Hunde und Kinder verboten

Wer Kinder hat, kennt das Problem: Sie sind nicht überall gern gesehene Gäste. Einzelne medial ausgeschlachtete Fälle lösen stets ein grosses Echo aus. Kinderwagen im Trend-Café, spielende Kinder im Restaurant: Was geht, was geht nicht, und wie reagiert man, wenn es zum Konflikt kommt – oder schon früher? Ein Plädoyer für mehr Entspanntheit auf beiden Seiten.

Schauplatz: Ein Eis-Café in der Stadt St.Gallen. Zwischen einer Mutter mit ihren Kindern und den Betreibern kommt es zum offenen Streit. Anlass: ein Kind, das seinem Unmut offenbar recht laut Ausdruck verlieh, sodass sich andere Gäste gestört fühlten und die Mutter zum Gehen aufgefordert wurde. Stunden später wurde die Auseinandersetzung fortgeführt, als der Vater der Kinder im Lokal auftauchte und die Besitzer konfrontierte. Tagelang beherrschte diese im Grunde private Auseinandersetzung die nationalen Schlagzeilen. In Online-Medien weitete sich der Disput schnell aus. Hier stritten nicht mehr die Direktbeteiligten, sondern Leser des Beitrags. Die einen schlugen sich auf die Seite der Mutter, andere nahmen den Betreiber in Schutz. Anhand dieses Einzelfalls wurde die ganz grundsätzliche Frage sichtbar: Was dürfen Kinder im öffentlichen Raum, wie weit darf es gehen, und wann kann man sich als Unbeteiligter mit gutem Gewissen gestört fühlen?

Unterschiedliche Bedürfnisse

Den Diskussionsteilnehmern in diesem konkreten Fall war eines gemeinsam: Keiner von ihnen war live dabei gewesen, alle konnten sich nur auf die Schilderungen der beiden Seiten abstützen. Die Mutter versicherte, ihr Kind sei nur ganz vereinzelt kurz etwas laut geworden und habe ansonsten friedlich gespielt. Die Inhaber des Eis-Cafés sprachen von Stunden, welche die Mutter mit einer Freundin dort verbracht habe, und die Kinder hätten aufgrund von zunehmender Langeweile immer stärker reagiert. Möglicherweise sagen sogar beide die Wahrheit. Denn die subjektive Wahrnehmung, was das Verhalten von Kindern angeht, ist überaus unterschiedlich. Dem einen geht schon ein kurzer Schrei eines Babys zu weit, der andere begegnet selbst einer längeren Quengelei mit Verständnis. Die Betreiber eines Lokals wiederum können nicht von ihrer eigenen Schmerzgrenze ausgehen, sondern versuchen verständlicherweise, die Emissionen für ihre breit gestreute Kundschaft erträglich zu halten. Denn die bezahlen ja immerhin ihre Konsumation in der Erwartung, diese in Ruhe geniessen zu können.

Demgegenüber steht der ebenfalls nachvollziehbare Wunsch von Eltern, auch nach dem Kindersegen nicht einfach ausgesperrt zu werden aus der öffentlichen Welt. In 99 Prozent der Fälle lassen sich die Bedürfnisse von Eltern und anderen Gästen ja auch durchaus in Einklang bringen. Dort, wo das nicht der Fall ist und das Ganze ausartet, entsteht eine Schlagzeile. Auch wenn so ein relativ banales Problem plötzlich eine überdimensionale Grössenordnung erhält, ist doch anzunehmen, dass sich zumindest im kleineren Rahmen tagtäglich Ähnliches abspielt.

Verbote als Abschreckung

Es gibt Lokalitäten, die vorbeugen, allerdings auf eine unschöne Weise. Sie verbieten beispielsweise kategorisch das Mitbringen von Kinderwagen in der Hoffnung, so gleich auch Kinder als Gäste zu vermeiden. Die offizielle Begründung lautet meistens, das Lokal biete zu wenig Platz für die sperrigen Gefährte. Allerdings werden erfahrene Eltern Kleinsträume genau aus diesem Grund ohnehin meiden, und in aller Regel sind es überaus grosszügig gestaltete Restaurants und Cafés, die auf diese scheinbar selbstlose Weise ihre anderen Gäste «schützen». Verbote dieser Art führen zudem nicht selten ebenfalls wieder zu Medienberichten, die von den einen entsetzt, von den anderen mit Applaus zur Kenntnis genommen werden. Doch selbst dort, wo Kinder nicht auf diese Weise ausgeschlossen werden, kehren Eltern nicht selten nervlich angespannt ein. Sie wissen, dass sich selbst bestens erzogene Kinder von einem Moment auf den anderen plötzlich auf unerwartete Weise und gut hörbar benehmen können. Sie sind also zu einem schönen Teil damit beschäftigt, ihren Nachwuchs so zu unterhalten, dass eine solche Situation gar nicht erst eintritt. Meist ist diese Angst übertrieben, basiert aber vielleicht auf gemachten Erfahrungen. Und vielfach fürchtet man sich ja gar nicht davor, was Gäste von den Kindern denken, nein, man will nicht den Eindruck erwecken, eine schlechte Mutter oder ein schlechter Vater zu sein. Überängstliche Eltern, die jedes Geräusch unterbinden, weil sie niemanden stören, sollten daran denken, dass in jedem Lokal haufenweise Leute sitzen, die sich anders benehmen als vom Nebentisch gewünscht. Aber es sind nur Kinder, die gemassregelt werden. In einer Art vorauseilendem Gehorsam versuchen viele Mamis und Papis, jede Form von «unüblichem» Verhalten im Keim zu ersticken. Sie unterdrücken damit gewissermassen das Bedürfnis des Kindes, sich auszudrücken, um das (mögliche) Bedürfnis des Gastes am Nebentisch zu erfüllen. Das Ergebnis ist ein denkbar angespannter Aufenthalt für alle Beteiligten.

Auf Kinder ausgerichtet

Der Gastro-Unternehmer Rudi Bindella, der für eher hochklassige Häuser bekannt ist, folgt der grundsätzlichen Philosophie «Kinder willkommen». In einem Interview sagte er einst: «Eigentlich müsste es selbstverständlich sein, dass Kinder in Restaurants willkommen sind, dass man für sie etwas macht, denn immerhin sind Kinder unsere Gäste von morgen.» Sein Tipp also: Kinder nicht als notwendiges Übel zur Kenntnis nehmen und dulden, sondern einen Teil der Infrastruktur auf ihre Bedürfnisse ausrichten, damit sie sich wohlfühlen und schwierige Momente wie ein «Austicken» gar nicht erst auftreten. Der Tipp hat aus Betreibersicht eine Kehrseite: Wer sein Lokal bewusst auch auf Kinder ausrichtet, schafft damit natürlich ein Angebot, das eine Nachfrage auslöst. Oder anders gesagt: Wer heute die Voraussetzungen dafür schafft, dass sich ein Kind wohlfühlt, darf davon ausgehen, dass er schon bald recht viele Eltern mit Kindern zu Gast hat. Das kann eine gute Marktstrategie sein, allerdings ist anzunehmen, dass damit eine andere Kundengruppe abspenstig gemacht wird. Es sind ja keineswegs nur Kinderhasser, die sich an – für unsere Ohren oft lauten – Kindergeräuschen stören. Auch das Paar, das selbst Kinder hat und bewusst eine kurze Auszeit bei einem Kaffee geniesst, hat vermutlich wenig Lust, anderen Kindern beim Spielen zuzuhören.

Label für Kinder

Rudi Bindella stellt fest, dass auch er Grenzen kenne, zum Beispiel, wenn Essen durchs Lokal fliegt. Das Restaurant sei nicht für die Erziehung der Kinder zuständig. Da hat er zweifellos recht, allerdings bringt er damit ein anderes Problem auf den Tisch. Das Wort «Erziehung» umschreibt Dutzende von Spielarten. Längst nicht alle Eltern setzen die Grenzen identisch. Was den einen als völlig akzeptabel erscheint, ist für andere absolut nicht tolerierbar. Das haben einige Betriebe längst gemerkt und sich selbst, verbunden mit einem entsprechenden Angebot, das Label «kinderfreundlich» gegeben. Das scheint im Grunde sympathisch, hat aber eine Kehrseite: Man muss demzufolge davon ausgehen, dass alle anderen Lokale per se nicht kinderfreundlich sind. Aber immerhin entstehen so Angebote, bei denen alle – und zwar auch Kinderlose – wissen, was sie allenfalls zu erwarten haben. Eine andere Ausprägung sind beispielsweise Hotels, die bewusst «kinderfrei» sind. Angesichts des wachsenden Angebots an Kinderhotels macht es Sinn, für diejenigen eine Insel zu schaffen, die in den Ferien ganz einfach nicht mit Kindern konfrontiert werden wollen.

Hohe Erwartungen

Solche Angebote schaffen klare Verhältnisse. Die Mehrzahl der Lokale ist aber weder explizit kinderfreundlich oder «kinderfeindlich». Dort entscheidet die einzelne Situation darüber, wie das Miteinander aussieht. Dabei geht es oft nicht einmal von den Lokalbetreibern aus, dass sich zwi

schen Leuten mit und ohne Kindern ein Graben auftut. Es beginnt wohl bei den Eltern selbst. Sie verlangen – in der Annahme, das sei nötig – von ihren Kindern beim Betreten eines Restaurants ein ziemlich artfremdes Verhalten. Über Stunden an einem Tisch stillzusitzen, das ist für Erwachsene machbar, da sie ja meist in ein Gespräch vertieft sind. Für ein Kind ist es Folter. Zumal es ja nicht sein Wunsch war, das Lokal aufzusuchen. Während wir also in diesem gemütlichen Rahmen ganz wir selbst sein dürfen und den Aufenthalt geniessen, fordern wir von den Kindern, ihre natürliche Art für die nächsten Stunden zu unterdrücken. Dass früher oder später das Ventil platzt, ist vorprogrammiert. Daraus könnte man nun die Forderung ableiten, Kinder einfach nicht an solche Orte mitzunehmen. Oder eben nur an diejenigen, die explizit «kinderfreundlich» sind. Das ist durchaus eine Strategie, und es bietet sich wirklich an, nicht gerade sämtliche «Gault Millau»-Häuser der Schweiz mit Vorschulkindern abzuklappern. Aber ist es tatsächlich nicht möglich, mit Kindern ganz normale Restaurants zu besuchen, die sich nicht ausdrücklich an Familien richten?

Restaurant als Trainingsfeld

Das Stichwort ist wohl Toleranz, allerdings von beiden Seiten. Die anderen Gäste sollten davon ausgehen, dass Kinder eine doch recht natürliche Existenzform sind und nicht einfach vom öffentlichen Leben ausgeschlossen werden können, bis sie 18 sind. Wer nur zwischen den eigenen vier Wänden, dem Wald und dem Spielplatz kreist, hat gar keine Chance, sich übliche Verhaltensformen anzueignen. Das Restaurant ist durchaus ein Trainingsfeld, und auf einem solchen kommt es natürlich auch mal zu Fehlversuchen. Eltern wiederum sollen ihre Kinder nicht als Zentrum des Sonnensystems sehen und verstehen, dass andere Menschen ebenfalls Bedürfnisse haben – und das Verhalten von Kindern diese manchmal durchkreuzt. Sicher ist aber, dass das Restaurant nicht das allererste Trainingsfeld sein darf. Wer zu Hause auf jedes Vermitteln von Tischsitten verzichtet oder den Kindern nie erklärt, wie man sich im Umfeld anderer Menschen benimmt, sollte nicht allzu überrascht sein, wenn dann im Restaurant die Pouletknochen quer durch den Raum fliegen. Es sind eigentlich «Basics», die man für einen störungsfreien Restaurantbesuch braucht, verbunden vielleicht mit gesundem Menschenverstand. Dazu gehört auch, dass man sich von Anfang an bewusst ist, wie lange zwei oder drei Stunden aus Kinderperspektive dauern. Eltern müssen nicht auf alles verzichten, sie können aber alte Gewohnheiten für einige Jahre an die neue Situation adaptieren. Und andere Gäste könnten versuchen, im Rahmen des Vernünftigen Verständnis dafür aufzubringen, dass Kinder in erster Linie eines sind: Kinder.

erstellt von Stefan Millius