Neue Familienmodelle tun not

Viele Väter wollen mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen - gleichzeitig erwirtschaften sie meist den Grossteil des Familieneinkommens. Wie ist es für junge Väter zu schaffen, Familie und Beruf so unter einen Hut zu bringen, dass ihnen langfristig kein Burn-out droht?

Die Gleichstellungspolitik der letzten Jahrzehnte förderte die Frauen in Beruf und Bildung. Der Erfolg gibt dieser Politik recht: Es ist heute selbstverständlich, dass Frauen ihre Fähigkeiten, Talente und kreativen Energien in die Welt der Wirtschaft, der Bildung und der Politik einbringen. Männer und Frauen begegnen sich in der Arbeitswelt auf Augenhöhe. Sie verstehen einander, wenn sie von ihren Erfolgen und ihren Schwierigkeiten sprechen. Nun ist es an der Zeit, diesen Geist der Gleichberechtigung und Solidarität auch in die Familie zu tragen.

Vaterschaftsurlaub: Ein erster Anfang
Väter sind im Trend! Mehr und mehr Firmen führen einen Vaterschaftsurlaub von einer, zwei oder sogar drei Wochen ein. Damit setzen sie ein wichtiges Zeichen der Wertschätzung gegenüber den jungen Vätern. Sie unterstützen und anerkennen junge Väter, die sich in den ers-ten Wochen nach der Geburt Zeit für ihr Baby nehmen. Diese Zeit ist wichtig, denn in diesen ersten Wochen organisiert sich die Familie neu, und es bildet sich auch die erste Beziehung zum neugeborenen Kind.

Noch ist die Politik nicht bereit, einen gesetzlichen Anspruch auf einen Vaterschaftsurlaub einzuräumen. Am 11.12.2008 lehnte der Nationalrat einmal mehr einen Antrag auf einen Vaterschaftsurlaub ab. Präsentiert wurde die parlamentarische Initiative von Franziska Teuscher. Sie begründete den Vaterschaftsurlaub unter anderem mit dem Hinweis auf neue Rollenbilder für Männer: «Früher standen die Männer an den Waffen, und man hat ihnen mit der Erwerbsersatzverordnung den Arbeitsausfall entgolten. Heute wollen die Väter vermehrt bei ihren Kindern sein. Deshalb finde ich es gerechtfertigt und für die Gesellschaft sicher sehr wertvoll, wenn wir auch den Vaterschaftsurlaub so abgelten.»

Schweiz im Rückstand
Im internationalen Vergleich steht die Schweiz in Bezug auf den Elternurlaub schlecht da. Nach zähem Ringen gibt es heute einen dreimonatigen Mutterschaftsurlaub. Schweden bietet 15 Monate Urlaub für die Eltern, davon einen für den Vater. Deutschland kennt eine Kombination von finanziellen Beiträgen und dem Anspruch auf Teilzeitarbeit oder Urlaub. Das Elterngeld ersetzt den Eltern 67% des letzten Nettoeinkommens während maximal 14 Monaten. Dieses Modell erlaubt flexible Lösungen für beide Eltern, die über mehrere Jahre nach der Geburt von diesen Entlastungen profitieren können. Die CDU-Familienministerin Ursula von der Leyen betont, dass es sich lohnt, in Väter zu investieren. Für die Väter, für die Familien und nicht zuletzt für die Wirtschaft: «Die Betriebe erkannten, dass sie letztlich engagiertere, loyalere Mitarbeiter haben, wenn die jungen Väter Beruf und Familie vereinbaren können.»

Was bringt mehr väterliche Präsenz?
Wurde die Arbeitswelt durch den Einzug der Frauen anders? Sind Frauen andere Arbeitskräfte als Männer? Darüber darf gestritten werden. Der Unterschied liegt wohl eher in schwer zu messenden Faktoren. So wird es auch sein, wenn Männer vermehrt in der Familie aktiv sind. Sie werden kaum die Welt auf den Kopf stellen, aber vielleicht hier eine männliche Prise Chaos und dort eine Handvoll guter Ideen einbringen. Väter, die mehr zu Hause sind, werden in aller erster Linie mehr alltägliche Fürsorge leben und erleben können, sie werden sich mit ihren Töchtern über die Hausaufgaben beugen und mit ihren Söhnen am Staubsauger hantieren. Sie werden den Preis von Butter, Honig und Windeln kennen und vielleicht sogar die Schuhgrösse ihrer Töchter. Die Väter von morgen werden sich weiterhin im Beruf bewähren - dazu aber auch die Möglichkeit haben, ihre Kinder beim Aufwachsen zu begleiten. Die grossen Gewinner werden die Kinder sein, die zwei präsente Elternteile alltäglich erleben. Und vielleicht können wir so das Modell der Familie retten - denn dieses ist in hohem Masse gefährdet.

 Neue Familienmodelle tun not
Wenn heute ein Paar ein Kind bekommt, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass es sich traditionell organisiert: Der Mann wird sich vermehrt im Beruf engagieren, die Frau wird ihr Pensum abbauen und vermehrt zu den Kindern schauen. Diese Aufteilung ist zwar nicht symmetrisch, sie ist aber durchaus solidarisch: Die Summe von Familien- und Erwerbsarbeitszeit erreicht bei beiden Elternteilen den gleichen, hohen Wert von 70 Stunden pro Woche. Wer sich in der Statistik und im Bekanntenkreis umschaut, sieht aber, dass viele junge Eltern mit diesem Modell trotz allem guten Willen scheitern. Für die jungen Mütter erweist sich eine anfänglich vielleicht sogar gewollte Babypause mehr und mehr als nervenaufreibende Warteschlaufe zwischen Küche, Kinderkrippe und Teilzeitarbeit. Die jungen Väter verausgaben sich nicht selten im unmöglichen Bemühen, neben dem Beruf auch ihre Vaterschaft engagiert zu leben. Salopp gesagt: Die Familie von heute ist für die Mütter eine Karrierenfalle, für die jungen Väter wird sie zum Burn-out Risiko - und ihren Zweck, den Kindern ein Aufwachsen in einem emotional stabilen Rahmen zu gewähren, verfehlt sie in der Hälfte der Fälle.

Das familienpolitische Referendum mit Pille und Kondom ist längst im Gange. Das Resultat ist deutlich: Mit 1,4 Kindern pro Frau hat die Geburtenrate ihr historisches Tief erreicht. Und eine Scheidungsrate von 50% zeigt in aller Drastik das Scheitern der traditionellen Auffassung von Familie.

 Heute zahlen Väter einen hohen Preis
Die Trennung der Eltern muss nicht zwingend das Ende der Familie bedeuten: Es gibt Eltern, die es schaffen, weiterhin solidarisch für ihre Kinder da zu sein, obwohl sie sich getrennt haben. Sehr häufig bedeutet eine Scheidung aber nicht den Weg in eine neue Freiheit und Selbstbestimmung, sondern den Weg in prekäre finanzielle Verhältnisse. Für Väter bedeutet eine Scheidung viel zu oft, dass sie den täglichen Kontakt zu ihren Kindern verlieren. Umso wichtiger scheint es, dass Väter von Beginn an eine tragfähige, alltagstaugliche und selbstbestimmte Beziehung zu ihren Kindern aufnehmen. Auch wenn es gut gemeint ist und sogar von vielen Frauen gewünscht wird: Das traditionelle Ernährermodell ist für Männer eine zu riskante Option.

Eine neue Balance
Wer mit seinem Geld vorsichtig umgeht, wird es vermeiden, das gesamte Kapital auf eine einzige Option zu investieren. Er wird versuchen, die Chancen und Risiken zu verteilen. Merkwürdigerweise neigen wir im Umgang mit unserer Lebenszeit aber dazu, alles auf eine Karte zu setzen. So investieren Männer tra-ditionellerweise fast die gesamte Lebenszeit in die -Option Arbeit. Frauen neigen noch immer dazu, die Mutterrolle im Zweifelsfall über die Berufsrolle zu stellen. Wir sollten davon wegkommen. Wir sollten als Gesellschaft dahin kommen, dass Männer und Frauen zu verschiedenen Zeiten ihrer Biografie sich mehr oder weniger im häuslichen oder im beruflichen Bereich bewegen. Wir freuen uns heute darüber, dass Frauen in der Wirtschaft und in der Politik aktiv sind: Freuen wir uns morgen darüber, dass Männer in der Welt der Familie aktiv, präsent und spürbar sind.

erstellt von Ivo Knill