Wagen Sie das Abenteuer - Bergwandern mit Kindern

Die meisten Kinder wollen nicht einfach eine Bergwanderung mitmachen, sondern Kristallspitzen suchen, Murmeltiere beobachten oder eine Höhle mit der Stirnlampe erforschen. Wandern darf zwar auch sein, aber nicht zum Selbstzweck. Wir zeigen, mit welchen Tricks Eltern ihren Kindern Lust aufs Wandern machen können.

Die Theorie:
Ein kurzer, kindergerecht-abwechslungsreicher Aufstieg, dann das Panorama bis fast zum Mittelmeer, Wind in den Haaren und kein lästiger Autoverkehr weit und breit. Unterwegs Steinbocksilhouetten am Horizont und herben Enzian-Duft in der Nase. Die Eltern haben sich die leuchtenden Kinderaugen beim Anblick der versteckt gelegenen Übernachtungshütte und die überschäumende Begeisterung bei der Entdeckung eines einsamen Bergsees vorgestellt. Oder das Glück beim Kraulen der Ferkel auf der Oberalp, den kindlichen Stolz, als Erster Steinbock oder Adler gesehen zu haben. Man hat an alles gedacht

Die Praxis:
Seit dem Abmarsch unten im Tal immer wieder die eine, selbe Frage,  wie lange das denn noch dauern solle. Diese und ähnliche in jammerndem Unterton vorgetragene Fragen und tiefe Seufzer können Eltern an den Rand der Verzweiflung treiben - nicht nur auf Wandertouren.

Bergwanderungen nichts für Kinder?
Klar! Berge sind auch Familienland, und Wanderungen können sowohl für Erwachsene wie auch für Kinder erholsam und erlebnisreich sein - falls einige Grundregeln eingehalten werden. Die wohl Wichtigste ist die Einsicht, dass Erwachsene besser die Kinder auf eine Bergwanderung begleiten, als dass Kinder an einer Erwachsenenwanderung teilnehmen müssen!

Das tönt wunderbar einfach, ist es in Tat und Wahrheit aber nicht. Denn wer vor dem Kinderkriegen oft in den Bergen unterwegs war, nimmt die Kleinkinderjahre manchmal bezüglich Bewegungsdrang in den Bergen als recht einschränkend wahr. Da freut man sich auf den Moment, an dem die Sprösslinge sicher auf den Beinen sind, um sie in die tolle Bergwelt mitzunehmen. Nur: Berge sehen durch Kinderaugen ganz anders aus, als durch die Erwachsenenbrille. Kinder sind kaum für die Berge zu begeistern, wenn die Eltern dort ihren Bewegungsdrang ausleben. Das unendlich weite Panorama, die unberührte Landschaft, der Wind in den Haaren, die Namen der Gipfel, das meditative Element des Gehens und ähnliches sind kleineren Kindern schnurzegal - die funktionieren ganz anders!

Erste positive Bergerlebnisse von Kindern gehen ganz, ganz langsam vor sich. Ähnlich dem Spaziergang zum Einkaufen ein paar Jahre früher. Musste nicht auch dort jede Schnecke am Wegrand, jede Baustelle und jedes Polizeiauto ausführlich bestaunt und untersucht werden? Genauso geht es einige Jahre später auf Wanderungen vor sich. Was bringt der sprudelnde Bach, wenn man keine Zeit hat, ihn umzuleiten, eine fette Staumauer zu bauen, Rindenschiffchen treiben zu lassen oder darin rumzustaken, bis die Füsse fast abgefroren sind? Was bringt der Rastplatz mit den Felsbrocken in der Wiese, wenn keine Zeit ist, darauf rumzukraxeln, sich dahinter zu verstecken oder den Weg der Feuerwanzen vom Stein bis zum Nest zu verfolgen?

Will man kleinere Kinder für Berge begeistern, heisst es, seine Bewegungs-Ambitionen in den Hintergrund zu stellen. Kein Panoramablick, nix Weitwinkel: nur Makro. Meistens läuft es schief, eine zu Hause minutiös geplante Wanderung genau nach Vorgabe abzulaufen - und schon gar in einer vorgegebenen Zeit (weil nach der Wanderung ja noch andere Verpflichtungen rufen). Anfänglich darf das Ziel nur sein, die Kinder in der Bergwelt auf ihren Entdeckungen zu begleiten und für ihre Sicherheit zu sorgen. Und wer das mit Wonne tut, wird für sich selber am Wegrand viele Wunder entdecken, die man bei seinem üblichen Tempo nicht wahrgenommen hätte. Wann hat man sich das letzte Mal Zeit genommen, einen halbfrischen Kuhfladen sachgemäss zu sezieren? Da kommt erstaunlich viel Leben zum Vorschein. Wann das letzte Mal eine wirklich tolle Bachstauung konstruiert, wann dem Klopfen eines Spechtes nachgegangen, bis man ihn schliesslich entdeckt hat, wann sich aus Blumen einen netten Kopfschmuck und Halskette gefertigt, sich an Murmeltiere herangepirscht oder eine Felsspalthöhle erforscht? Wann?

Dieses Berge-erleben-lassen setzt viel Zeit voraus. Es bedeutet, die Bedürfnisse der Kinder ernst zu nehmen und mit ihnen zusammen Neues entdecken zu wollen. Plant man längere Wegstrecken, findet man sich unwillkürlich in einem recht starren Zeitplan wieder, und oben beschriebene Erlebnisse werden von vornherein ausgeschlossen. Erwachsene finden sich dann in der wenig erstrebenswerten Rolle der ständigen Antreiber wieder. Die Zeitreserve entscheidet also mehr als alles andere über Top oder Flop einer Wanderexpedition. Genug Zeit haben bedeutet auch, bei Pausen oder bei einer frühen Hüttenankunft den Dingen freien Lauf zu lassen. Und vielleicht bleiben gerade diese freien Momente der Wanderung den kleinen Forschern am besten in Erinnerung.

Und trotzdem: Auch wenn man obiges beherzt und berücksichtigt, kann die Frage nach der noch zu erwartenden Dauer der Unternehmung aufkommen: «Wie lang gaats na» ist ein deutliches Signal, dass die momentan ausgeführte Beschäftigung - beispielsweise Wandern - monoton erscheint, und somit stellt sich für Kinder logischerweise die Frage nach der noch zu erwartenden Dauer. Nun ist es höchste Zeit, Gegensteuer zu geben. Es hilft, die Wanderdauer in überschaubare Etappen zu unterteilen: Jetzt geht es noch so lange steil bergauf, wie eine anständige Gutenachtgeschichte dauert. Wandern soll ein Teil des Tagesablaufes, aber keinesfalls Selbstzweck sein. Kinder sollen nicht wandern (müssen), weil die Eltern es so wollen, sondern weil es unterwegs etwas zu erleben gibt. Themen und Geschichten sind das Salz in der Suppe. Erzählungen von Geschichten, Sagen und Mythen helfen über Durchhängephasen hinweg und immer wieder ein Renner für unterwegs sind Spiele: Singspiele, Ratespiele, Rätsel, Reim- und Wahrnehmungsspiele. Auch ganz banale aus der (gross)elterlichen Mottenkiste kommen erstaunlich gut an.

«Wie lang gaats na» kann aber auch ein Signal von geistiger oder körperlicher Müdigkeit sein. Kinder gehen mit anderen physischen und psychischen Voraussetzungen in die Berge als Erwachsene und sind kaum in der Lage, auf Ausnahmesituationen mit reinen Willensleistungen zu reagieren. Ihnen fehlt noch die Erfahrung, wie sie ihre Kraft ökonomisch einsetzen, also eine Ausdauerleistung erbringen können. Die Fähigkeit, gegen Ermüdung Widerstand zu leisten, entwickelt sich erst im Laufe des Schulalters im Zusammenspiel mit einer gewissen geistigen Reife. (Auf die spezielle Situation bei älteren Kindern und bei Jugendlichen gehen wir in der nächste Ausgabe von Kidy swissfamily ein). Die beim Wandern wichtige Langzeitausdauer kann aber durch eine sinnvolle Gepäckregelung und gute Pausen gefördert werden.

Dass kleinere Kinder einen Rucksack tragen, ist nicht zwingend nötig. Da dieser voll gefüllt höchstens 10 Prozent des Körpergewichtes des Kindes wiegen darf, wird der Elternrucksack ohnehin nicht wesentlich entlastet. Gerade auf einer Bergtour, wo die Lust an der Bewegung eine wichtige Voraussetzung für das gute Gelingen ist, sollte die den Kindern eigene Schnelligkeit und Beweglichkeit nicht durch einen hinderlichen Rucksack eingeschränkt werden.

Erholungspausen sind bei Kindern selten dazu da, um sich in Erwachsenenmanier auszuruhen. Meistens setzen sie sich nur kurz hin und verschlingen, was ihnen vorgesetzt wird. Dann sind sie wieder unterwegs, um die Umgebung zu erkunden. Und das, obwohl sie vor wenigen Minuten noch behauptet haben, keinen Fuss mehr vor den anderen zu bringen. Kinder erholen sich anders als Erwachsene. Pausen sind trotzdem wichtig, denn sie unterbrechen eine Tätigkeit und schaffen Raum für Neues. Erholung im herkömmlichen Sinn brauchen eher die Begleitpersonen. Motivieren durch Spiele, selbst erfundene Geschichten und Rätsel ist auf die Dauer sehr anstrengend. In der nächsten Ausgabe von Kidy swissfamily werden die besondere Motivationsproblematik bei älteren Kindern und Jugendlichen, aber auch Sicherheitsaspekte und anderes beleuchtet.

Fazit: Bergwandern mit Kindern hat seine Tücken! Es ist nicht immer einfach, mit dem Nachwuchs in den Bergen unterwegs zu sein. Wer sich aber auf die Bedürfnisse der Kinder einlässt, dem werden einzigartige Momente beschert, die lange in der Familienerinnerung hängen bleiben. Der Aufwand lohnt sich. Wagen Sie das Abenteuer, setzen Sie Ihren Kindern den Bergfloh ins Ohr!


Drei Bergwandervorschläge für wenig wandergewohnte Familien oder solche mit kleineren Kindern

Zentralschweiz: Bergwanderung vom hintersten Muotatal zur Glattalphütte
Warum dorthin? Der Glattalpsee überrascht mit kleinen, warmen Nachbarseelein mit reichem Molch- und Froschleben. Die Quellen und das Versickern des Wassers in Steinspalten (Charetalp) lassen nach dem Woher und Wohin fragen und erinnern an die Sage des pflügenden Teufels. Und: eine kleine Seilbahn hilft beim Auf- oder Abstieg. 

Graubünden: Bergwanderung zur Alp Flix
Warum dorthin? Dunkel-moorige und kristallklare Bergseen, versteckte Eingänge zu ehemaligen Erzgruben, ein sagenhafter und preisgekrönter Pflanzenreichtum, Schmetterlinge zu Tausenden, interessante Milchschafzucht mit Käseverarbeitung und Übernachtungsmöglichkeit, Geschichten zum Marmorera-Geist etc.

Bern/Wallis: Bergwanderung zum Aletschgletscher
Warum dorthin? Moosige Märchenwälder, uralte Suonen, luftige Seilbahnfahrten, surrende Elektromobile, Wollgras- und Fischseen, eine Tunnelstrecke und natürlich das Ewige Eis des Aletschgletschers mit all seinen Farben und Formen lassen selbst hartgesottene Bergverweigerer staunen und wandern.

Informationen zu allen drei Wanderungen mit Routenverlauf, Gehzeiten, Schwierigkeitseinstufungen, Geschichten aus der Region, Spiele für unterwegs etc. finden Sie im Internet unter ppb.ch

erstellt von Remo Kundert