Weltwunder auf tausend Pfählen

Keine Stadt übt eine solche Anziehung aus wie Venedig. Für Kinder ist es paradiesisch hier: anstatt Autos gibt es nur Gondeln und Boote, Gassen, und auf den Plätzen viele Tauben. Und der fliegende Löwe wacht über allem.

In dieser Ansammlung der märchenhaftesten Bauten des Abendlandes werden sogar wandermüde Kinder zu Stadtläufern. Hier erzählt fast jeder Stein, jeder Palazzo und jede Kirche eine Geschichte. Das Labyrinth aus Kanälen, Plätzen, Brücken und Gässchen, die oft am eigenen Orientierungssinn zweifeln lassen, laden zum Entdecken ein. Ausserdem ist es ja eh kaum zu fassen, dass dies alles hier auf Millionen dicker Holzpfähle und Ziegeln sitzt, fest im dunklen Schlamm der Lagune.

Die Rede vom Untergang Venedigs erscheint uns einmal mehr ein guter Marketinggag zu sein. Alles scheint fest zu stehen, auch wenn so mancher Kirchturm recht schief in den Himmel ragt.

Gestohlene Leichen und fliegende Löwen
Was gibt es alles zu staunen, wenn von geraubten Gebeinen aus dem fernen Orient berichtet wird, die unter Schweinefleisch versteckt an Muselmännern vorbei geschmuggelt wurden. Und wenn dies - neben den vielen anderen Szenen aus dem Alten und Neuen Testament - auf einem herrlichen Mosaik aus Gold und Glas am Markusdom betrachten kann, ist das beeindruckend. Die Ohren bleiben gespitzt, wenn die Rede ist von den armen Gefangenen in den Kerkern des Dogenpalastes, die bei Hochwasser wohl dort eher ertranken als verdursteten oder verhungerten, ebenso, wenn man von Casanovas abenteuerlicher Flucht aus den Bleikammern des Palastes hört. Man fragt sich auch, was die vielen Gondoliere so alles berichten könnten, die ihren Gästen das Labyrinth der Kanäle oder den vier Kilometer langen Canale Grande zeigen. Und was haben der geflügelte Löwe, das allgegenwärtige Wahrzeichen Venedigs, und der heilige Theodor auf den dicken Säulen am einstigen Hafen der Lagunenstadt vor dem Markusplatz wohl schon alles gesehen? Wohl nicht nur eine Schöne, die am Arm von Casanova aus einer Gondel stieg, sicher Abertausende von Maskierten in glanzvollen Kostümen und natürlich alle 120 Dogen, die in Venedig herrschten. Wie viele Kriegs- und Handelsschiffe, beladen mit Seide, Zucker und anderen edlen Gütern oder mit reicher Kriegsbeute haben über die Jahrhunderte hinweg just vor dem Dogenpalast festgemacht?

Ein leckeres Gelato
Die Kunst für Eltern besteht darin, die Geschichten von Venedig und der Lagune möglichst kindgerecht zusammenzufassen. Wir wählen gleich am ersten Tag eine empfehlenswerte Variante: wir buchen eine Stadtführerin. Elisabeth gibt uns nicht nur einen kleinen und zudem persönlichen Einblick in diese wunderbare Stadt, sondern sie führt uns zu Orten, die von Einheimischen und nicht nur von Touristen besucht werden. Der Tipp für bestes Eis fehlt natürlich auch nicht («Boutique del Gelato» nahe der Chiesa S. Lio), ebenso für ein klitzekleines Kaffee mit feiner Pasticceria, in dem man alles im Stehen an der Bar einnimmt und man sich zudem an Preisen wie anno dazumal erfreuen kann. Dies gibt es nur einen Katzensprung hinter dem Markusdom entfernt. Der Besuch bei einem venezianischen Maskenmacher fehlt natürlich ebenso wenig. Der bis unter die Decke mit Masken ausgeschmückte Laden heisst «Ca' del Sol», ebenfalls unweit San Marco, liess vor allem die Kinder kaum mehr los. Wir landen bei ihm zwar nicht so oft wie bei einer Gelateria, aber immerhin doch dreimal. Dort probieren alle die Masken, die noch wie früher aus Löschpapier und Leim hergestellt werden. Vor allem die weibliche Kundschaft stürzt sich mit schöner Regelmässigkeit auf die Exemplare mit den grossen bunten Federn. Am Ende sind wir glücklich, bei ihm und nicht bei einem Kiosk Erinnerungsstücke erstanden zu haben.

Besondere Morgenstimmung
Unsere Führerin Elisabeth erzählt auf der Tour einiges, was nicht in unseren Büchern steht. Zum Beispiel, dass die Gondeln schief gebaut sind und sich nur deshalb so gut vom stehenden Gondoliere mit dem langen schmalen Ruder steuern lassen. Dass die Gondeln mit dem flachen Boden ideal sind, weil man vor allem im vom Meer abgewandten Teil der Lagune auch mal mit weniger als einen halben Meter Tiefe rechnen muss. Daraufhin bewundern wir die Gondeln ganz anders, mit Kennerblick sozusagen. Wir erfahren auch, dass es in der Männerdomäne des Berufes der Gondeliere, der früher vom Vater auf einen Sohn vererbt wurde, seit zwei Jahren eine Frau gibt. Wer einige Tage in Venedig bleibt, wird sicher diskutieren, wann diese Stadt den grössten Charme verströmt. Für uns ist Venedig am frühen Morgen am schönsten. Dann sind noch keine Touristen unterwegs - eine seltene Situation in einer Stadt, die jährlich von 20 Millionen Menschen besucht wird. Morgens gehört Venedig den Venezianern, den Müllmännern auf ihren eckigen Booten, dem Postboten mit seinem Handkarren, den Lieferanten und Gemüsehändlern. Ein morgendlicher Spaziergang zum Markt, am besten noch vor dem Frühstück, ist ein eindrückliches Erlebnis. Die Fischstände und Gemüsehändler an der Rialto-Brücke mit den übervollen Kisten an allem Möglichem, was das Meer so hergibt sowie das frische Gemüse aus der Region beeindrucken unsere Kleinste genauso wie uns.

Eine Bootsfahrt ist ein Muss
Eine Reise nach Venedig wäre unvollständig ohne eine Bootsfahrt auf der Lagune mit einem Besuch der anderen Inseln Murano, Burano oder Torcello. Natürlich ist bei warmen Temperaturen und mit Kindern das Lido ein Muss. Einen kilometerlangen Strand erwartet man gar nicht recht, wenn man mit dem Boot von Venedig hinüberfährt. Beeindruckend ist auch die grüne Friedhofsinsel, an der man bei einer Fahrt nach Murano vorbeikommt. Alle Orte bieten Besonderes, nicht nur Venedig selber. Das schönste Souvenir sind bleibende Erinnerungen, und die sind in jedem Fall garantiert.

erstellt von Lioba Schneemann