Arenadiskussion: Vom Spagat der Väter

Für viele Väter ist es schwierig, Beruf und Familie gleichwertig zu gewichten. Denn nach wie vor sind meist sie für die finanzielle Sicherheit der Familie zuständig.

Kinder brauchen ihren Papa: zum Spielen, Reden, zum Kuscheln - und überhaupt. Trotzdem sind die Väter in vielen Familien die grossen Abwesenden. Studien zeigen jedoch, dass Kinder, die von beiden Elternteilen zu gleichen Teilen erzogen werden, mehr Selbstwertgefühl entwickeln.

Väter sind nicht in jedem Fall freiwillig abwesend. Allzu oft werden Männer hierzulande belächelt, wenn sie Teilzeit arbeiten möchten, um sich mehr um ihre Kinder kümmern zu können. Kein Wunder, denn Familienarbeit geniesst in unserer Gesellschaft wenig Ansehen. Anerkennung wird jenen Menschen zuteil, die Geld verdienen. So bleibt Teilzeitarbeit unter männlichen Berufstätigen weiterhin die Ausnahme. Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Arbeitet der Mann als Banker, die Frau als Coiffeuse, ist fraglos klar: Wer mehr Geld nach Hause bringt, wird von der Familienarbeit entlastet.

Karin Schwiter hat Väter befragt, was sie sich unter einem guten Vater vorstellen. Die Antworten sprechen Bände: Die meisten Väter möchten beides zugleich: Viel Zeit mit ihren Kindern verbringen und in ihrem Berufsleben möglichst präsent sein. Ein Spagat der besonderen Art. Warum können sich Väter denn nicht mehr Zeit für ihr Familienleben nehmen? Heute kann doch jeder frei entscheiden. Leider ist die Freiheit zu wählen eine Illusion. Erstens verdienen Frauen nach wie vor weniger als Männer. Und zweitens herrscht in den Köpfen vieler Manager noch immer die Vorstellung vor, dass Arbeitnehmer dem Unternehmen jederzeit zur Verfügung stehen sollten. Studien weisen jedoch nach, dass Menschen, die in ihrem Leben andere Prioritäten als den Beruf kennen, ihre Arbeit kreativer und lustvoller erledigen und dabei gesünder bleiben. Auch deshalb sind Arbeitgeber aufgefordert, die Bedürfnisse der Väter in ihren Betrieben ernst zu nehmen. Könnten Mütter und Väter frei entscheiden, wie sie die Erwerbs- und Familienarbeit unter sich aufteilen, wären Mütter nicht gezwungen, zu Übermüttern zu werden. Die Folgen wären eine positive Entwicklung der Kinder - und entspanntere Eltern, ob sie nun zusammen oder getrennt leben.

 Es braucht eine familienfreundliche Zukunft
Im Rahmen einer wissenschaftlichen For-schungsarbeit befragte ich junge Erwachsene -Mitte zwanzig unter anderem, wie sie sich selbst als zukünftige Väter vorstellen. Ein guter Vater zu sein heisst für sie in erster Linie, sehr viel Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Am allerwichtigsten ist ihnen, durch viele gemeinsame Aktivitäten, Erlebnisse und Gespräche eine enge, vertrauensvolle Beziehung zu ihren Kindern aufzubauen. Gleichzeitig gehen sie aber davon aus, dass auch die Erwerbswelt ihre vollzeitliche Präsenz ver- langen wird.

Darin wird das Dilemma sichtbar, das unsere Gesellschaft gegenwärtig gefangen hält: Wir haben ein Vaterbild, bei dem sich erst die eine Hälfte modernisiert hat, während die andere Hälfte noch dem verstaubten Familienideal der 1960er-Jahre entspricht. Väter sollen im Alltag der Familie nicht länger durch Abwesenheit glänzen, sondern als Betreuer, Spielkameraden und enge Vertraute der Kinder an deren Alltag teilhaben. Gleichzeitig wird jedoch nach wie vor wie selbstverständlich von ihnen erwartet, dass sie weiterhin als 100 % erwerbstätige Ernährer im Beruf Karriere machen und fürs finanzielle Auskommen der Familie sorgen. Das kann nicht aufgehen. Wenn wir unseren Kindern tatsächlich die Chance geben wollen, mit ihren Vätern den Alltag zu teilen, dann müssen wir nun auch die zweite Hälfte unseres Väterbildes modernisieren und dabei primär die Erwerbswelt in den Blick nehmen. In einer väterfreundlichen Gesellschaft können sowohl Frauen als auch Männer in allen Branchen 60 oder 80 % arbeiten, ohne dadurch beruflich aufs Abstellgleis gestellt zu werden. Fordern wir - Frauen und Männer - diese Möglichkeiten ein, sowohl für unsere eigene Familie als auch auf politischer Ebene! Bauen wir an einer familienfreundlicheren Zukunft, in der Väter einen Teil ihres Alltags mit ihren Kindern verbringen können.

Keine Anerkennung für Hausfrauenarbeit
Als wir heirateten, waren wir schon seit 16 Jahren ein Paar und hatten bereits eine 10 Jahre alte, gemeinsame Tochter. Unterdessen sind wir in der Scheidung. Die auszuhandelnden Abmachungen versuchen wir möglichst fair zu gestalten. Während unserer Familienzeit trug ich die Verantwortung für Haushalt und Kinderbetreuung.

Als Selbständigerwerbender ging mein Partner oft früh aus dem Haus und hatte lange Präsenzzeiten. Seit er allein wohnt, muss er es sich organisieren, wenn er seine Tochter sehen will.   

In meiner Generation sind wohl viele mit «abwesenden» Vätern aufgewachsen. Es war normal, dass die Mutter zu Hause und der Vater an der Arbeit war. Bei uns galten denn auch die Regeln meiner Mutter, von der Sichtweise meines Vaters habe ich da wenig mitbekommen. Für meine Mutter war es sicher nicht einfach, zu Hause zu bleiben. Sie hätte bestimmt gern weiter in ihrem Beruf gearbeitet, doch dafür hätte sie revolutionäre Kräfte gebraucht - und ein anderes Selbstbewusstsein. Die Abwesenheit eines Elternteils hat Folgen für die Entwicklung eines Kindes. Sind beide Eltern präsent, haben Kinder nicht nur zwei einzelne, verschieden- geschlechtliche Vorbilder, sondern auch ein Beziehungsvorbild. Sie sehen, wie Konflikte gelöst werden, was Liebe, Respekt und Toleranz bedeuten und dass man an einer Beziehung arbeiten muss. Fehlt ein Elternteil, fehlt dem Kind auch dessen geschlechts- spezifische Sichtweise auf die Welt. Männer spielen anders als Frauen, sind auf andere Weise zärtlich, haben andere Befindlichkeiten, denken oft anders. Kinder brauchen beide Vorbilder, um die eigene Orientierung zu finden und das eigene Selbstwert- gefühl aufzubauen.

Hausfrauenarbeit hat keinen Status, erhält keine Anerkennung. Das gibt viele Probleme für Mütter UND Väter. Würde der Staat Hausfrauenarbeit entschädigen, hätte die für die ganze Gesellschaft wichtige Arbeit der Mütter und Hausfrauen einen ganz andern Stellenwert. Die Entlöhnung der Fami- lienarbeit würde auch Druck von den Vätern nehmen, ihre Ernährerrolle wäre entlastet.

In Abwesenheit können Väter den Kindern nicht den nötigen Rückhalt vermitteln, so sind die Kinder später - meist unbewusst - auf der Suche nach dem Vater, wenn sie sich in eine Beziehung begeben.

Ich kann Gott sei Dank auch heute noch viel Zeit mit meinen Kindern verbringen, denn als Arbeit- nehmer habe ich die Pflicht, nicht weniger, aber auch das Recht, nicht mehr als die vorgegebenen Wochenstunden zu arbeiten; mein Beruf bringt es jedoch mit sich, dass auch der eine oder andere Anlass am Abend dazugehört und mein freier Tag in der Woche neben dem Sonntag der Montag und nicht der Samstag ist, also ein Tag, an dem meine Tochter am Vor- und am Nachmittag im «Kindsgi» ist und so, ausser in der schulfreien Zeit, wenig gemeinsame Zeit übrig bleibt. Das kann ich ein wenig kompensieren, indem ich die verbleibende gemeinsame Zeit wirklich freihalte und bewusst gestalte oder mir auch einmal tagsüber Zeit für sie nehme und dann am Abend, wenn sie schon schläft, weiter-arbeite, wie es vor allem in der Krankheitsphase von 6 Monaten meines Sohnes der Fall war, der zusammen mit der Mutter oft im Spital sein musste.

Auch dort haben wir vom Pflegepersonal die Bestätigung bekommen, dass es keine bessere «Therapie», keine besseren Begleitumstände gibt, die medizinischen Notwendigkeiten zu unterstützen, als die dauernde Anwesenheit von Mutter oder Vater (oder natürlich beiden). Dazu gehört aber auch eine klare Entscheidung, dass ich auch am Abend, wenn ich heimkomme, die erste Zeit zunächst der Familie, besonders den Kindern gebe, auch wenn ich noch einiges Private zu erledigen hätte oder auch schon müde bin. Doch wenn und wem es möglich ist, viel Zeit mit den Kindern zu verbringen, der wird Unvergessliches erleben. So weiss ich immer noch das erste gesprochene Wort, der erste gesprochene Satz, wann und wo das erste selbständige Aufstehen geschah, die ersten Schritte gelungen sind und vieles mehr.

Um für Kinder wirklich Vater sein zu können, braucht es auch eine grosse Versöhntheit mit der eigenen Kindheit; sonst konfrontieren die Kinder den Vater mit seinen eigenen ungelösten Problemen bzw. mit seinen noch nicht geheilten Verletzungen.

Die Rolle des Ernährers
Eigentlich hat sich bei uns die Rollenverteilung einfach so ergeben. Bei der Geburt unserer Tochter gründete ich gerade eine Firma. Als dann noch die Zwillinge kamen, wuchs die Belastung massiv, gleichzeitig aber auch mein schlechtes Gewissen, dass ich nie zu Hause war.

Hinzu kam, dass ich als Folge verschiedenster Umstände viel Gewicht zunahm. Die Mischung, so schwer zu sein, keine Zeit für meine Familie zu haben, führte dazu, dass es bei mir stetig bergab ging. Meine Frau war immer für die Kinder da, ich ging meinem Job nach. Ab und zu erhob sie leise Vorwürfe, sie hat sich wegen mir auch sehr stark eingeschränkt über all die Jahre. Eines Tages fasste ich den Entschluss, abzunnehmen und unterzog mit einer entsprechenden OP. Innerhalb eines Jahres nahm ich 100 kg ab. Ich konnte wieder Sport treiben, hatte wieder mehr Zeit für die Familie. Das Problem aber war, dass ich mich zwar körperlich verändert hatte, aber nicht mental. Ich begann, mein Leben erneut völlig in Frage zu stellen, die Belas-tung wurde immer grösser, bis ich in ein schweres Burnout lief. In dieser Zeit hatten meine Jungs Geburtstag und ich war nicht mal anwesend. Der erste Geburtstag eines Familienmitgliedes, bei dem ich nicht anwesend war. Darunter litt ich sehr.

Auch beruflich ging es nicht gut, die Probleme häuften sich. Ein Burnout ist eine schlimme Sache. Später entschied ich mich, mich wieder anstellen zu lassen, um in ruhigere Gewässer zu finden und ein verlässlicher Partner für meine Frau und meine Familie zu werden. Das ist dann gelungen. Doch es war für uns alle eine sehr schwere Zeit.

Heute bin ich überzeugt, man sollte die Rollen- verteilung nicht einfach auf sich zukommen lassen, sondern mit dem Partner, bevor Kinder da sind, klare Abmachungen treffen. Sind die Kinder da, sollte man sich dann auch strikte daran halten. Es ist enorm wichtig, dass sich beide Eltern Zeit für ihre Kinder nehmen. Erziehung wird zu oft an die Schule delegiert. Das hat Folgen. Die Jugendkrimi- nalität hängt aus meiner Sicht auch damit zusammen, dass sich viele Eltern keine Zeit mehr für ihre Kinder nehmen.

 

Warum so viele -abwesende Väter und -dadurch so viel Leid?
Die Zunahme von Trennungen von Paaren und das Auseinanderbrechen von Familien hört nicht auf und nichts lässt darauf schliessen, dass dieser Trend nicht weiter andauert. Die Folgen für die Kinder sind katastrophal. In der Schweiz haben 18´000 Kinder keinerlei Kontakt mehr zu ihren -Vätern. 80´000 Kinder haben weniger häufig Kontakt mit einem Elternteil nach einer Trennung und 53´500 Kinder von geschiedenen Paaren leiden unter psychischen Symptomen.

Warum sind so viele -Väter abwesend und warum all dieses Leid? Der Grund für diese Situation besteht darin, dass keine wirkliche Kultur für die Lösung von Ehekonflikten besteht und dass das Schweizer Recht Mängel aufweist, insbesondere was die Ungleichheit der Rechte der Väter und Mütter anbetrifft. Zudem werden die Rechte der Väter und ihrer Kinder, regelmässige Kontakte unterhalten zu können, missachtet und dies wird toleriert.

Heute bringen sich die Väter bei der Erledigung der Hausarbeit immer mehr mit ein und beteiligen sich auch an der Betreuung der Kinder. Ein besseres Gleichgewicht Vater -Mutter erlaubt es der Mutter, sich für eine berufliche Aktivität zu engagieren, was die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau begünstigt. Wenn es jedoch um Trennungen und Scheidungen geht, ist das Rechtssystem immer noch in der traditionellen Aufteilung der Organisation in der Familie verwurzelt, d.h. man geht davon aus, dass der Mann arbeiten geht und die Mutter zu Hause bei den Kindern bleibt, was sehr häufig dazu führt, dass man der Mutter die Kinder zuspricht mit einem Besuchsrecht für den Vater, mit seinen Kindern jedes zweite Wochenende eine Beziehung führen zu können.

Unter den Forderungen der Väter-Vereinigungen möchten wir unterstreichen, dass das Recht des Kindes auf zwei Elternteile und darauf, beide lieben zu dürfen, respektiert werden muss, was eine echte Herausforderung an das Rechtssystem darstellt, das in der Schweiz noch sehr rückständig ist. Leider hat kürzlich der Bundesrat darauf verzichtet, sein Projekt für die Revision des Familienrechts zu präsentieren, das schon recht weit fortgeschritten war und das u.a. vorsah, den Eltern das gemeinsame Sorgerecht zuzugestehen.

 

Was ein Mann sein soll, wird oft geprägt durch Sportstars, Filmfiguren oder ältere Jungs mit ihrem vielfach klischeehaften Rollenverständnis auf dem Schulhof. Dabei hätten sogenannt männliche Eigenschaften - wie in die Welt hinausgehen oder Risiken eingehen - durchaus Qualitäten. Vor allem dann, wenn sie verbunden sind mit väterlicher Fürsorge und Liebe.

Doch dazu müssten Väter im Alltag präsent sein. Die Antwort von Frauen mit Vollzeit arbeitenden Partnern auf die Frage, «Wie habt ihr euch die Kinderbetreuung aufgeteilt?» ist oft die folgende: «Wir wollten ursprünglich die Kinderbetreuung aufteilen, leider ist das in seinem Job nicht möglich.» Für ein Paar ist es organisatorisch und finanziell einfacher, wenn es sich je auf Erwerbsarbeit oder Kinderbetreuung konzentriert. Der Entscheid, für seine Kinder mehr da zu sein, hat also seinen Preis. Es gilt, als Gesellschaft diesen Preis für Paare zu senken. Ein Mann hat leider nur dann die richtige Einstellung zum Job, wenn er Vollzeit arbeitet. Das ist sowohl in den Köpfen vieler Chefs (meist männlich) als auch in den Köpfen der Männer selber. Daher sollten Arbeitgeber nicht nur die Frauenquote in Managementpositionen fördern, sondern in ihren Programmen endlich auch die Väter einbeziehen. Die Politik muss für bessere Strukturen sorgen, damit Väter präsent sein können (bezahlter Vaterschaftsurlaub, gerechtere Sorgerechtsregelung bei Trennungen).

Der Beitrag von Müttern ist es, Bestimmungsmacht in der Kindererziehung abzugeben. Dafür könnten sie sich auch vom Selbstanspruch lösen, immer die perfekte Mutter sein zu müssen. Für Väter hat der Entscheid, beim Aufwachsen seiner Kinder präsent zu sein, auch einen Preis, nämlich Zeit zu investieren und verbindlich Prioritäten zu setzen. Ich bin überzeugt, dass sich all diese Investi- tionen lohnen - für die Kinder, aber auch für die Mütter und Väter selbst.