Lassen Sie Ihr Herz sprechen!

Schöne Gefühle, gefährliche Gefühle, verdrängte Gefühle - wer sie annimmt, erhält wichtige Auskünfte über die eigene Persönlichkeit, Geschichte und Entwicklung. Im Interview sagen die beiden erfahrenen Gefühlsexperten Udo Bear und Gabriele Frick-Baer wie wir bewusst mit unseren Gefühlen leben können.

Gesellschaftlich ist nicht häufig die Rede von Gefühlen, obwohl sie doch unser Handeln ganz eindeutig bestimmen. Wie steht es um unsere Gefühle?

Gefühle sind wichtig, lebenswichtig. Sie bestimmen unser spontanes Handeln, sie prägen die Beziehungen der Menschen untereinander. Gesellschaftlich wird den Gefühlen zu wenig Achtung geschenkt. Das Mitgefühl beim Flugzeugabsturz, die Freude beim WM-Titel – es müssen schon mediale Großereignisse sein, die Gefühle zum Thema werden lassen. Doch Liebe, Glück, Trauer, Hoffnung ... brauchen Beachtung, im Großen wie im Kleinen.

Sind Gefühle etwas Privates?

Ja und nein. Scham ist meistens sehr privat, oft auch die Trauer und das Verlorensein. Andere Gefühle wie Freude oder Ärger werden häufiger geteilt. Alle Gefühle verdienen den Schutz der Privatsphäre: Ich habe das Recht zu entscheiden, was ich wem zeigen möchte. Und alle Gefühle streben danach, mit anderen geteilt zu werden. Geteilte Trauer ist halbe Trauer, geteilte Freude doppelte Freude. Dieser Satz ist so alt wie wahr.

 Welche Rolle spielen sie in öffentlichen Zusammenhängen, zum Beispiel in der Arbeit und in der alltäglichen Kommunikation mit weniger vertrauten Menschen?

Gefühle sind in der Zusammenarbeit mit anderen oft versteckte Wegweiser und Impulsgeber. Sie haben mehr Macht, als oft bemerkt wird. Eifersucht, Enttäuschung, Sehnsucht nach Anerkennung, Zugehörigkeitsgefühle können Zusammenarbeit fördern oder ausbremsen. Wenn es bei der Arbeit „knirscht“, sind zumeist nicht nur Sachfragen die Ursache, sondern fast immer Gefühle, versteckte Gefühle.

Wie wichtig ist es, über Gefühle zu reden? Wird  das eigene Gefühlsleben flach und unpräzise, wenn wir keine Sprache dafür finden?

Jeder Mensch hat unterschiedliche Gewohnheiten und Temperamente, auch unterschiedliche Arten, Gefühle auszudrücken. Doch unsere Erfahrung zeigt, dass es den meisten Menschen gut tut, mehr Gefühle zu zeigen, mehr über Gefühle zu reden. Manche haben dafür kaum Worte, dann helfen Blicke, Gesten, Klänge, Bilder, Blumen und Gesten. Auch ohne Worte kann ein Gefühlsleben reich sein, sehr versteckt im tiefen Innern. Doch die anderen werden dann darauf angewiesen sein, es zu erraten, und das kann gehörig misslingen. Eine Liebe, die man nicht zeigt, wird selten erwidert.

Wie kommen wir aus der Sprachlosigkeit heraus? Wie lassen sich Worte für Gefühle finden?

Indem wir Menschen, denen wir vertrauen, sagen: „Ich fühle etwas, für das ich keine richtigen Worte finde. Hilf mir beim Suchen“ Wir können gemeinsam mit anderen auf die Suche gehen und uns an die Worte herantasten. Oft hilft: „Wenn mein Herz sprechen könnte, dann würde es sagen ...“

Gibt es schlechte Gefühle, die wir besser verdrängen sollten?

Verdrängen geschieht unbewusst und ist zunächst Selbstschutz. Zum Beispiel der Schrecken nach einer traumatischen Erfahrung. Doch das, was erst Selbstschutz ist, bleibt oft erhalten und braucht dann Gehör anderer. Und Trost. Wenn Gefühle nicht weggehen, wenn wir den Ärger nicht loswerden, wenn die Trauer uns überflutet, wenn die Rachegefühle uns auszehren, dann sollten wir sie nicht verdrängen, aber einen Schritt beiseite treten und uns einige Fragen stellen: Werden diese Gefühle vielleicht aus früheren Quellen gespeist? Stammt z. B. der Ärger vielleicht auch von früheren Verletzungen? Oder: Mit wem können wir dieses Gefühl teilen, damit wir davon ablassen können, dass es in uns immer kreist?

Sie sprechen sogar von einer Grammatik der Gefühle. Das ist dann aber wirklich für Fortgeschrittene, oder?

Nein, ganz gewiss nicht. Jeder kennt es, dass wir eine Person lieben und uns gleichzeitig über sie heftig ärgern. Nach der Logik müsste man sagen: Eins von beidem. Doch die Grammatik der Gefühle kennt kein „Entweder-Oder“, sondern ein großes UND: Ich kann lieben UND gleichzeitig zornig sein. Ich kann traurig sein, dass meine Tochter auszieht, UND ich kann froh sein, dass sie selbstständig wird und ich wieder mehr Spielräume in meinem Leben habe. Oder, um eine andere Regel der Grammatik der Gefühle zu erwähnen, der wir oft im Alltag begegnen: Gefühle können umgetauscht werden. Ich kann zum Beispiel ängstlich sein, ohne zu wissen warum. Dahinter steckt eine Traurigkeit, die ich mir nicht zugestehe. Wenn ich das tue, schwindet auch die Angst.

 

Buchtipp:

"Das grosse Buch der Gefühle", von Udo Baer und Gabriele Frick-Baer, Beltz Verlag, Fr. 34.90, ISBN 978-3-407-85846-7

erstellt von Christina Bösiger