Tantra für Frauen

5 Tage ohne Make-up, mit entspanntem Bauch und entspannter Vagina, leicht hochgezogenen Mundwinkeln, bequemer Kleidung, ohne BH und mit viel Zeit für Weiblichkeit.

Als ich vor einem Jahr das Buch «Zeit für Liebe» der Tantralehrerin Diana Puja Richardson las, war mir klar, dass ich alles revidieren musste, was ich je über Liebe und Sexualität gehört und erfahren hatte. Weg von dem Run nach einem Höhepunkt - von der Erregung zur Entladung - hin zu einem Entspannen in die Liebe, vom Tun zum Sein also. Ich wollte diese Frau näher kennenlernen und selbst erleben, wie es sich anfühlt, in seinem Körper anzukommen. Im September hatte ich die Gelegenheit, einen fünftägigen Workshop mit Puja zu besuchen. In «Zeit für Weiblichkeit» geht es darum, dass sich Frauen wieder mit ihrer ureigenen Weiblichkeit und ihren empfänglichen Qualitäten verbinden.

Was ist Liebe?
«... Liebe ist keine Beziehung, Liebe ist ein Seinszustand. Sie hat nichts mit anderen Personen zu tun. Man ist nicht in jemanden verliebt - man ist Liebe. Und wenn du Selbstliebe bist, bist du natürlich auch verliebt, aber das ist die Folge, eine Begleiterscheinung und nicht die Ursache ...»

54 Frauen liegen entspannt auf dem Boden, die Augen geschlossen, und lauschen einem Osho-Zitat. Der indische Mystiker Osho Rajneesh, auch als Baghwan bekannt, ist Pujas spiritueller Lehrer. Wer nicht zuhören will, könne sich die Ohren zuhalten, sagt Puja in ihrer humorvollen, unaufdringlichen Art. Sie muss Mitte 60 sein, keiner weiss das so genau. Es ist eine Freude, ihr zuzuschauen und zuzuhören. Liebevoll mit einer guten Prise Humor und natürlicher Autorität leitet Puja mit ihrem Team von fünf Frauen das Seminar. Ihre Bewegungen sind fliessend, ihr Körper jugendlich. Da freut sich frau aufs Älterwerden. Ich lasse meine Ohren offen und lausche dem umstrittenen «Guru». Denn was er sagt, berührt mich, regt mich zum Nachdenken und vor allem Nachspüren an, und genau darum geht es im Seminar. Sich öffnen für neue Erfahrungen, die eigene Weiblichkeit wieder neu entdecken jenseits von Vorstellungen, die die Gesellschaft, die Medien und die Werbung vermitteln. Es geht um eine Wendung nach innen.

Der Körper als Tempel
Tantra ist die «Religion» des Körpers und so ist es der weibliche Körper, den es zu entdecken gilt und umfassender diesen als unsere Heimat zu begreifen, die immer bei uns ist. Puja arbeitet mit tantrischer Meditation und alten tantrischen Methoden der Körperarbeit. Durch Bewusstheit und Entspannung soll die Energie im Körper wieder in einen harmonischen Fluss kommen.

Wir tanzen, massieren, singen, umarmen, lernen richtig zu stehen und zu schauen und - ganz wichtig - unsere Brüste als Zentrum unserer Weiblichkeit wieder zu ehren. Deshalb bleibt der BH auch im Koffer, denn die Brüste brauchen Raum, egal wie gross oder klein sie sind. «Sie sind unser wahrer Schmuck, nicht das teure Dessous», sagt Puja. Auch der Bauch darf sich ausdehnen. Einziehen ist absolut verboten, genauso wie das Anspannen der Vagina. Im Seminar geht es nicht um Gymnastik, sondern um Bewusstheit und Entspannung. Deshalb lösen wir die Vagina. Nach jeder Übung spüren wir nach, um die kleinen feinen Bewegungen im Körper wieder wahrzunehmen - weg von den Sensationen hin zur Feinheit.

Der Schutz der Gruppe
Einige der tantrischen Übungen finden an intimen Körperstellen statt. Schliesslich geht es um Liebe, Sexualität und Weiblichkeit. Doch keine Bange, die Intimsphäre jeder Frau wird zu jeder Zeit gewahrt. Der Umgang ist überaus respektvoll, die exponierten Körperteile werden, wenn möglich, mit einem Tuch bedeckt. Die Frauengruppe bietet eine heilsame, schutzspendende Atmosphäre und so dürfen auch Tränen fliessen. Was immer sich da zeigen will, ist willkommen. 54 Frauen, das sind 54 Geschichten, geprägt von einem mehr oder weniger respektvollen Umgang mit dem Körper, bis hin zu Übergriffen und Missbrauchserfahrungen.

Falscher Umgang mit Sexualität
Puja spricht über die Rolle der weiblichen Energie im sexuellen Austausch zwischen Mann und Frau und darüber, auf welche Weise die Unterschiede zwischen den Geschlechtern das schöpferische Potenzial zwischen ihnen präsentieren. Die Unkenntnis dieser Unterschiede hätten zahlreiche negative Auswirkungen auf die Gesundheit und das Glücklichsein der Frauen und dadurch auf Partnerschaften und die gesamte Gesellschaft, erklärt sie. Und ganz nebenbei erhalten wir einen Rüffel. Frauen würden zu viel schnattern, über unwichtige Dinge reden. Und so bittet sie uns immer wieder, in den Pausen zu schweigen, die Energie zu halten. Und das tut richtig gut, auch wenn es nicht immer auf Anhieb gelingt. Durch das Schweigen bin ich bei mir und kann trotzdem im Kontakt mit anderen sein. Wichtig sind auch die Augen. Puja zeigt uns den sanften Blick. In ihrem Buch «Zeit für Liebe» schreibt sie dazu: «Die Augen sind dazu bestimmt, Bilder zu empfangen. Wir können ganz ohne Anstrengung sehen, das Sehen geschieht ganz von alleine, das Auge nimmt das Bild einfach auf. Im täglichen Leben suchen wir unser Umfeld jedoch ständig mit den Augen ab. Wir haben immer ein Auge darauf, was um uns herum passiert: Hier etwas Interessantes «entdecken, dort etwas Neues erblicken, und so sind wir immer einen Schritt voraus. Wir geben eine Menge Energie aus den Augen ab oder verlieren sie.»

Schwitzen und singen
Einen Abend ohne Körperarbeit, dafür mit Reinigungsritual, gibt es Mitte Woche. Wir dürfen ausgiebig schwitzen. Dafür stehen uns eine finnische Sauna und eine Lehmhüttensauna zur Verfügung. 54 Frauen wollen zum Schwitzen kommen. Das will organisiert sein und klappt hervorragend. «Die Lehmhüttensauna freut sich über jedes Lied», sagt Nirvano aus Pujas Team und schon stimmt eine Frau das erste Lied an. Die anderen Frauen stimmen ein. Wir sitzen zu acht auf der Bank um den Ofen, der für die nötige Hitze sorgt. Nirvano räuchert mit Lavendel und Salbei, einige Frauen werfen Holzscheite ins Feuer, um zu verbrennen, was sie schon längst loswerden wollten. Für mich ist die Session zu kurz, ich hätte noch viel länger bleiben können, doch die nächsten Frauen stehen bereits an.

Eine gelungene Zeit mit Nachwirkungen
Alles hat ein Ende, auch der schönste Workshop. Am Sonntag nach dem Mittagessen gehts heimwärts. Zu Hause angekommen, spüre ich, dass ich mich verändert habe. Ich bin noch herzlicher als zuvor mit meinem Sohn, bin ihm näher, wenn ich mit ihm kommuniziere. Kann seine Zuneigung zu mir und meine zu ihm noch tiefer annehmen und mich daran freuen. Auch den Koffer muss ich nicht gleich auspacken, das hat Zeit. Es ist wichtiger, nach innen zu gehen, den Kontakt zu mir selbst nicht wieder zu verlieren. Denn je näher ich mir selbst bin, desto näher kann ich auch den anderen sein. Und noch was: Ich freue mich an mir und gehe liebevoller mit mir um.

Zur Person Diana Puja Richardson:
Sie ist in Südafrika geboren und hat dort als Anwältin gearbeitet, bevor sie sich für Massage und Körperarbeit interessierte. Ab 1987 begann sie, den Zusammenhang von Sex und Meditation zu erforschen und bietet seitdem Tantra-Seminare an.

Mehr Infos:
livinglove.com
waldhaus.ch

erstellt von Claudia Kuhn