Von Mutter zu Mutter - Oh du fröhliche...

Bitte entschuldigen Sie, wenn ich heute im Liegen schreibe. Aber die Anstrengungen der letzten Tage haben mich echt umgehauen: jedes Jahr das Gleiche!

Kaum dass der Dezember startet, geht der Stress auch schon los: den Terminkalender stets gezückt hetze ich von einer Besorgung zur nächsten und koordiniere das gesamte Monatsprogramm. Um es allen Kindern, Grosseltern, Gotten und Göttis, Verwandten, Freunden und Handwerkern (niemand weiss, weshalb unsere Installationen immer ge-nau im Dezember kaputt gehen - aber das ist ein anderes Thema für eine andere Kolumne) recht zu machen, zaubere ich ganz einfach 25 Stunden pro Tag herbei. Und plane dann minutiös, wie viel Harmonie man in eine Stunde packen kann. 
 
Früher war alles anders
Erinnern Sie sich an die eigene Kindheit? Was hatten wir nicht alles für Wünsche offen. Alleine schon das Backen der heissgeliebten Guetzli war ja schon eine tolle Sache und das Teig naschen der Höhepunkt und die Belohung der Küchenarbeit. Unsere Wünsche wurden dem Christkind mitgeteilt und wir wussten, dass niemals alle davon in Erfüllung gehen konnten. Aber das machte auch nichts, so hatten wir ja bereits wieder neue Wünsche für das nächste Fest in Reserve. Mit Feuereifer machten wir uns ans Basteln für unsere Eltern und waren sehr stolz, wenn diese dann endlich, endlich unter dem Weihnachtsbaum unser Wunderwerk mit entzückten ahhhs und ohhhs bestaunten. Endlich sah man die Verwandtschaft mal wieder und tauschte den neuesten Tratsch aus. Alle Kinder spielten miteinander und gemeinsam wurde bei einem guten Essen gefeiert.
 
Und heute?
Die wenigen offenen Wünsche unserer Kinder können wir kaum finanzieren, so hochpreisig sind diese.  Beim Guetzlen helfen meine Jungs stets tapfer mit... und verlassen die Küche nach spätestens 3 Minuten, weil es dringenderes zu erledigen gibt. Meinen beiden "Grossen" ist längst klar, dass es das Christkind nicht gibt und so werden Ihre Wünsche gleich mit Einkaufsort, Artikelnummer und Preis ergänzt genannt. Basteln ist uncool - sagen meine Söhne. Viel lieber kaufen sie irgendein nettes, aber überflüssiges Geschenk für ihre Eltern. Unsere Verwandtschaft ist leider nur sehr spärlich und zum grossen Teil im Ausland angesiedelt; wir sehen weder sie noch andere Kinder, da es in unserer Familie schlicht und einfach keine anderen Kinder als unsere gibt. Das gute Essen ist uns aber immerhin geblieben.
 
Die Moderne ruft
Vorbei die Zeiten der Romantik - willkommen im 21.Jahrhundert! Selbst in der Vorweihnachtszeit  wird organisiert, geplant und definiert; nichts bleibt dem Zufall überlassen. Wir wollen ja schliesslich bei unseren Gästen stets einen guten Eindruck machen. Und wie sähe es denn da aus, wenn wir nicht einen von A-Z gestylten Essbereich mit einem Gourmetdinner in mehreren Gängen bieten würden? Obwohl wir selbst ja viel lieber bei einem guten Hackbraten mit Kartoffelstock zusammensitzen würden und einfach das gemütliche Gespräch geniessen...  Und wenn dann alle "Pflicht" besuche erledigt sind, widmen wir uns erneut unter Höchstleistung dem harmonischen Thema des Heiligabends. Ist der richtige Baum besorgt (ein Bio-Baum aus Freilandhaltung muss es schon sein)? Das Essen so geplant, dass alle Familienmitglieder ausnahmsweise das Gleiche essen können? Alle Geschenke organisiert, verpackt und bereitgestellt? Die Videokamera aufgeladen? Und wie schaffen Sie es dieses Jahr, den Tisch schön zu decken, den Baum zu schmücken, die Geschenke darunter zu legen und den Hund, der dauernd um den Baum herumschleicht zu verjagen - das alles in genau den 5 Minuten, die ihr Mann beim Spaziergang mit Ihren Kindern, die ja nichts merken dürfen, verbringt?
 
Aufruf zur Rückkehr
Ich will ja wirklich nicht missionarisch wirken, selbst wenn es die Jahreszeit ja erlauben würde. Aber ich will dennoch aufrufen, der Moderne zumindest in der Adventszeit ein wenig mehr die kalte Schulter zu zeigen: wir sollten besonders jetzt einfach geniessen, dass es uns gut geht. Unsere Lieben auch sehen, ohne daraus einen Staatsanlass zu machen. Uns auf die wirklichen Geschenke besinnen und uns an Düften, Lichtern und  dem herzlichen Lachen unserer Kinder freuen. Statt im Ferrari durchs Leben zu brausen, sollten wir uns neben den Kutscher auf den Bock setzen und die Wärme um uns herum aufnehmen.
Und während ich hier liegend meinen Jungs genau dies sage, schauen sie mich skeptisch an. Bis dann zumindest einer davon so aussieht, als ob er verstanden hat und meint: Mami, steh auf, Du hast recht. So ein paar Tage slowmotion sind ja voll krass, das machen wir!
 
In diesem Sinne wünsche ich eben doch ganz erholsame Feiertage mit viel Harmonie und dem unerschütterlichen Glauben, dass auch heute alles gut ist.

erstellt von Anna Schreiber