Ab in die Berge

Wie lassen sich Kinder für die Berge begeistern, gibt es kindergerechte Bergwanderungen? Was sind die Vorkehrungen, damit nach einer gemeinsamen Familienwanderung die positiven Aspekte überwiegen?

Diese und weitere Punkte wurden im ersten Teil der Artikelserie zum Bergwandern mit Kindern in der Augustausgabe von Kidy swissfamily behandelt. In diesem Teil wenden wir uns an wandergewohntere Familien. Allerdings: Dass es nicht immer einfach ist, Kinder für die Berge oder für das Wandern zu gewinnen, haben viele Eltern wohl schon selber erfahren - oder sie können sich noch bestens an ihre eigene Kindheit erinnern. Besonders Eltern von grösseren Kindern und von Jugendlichen sehen sich oft mit einer ganzen Reihe von Widerständen konfrontiert. Wandern ist wohl bei der älteren Generation trendy, bei den Jungen hingegen löst das Wort selten Begeisterungsstürme aus. Gleichförmige, langsame Bewegungen sind in diesem Alter eher zweitrangig - Action oder Adrenalin haben höheren Stellenwert. Zudem verschiebt sich bei den meisten Jugendlichen während der Pubertät der Schlaf-/Wachrhythmus in Richtung Nachteule und Morgenmuffel. Das dämpft die Freude am Aufstehen und die Leistungsfähigkeit am Morgen und ist demzufolge eher kontraproduktiv für gelungene Wandertage. Auch sind die Agenden der Kinder während ihrer freien Stunden häufig fast dichter besetzt als diejenigen der Erwachsenen und mit zunehmender Abnabelung von den Eltern nehmen sie auch ihre Freizeitgestaltung selber in die Hand. Nicht einmal die frohe Botschaft, dass Wandern den Blutfettspiegel reguliert, Stress abbaut, die Lunge kräftigt und für einen guten Schlaf sorgt, lockt die Jungen vom Computer weg. Lohnt es sich denn, gegen solche Widerstände anzukämpfen?

Meiner Meinung nach lohnt es sich sehr! Denn ist man endlich unterwegs, legten sich in unserer Familie die Widerstände sehr schnell, und wir haben ganz wunderbare Bergmomente als Familie erleben können. Bergerlebnisse fordern Kinder auf vielerlei Ebenen heraus. Bergerfahrungen stammen aus erster Hand und sind direkt spürbar. Anders als beispielsweise im Fernsehen, wo man bloss sieht, was andere erleben, wie sie schwitzen, frieren, heiss haben und erschöpft sind. Anders als in der Schule, wo Wissen oft nur weitervermittelt wird und theoretisch bleibt. Berge hingegen können mit Körper, Geist und Seele erlebt werden. Gelernt wird oftmals durch Ausprobieren. Ob sich eine Abkürzung durch den Bach, durchs Dickicht oder den Steilhang hinauf bewährt oder nicht, merkt das Kind von alleine. Nicht nur das Ergebnis zählt, sondern auch die Suche nach dem richtigen Weg. Handlung und Ergebnis sind direkt miteinander verknüpft und fördern das vernetzte Denken. Zudem kommen bei Familienwanderungen ganz andere Stärken zum Tragen als in der hoch reglementierten Alltagswelt. Die Familienmitglieder erleben sich in anderen, ungewohnten Situationen, was den Zusammenhalt in der Familie fördert. Glaubt man den Statistiken, dann sprechen Eltern und Kinder nur wenige Minuten pro Tag miteinander. Auf einer Wanderung hat man Gelegenheit, ungezwungen über Gott und die Welt zu palavern, ohne einander tief in die Augen schauen zu müssen oder gleich zum nächsten Termin hetzten zu müssen.

In unserer technisierten und stark reglementierten Welt wird es zunehmend schwieriger, echte Naturerfahrungen zu machen, natürliche Zusammenhänge zu verstehen. Gerade dieses Verständnis wäre aber dringend notwendig, um eine lebenswerte Zukunft zu sichern. Eine Sensibilisierung für natürliche Zusammenhänge führt zum Erkennen von Problemen und möglicherweise zum Engagement für die bedrohte Umwelt. Wer die vielfältige Farbenpracht einer Bergwiese gesehen hat, wird sich fragen, warum auf der Wiese zu Hause nur drei Blumenarten zu finden sind. Wer gesehen hat, dass man in einer Berghütte ohne Strom und ohne fliessendes Wasser gut leben kann, wird das eigene Heim vielleicht ein paar Momente lang mit anderen Augen sehen.

Auch für die Eltern sind Bergerlebnisse lehrreich: Wie viel Verantwortung kann man an die Kinder abgeben - wo muss man Verantwortung übernehmen? Die Kinder immer genau im Auge behalten oder ihnen mehr Freiheit zutrauen (Vertrauen haben), sie eher an der langen Leine laufen lassen? In den Bergen darf die gewährte Freiheit die Kinder nicht gefährden, was von den Begleitpersonen eine hohe Kompetenz in der Gefahrenbeurteilung verlangt. Bei jeder Bergwanderung wird es nötig sein, den Kindern Grenzen zu setzen und auf deren Einhaltung - auch gegen ihren Willen, aber zu ihrem eigenen Schutz - zu bestehen. Das heisst natürlich auch, dass die Erwachsenen den Anforderungen der Tour in jedem Falle gewachsen sein müssen - und eine Tour auswählen, welche die Kinder weder technisch noch konditionell überfordert. Diese Wahl ist meist schwierig. Am besten tastet man sich von einfacheren zu anspruchsvolleren Wanderungen vor. Hilfreich sind die Schwierigkeitsbewertungen anhand der SAC-Wanderskala, aufgrund der praktisch alle Wanderrouten zu Berghütten, Pässen und Gipfeln von der Anforderungsstufe T1 (gut gebahnte Wege ohne Absturzgefahr) bis hin zu T6 (Schwieriges Alpinwandern in steilem Gelände mit Kletterstellen etc.) klassifiziert wurden. Rudimentäre Anhaltspunkte zu den zu erwartenden Schwierigkeiten liefern auch die Farbmarkierungen entlang der Wanderwege. Grundsätzlich deutet in der Schweiz eine gelbe Rhombus-Markierung auf einen Wanderweg ohne Schwierigkeiten hin. Bergwanderwege sind weiss-rot-weiss markiert und Alpine Routen weiss-blau-weiss. Die Alpinen Routen weisen besondere Schwierigkeiten wie ausgesetzte Wegführung, Gletscherpassagen, Kletterstellen oder Ähnliches auf und sind nur für Personen mit reichlich Bergerfahrung geeignet. Aber bereits bei der weiss-rot-weiss markierten kann man auf ausgesetzte oder sehr steile Stellen, rutschige Passagen und andere Schwierigkeiten treffen. Es ist sinnvoll, gemeinsam mit den Kindern einen anstehenden, anspruchsvollen Wegabschnitt zu besprechen: Was ist gefährlich, wie kann man die Gefahr minimieren? Übrigens: Bei ungünstigen Verhältnissen wie Nebel, Wind, Nässe, Schnee etc. nehmen die Anforderungen rasch zu. Genieren Sie sich nicht, Seilbahnbetreiber oder Hüttenwarte zu fragen, wie die momentane Situation entlang Ihrer geplanten Route aussieht. Genauere und aktuellere Auskünfte bekommen Sie sonst nirgends.

Was vermeiden, wie motivieren?
Lange Aufstiege und breite, abwechslungsarme Wege haben schon manche Familientour vermiest und sind nach Möglichkeit zu meiden bzw. durch Seilbahnfahrten und/oder interessante Wege zu ersetzen. Kurze Touren sind längeren generell vorzuziehen, sie lassen Zeit und Raum für andere Erlebnisse links und rechts des Wanderns. Warum nicht die Wanderung auf die Fähigkeiten und Interessen der Kinder zuschneiden? Bei grösseren Kindern und bei Jugendlichen sind je nach körperlicher Gewandtheit Touren mit Kraxelstellen, mit Leitern oder Ketten oftmals ein Renner (falls man als Erwachsener eine solche
Tour bezüglich Sicherheit überwachen kann). Pfadfinderisch veranlagte Entdeckernaturen finden weglose Abschnitte (manchmal nur wenige Meter neben dem Weg) abenteuerlich, und naturwissenschaftlich veranlagter Nachwuchs wird beispielsweise am intensiven Beobachten und Erforschen von Tieren und Pflanzen Spass haben. Zusätzliche Würze ist natürlich das Abenteuer einer Übernachtung in einer richtigen, abgelegenen Berghütte, hoch oben in den Bergen. Vielleicht bringt man dort sogar Jugendliche dazu, schon im frühsten Morgengrauen aufzustehen, im Halbdunkel mit der Stirnlampe durch die Berghütte zu schleichen, um den Sonnenaufgang zu erleben und vielleicht Steinböcke oder Gämsen in der Hüttenumgebung zu beobachten. Wussten Sie, dass es in der Schweiz über 320 allgemein zugängliche Berghütten gibt? Von komfortabel bis spartanisch, von historisch zu ultramodern, von 1500 bis auf über 3500 Meter, bewartet oder unbewartet.

Wir leben in der Schweiz mitten im wohl grössten, unverbauten Abenteuergebiet Mitteleuropas. Wir haben die Alpen direkt vor der Haustüre. Hier liegt noch viel Entdeckerland brach. Nutzen Sie es - weg vom Bildschirm und ab in die Berge!

erstellt von Remo Kundert