, Peeling und dem Kampf gegen Nasenhaare lautet Grooming. Nicht sehr schmeichelhaft im Grunde, denn ursprünglich stammt der Begriff aus der Verhaltensbiologie und bezeichnet alle Aktivitäten eines Tieres, die der Körperpflege zugeordnet werden können. Eine Katze, die sich sauberleckt und ein Hund, der sich trockenschüttelt: Alles Grooming. Aber eben, beim Menschen und im Jahr 2013 ist ein bisschen mehr Stil verbunden mit dem Wort.

Das hat natürlich mit den gestiegenen Erwartungen zu tun, die Frauen an Männer und Männer unter sich haben. Alterserscheinungen wie Falten wurden von Männern früher klaglos hingenommen mit dem Hinweis, dass der Mann mit zunehmendem Alter bekanntlich immer interessanter wird, während Frauen einfach, nun ja, älter werden. Heute gilt es gerade bei jüngeren Generationen bereits als selbstverständlich, die Auswirkungen des Alters an allen Fronten zu bekämpfen. Ebenfalls der Kampf angesagt wird der Körperbehaarung an allen möglichen und unmöglichen Orten. Gemäss einer Studie, die auch schon einige Jahre auf dem Buckel hat, verbringt der durchschnittliche Mann in unseren Breitengraden in seinem Leben 3350 Stunden mit seinem Rasierer. Wie sieht das erst heute aus, wo längst nicht mehr nur das Gesicht rasiert wird?

Bart ja, aber…

Apropos Rasur: Früher galt die Regel, dass man – zumindest in etwas gehobener Stellung oder im Umfeld von Banken und Versicherungen – das Büro unrasiert gar nicht erst betreten muss. Es war undenkbar, im Stoppel-Look den Kunden gegenüber zu treten, und Vollbärte wurden eher mit dem Stammtisch assoziiert als mit hartem Business. Heute trägt ganz Hollywood Bart, und männliche Models ohne Gesichtsbehaarung sind weitgehend aus den Anzeigenseiten verschwunden. Man könnte glauben, dass das Leben als Mann heute damit einfacher ist – Rasieren nur, wenn gerade Lust. Falsch. Der gesellschaftlich akzeptierte Bart hat eine bestimmte Länge und ist gepflegt. Wer seinen Bart länger als eine Woche stehen lassen will, muss ihn dafür trimmen, Richtung Hals sauber ausrasieren und abgestorbene Hautzellen mit Peeling entfernen. Die Partnerin schätzt es zudem, wenn der Bart mit einigen Tropfen Pflegeöl geschmeidig und frisch gehalten wird und nicht kratzt. Mit anderen Worten: Einen Bart wachsen zu lassen ist ganz und gar nicht mit weniger Arbeit verbunden als sich jeden Tag einfach blank zu rasieren.

Rasieren lassen

Es gibt aber auch gute Nachrichten. Mit dem Aufkommen des Grooming haben nicht nur Hersteller von Pflegeprodukten den Mann als Kunden neu entdeckt. Auch Coiffeure, Kosmetiker und verwandte Branchen stehen nun bereit mit Dienstleistungen für den Mann, die als bereits ausgestorben galten. Zum Beispiel eben die Rasur durch fremde Hände. Früher war der Gang zum Barbier in gewissen Gesellschaftsklassen eine Selbstverständlichkeit, doch dann machten die Hersteller von technisch ausgefeiltem Heimzubehör dieser Sitte ein Ende. Nun aber treibt es immer mehr Männer zumindest für den Feinschliff zum Fachmann. Denn ob mit Bart oder ohne, ob kurze oder lange Haare, eine gepflegte Gesamterscheinung wird inzwischen vorausgesetzt. Auch beim Mann. So, dass der Begriff Grooming vielleicht schon bald verschwindet. Dann nämlich, wenn das, wofür er steht, als selbstverständlich gilt.

erstellt von MBA