Respekt muss sein

Wer sich als Paar zusammentut, merkt irgendwann einmal, dass die Unterschiede grösser sind als vermutet, sagt Klaus Heer. «Alle verliebten Paare landen früher oder später auf dem harten Boden der Realität und stellen nüchtern fest: Er oder sie ist wie alle anderen!

Eine tiefe Enttäuschung, die man dem Partner übel nimmt.» Zu Unrecht, wie der Beziehungsexperte meint, denn man ist nur enttäuscht, weil man sich vorher getäuscht hat. Doch ist es gerade diese Ernüchterung, die in vielen Beziehungen die Grundstimmung für ein feindliches Klima schafft, indem man am anderen herumnörgelt und sich gegenseitig das Leben schwer macht. Darin sind Frauen Profis sagen die Männer, auch Klaus Heer. «Frauen führen einen Krieg der Nadelstiche, einen Guerillakrieg, bis der Mann durchgrilliert ist. Sie wollen die grosse Schlacht vermeiden und lancieren dafür nervende Miniattacken zuhauf.» Im Gegenzug seien die Männer meistens in der Defensive, fürchten die weiblichen Emotionen, die allen «Sachfragen» beigemischt sind und hoffen, die unangenehmen Gefühle der Frau beruhigen zu können, wenn sie sich zurückziehen. «So sind sie unfähig, die Partnerin ernst zu nehmen, was für diese einer Kriegserklärung gleichkommt.» Es bringe einem streitfreudigen Paar allerdings nichts, wenn beide ihre Streitmuster erkennen. Im Gegenteil. «Beide werden ihren Streit sofort auf die Muster ausdehnen, die der andere entdeckt haben will. Man verfängt sich im Streitgestrüpp. Solange man auf das Verhalten des anderen starrt und darauf reagiert, besteht Null Chance, aus der Tretmühle des Konflikts auszusteigen», ist Klaus Heer überzeugt. Er hält jedoch einen Trick parat: «Überraschen Sie Ihren Partner. Sperren Sie, anstatt ihn anzugreifen oder sich dauernd zu rechtfertigen, Ihre Ohren auf und fragen Sie nach, bis Sie den anderen besser verstehen.» Streit entsteht auch oft, weil Männer und Frauen verschiedene Sprachen sprechen und sich dessen nicht immer bewusst sind. Das war auch bei Peter und Melba der Fall, die seit fünf Jahren verheiratet sind. «Melba», sagt Peter, «kommt aus einer italienisch-brasilianischen Familie und ich aus einem ruhigen schweizerischen Elternhaus. Wir mussten erst lernen, dass es in unserer Sprache Unterschiede gibt. Wenn sie in einem Streit sagte, ich hasse dich, dann hiess das für sie nur, dass sie in diesem Moment wütend auf mich war. Aber für mich bedeutete dieser Satz das Ende unserer Beziehung. Und ich war am Boden zerstört.» Peter lernte, Melbas Aussagen so zu interpretieren, wie sie es meinte. Und Melba lernte, sich verbal zu bändigen, damit Peter nicht glaubte, sie würde ihre Beziehung ständig bedrohen.

erstellt von Monica Congiu