Der «digitale Erwartungsdruck» wächst

Spannungsfeld Internet: Jugendliche können mit der digitalen Informationsflut besser umgehen als Erwachsene, weil sie mit ihr aufgewachsen sind. Gleichzeitig ist der Erwartungsdruck, digital etwas «zu leisten», grösser. Eine Studie zeigt, wie sich das auswirkt.

Wie gehen wir mit dem Internet um? Und wo liegen dabei die Unterschiede, je nach Alter? In 30 Ländern werden im Rahmen des «World Internet Project» die Erkenntnisse über die Verbreitung und Nutzung des Internets erfasst. Im vergangenen Jahr hat das Zürcher Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung (IPMZ) auf dieser Grundlage eine repräsentative Befragung in der Schweiz durchgeführt. «Jugend und Medien», die nationale Plattform zur Förderung von Medienkompetenz, hat es übernommen, die Resultate mit dem Fokus auf die jüngste befragte Gruppe zusammenzufassen, die 14- bis 19-Jährigen. Ein Projekt, das viele spannende Einblicke bringt.

100 Prozent Nutzer

Zusammenfassend lässt sich sagen: Wie alt jemand ist, hat grossen Einfluss auf Art und Intensität der Internetnutzung. Das lässt sich durch die Beobachtung des Zeitraums von 2011 bis heute klar feststellen. 14- bis 19-Jährige sind die Altersgruppe, die am meisten Zeit online verbringt, die Internetverbreitung wird in dieser Studie schlicht und ergreifend mit 100 Prozent angegeben, und in dieser Gruppe wird das Internet am stärksten zur Unterhaltung und für den Dialog via Chat genutzt. Die «Digital Natives», die mit der Digitalisierung aufgewachsen sind, können die digitale Informationsflut besser bewältigen als Menschen, welche die Entwicklung als neu empfinden. Gleichzeitig verspüren Jugendliche aber auch einen grösseren digitalen Erwartungsdruck.

Im Detail: Buchstäblich jeder zwischen 14 und 19 verwendet private Online-Netzwerke wie beispielsweise Facebook, schaut im Internet Videos oder lädt sie herunter und nutzt Instant-Messaging-Dienste für Kontakt zu anderen. Die Altersgruppe kann als «heavy user» bezeichnet werden, die durchschnittliche Nutzungsdauer in der Schweiz liegt bei über 24 Stunden pro Woche, fast 3,5 Stunden pro Tag – mehr als doppelt so viel wie 2011. Wer sich im Internet besser auskennt als andere, der nutzt Angebote zur Information, Unterhaltung, Transaktion und Interaktion klar stärker.

Erwartung, aktiv zu sein

Was «freiwillig» klingt, ist es nicht zwingend. Oft ist der Internetkonsum verbunden mit dem Gefühl, «es» tun zu müssen. Je älter jemand ist, desto weniger fühlt er sich verpflichtet, online zu sein. 14- bis 19-Jährige verspüren diese Erwartungshaltung viel stärker. So glauben 60 Prozent von ihnen, man erwarte von ihnen im Alltag, schnell auf Nachrichten antworten zu müssen, während sich Ältere ohne schlechtes Gewissen dafür Zeit lassen. Dasselbe ist von der Präsenz in sozialen Netzwerken zu sagen: Jeder vierte Jugendliche glaubt, es werde von ihm erwartet, dort aktiv zu sein, und auch hier sinkt der Wert mit dem Alter.

An Bewusstsein für mögliche Probleme aus dem Konsum fehlt es der Jugend nicht. In der Befragung gaben 60 Prozent an, dass sie durch ihre Internetnutzung Zeit für Wichtigeres verlieren. Auch dieser Wert liegt klar höher als bei den Älteren. 62 Prozent der Jugendlichen sagen von sich, dass sie mehr Zeit online verbringen, als sie möchten. Ein Resultat der erwähnten Erwartungshaltung.

Kontrollmechanismen im Griff

Allerdings haben es Jugendliche zumindest theoretisch in der Hand, Gegenmassnahmen zu ergreifen. Sie sind überzeugt, die digitale Informationsflut besser steuern zu können als Personen, die nicht mit ihr gross geworden sind. So sagen sie beispielsweise von sich, dass sie in der Lage sind, Geräte so einzustellen, dass sie sie nicht stören oder dass sie entscheiden können, welchen Informationsquellen oder Personen sie folgen. In diesem Punkt scheitern Ungeübte nicht selten schon rein technisch. 85 Prozent der Jugendlichen hingegen geben an, dazu in der Lage zu sein.

Das Internet ist zwar kein rechtsfreier, aber ein meinungsfreier Raum. Was dort geschrieben ist, kann stimmen, muss aber nicht. Interessanterweise glauben jüngere Internetnutzer den Informationen von Regierungen und Behörden eher als ältere Nutzer. Auch Empfehlungen von Freunden auf sozialen Netzwerken trauen Jugendliche eher. Das Vertrauen in Internetinhalte über alle Informationsquellen hinweg ist in den letzten sechs Jahren gesunken. Je professioneller Inhalte daherkommen, desto glaubwürdiger wirken sie auf die Konsumenten jeden Alters, nutzergenerierte Inhalte werden misstrauischer aufgenommen.

Wichtigste Informationsquelle

Zu unterscheiden sind auch verschiedene Nutzungen wie Kontaktpflege, Information und Unterhaltung. Der direkte Kontakt, der zwischenmenschliche Austausch Auge in Auge ist für alle Altersgruppen auch heute noch die wichtigste Informationsquelle, wie die Befragung zeigt. Das Internet folgt bereits auf Platz zwei. Seit 2015 rangiert das Web als wichtigste Informationsquelle, seit 2017 ist es auch die bedeutendste mediale Unterhaltungsquelle – und hat damit dem TV den Rang abgelaufen.

Werte zwischen 88 und 100 Prozent weisen einzelne Anwendungen wie Suchmaschinen, Online-Nachrichten, Videos und Musik auf. Immer noch über 60 Prozent spielen online. Alle diese Prozentzahlen sinken mit zunehmendem Alter. Eine grosse Rolle spielen auch Konsumangebote. 93 Prozent der 14- bis 19-Jährigen suchen Produktinformationen im Internet, 85 Prozent shoppen online. Gleichzeitig sind Jugendliche auch starke «Produzenten»: Drei Viertel von ihnen laden Inhalte im Netz hoch, die sie selbst kreiert haben. Auch das ein Wert, der mit dem Alter kontinuierlich abnimmt.

Unterschiede zeigen sich ferner bei der Gerätenutzung. 91 Prozent der Jugendlichen nutzen das Internet auch unterwegs, also per Smartphone. Zwischen 30 und 40 Jahren liegt die Zahl noch bei 84 Prozent, danach geht es weiter abwärts.

Bewusstsein für Privatsphäre

Ein zunehmend wichtiges Thema ist der Schutz der Privatsphäre im Internet. Die Studie stellt fest, dass in der Schweiz das Bewusstsein für dieses Problem gross ist. Über drei Viertel der Befragten achten nach eigenen Angaben darauf, die Privatsphäre im Netz zu schützen und glauben auch, das im Griff zu haben. Fast zwei Drittel der Jugendlichen geben an, nichts zu verbergen zu haben, nur ein Viertel aber denkt, die Sorge bezüglich Privatsphäre sei übertrieben. Die Einschätzungen zu dieser Frage haben sich interessanterweise seit 2013 kaum verändert.

Nur jeder zehnte Jugendliche gibt an, im letzten Jahr Cyberbulling, also Mobbing im Internet, erlebt zu haben. Auch dieser Wert hat sich kaum bewegt gegenüber 2011. Je älter die Nutzer werden, desto seltener werden diese Fälle. Das Löschen persönlicher Daten zum Schutz der Privatsphäre kommt bei 14- bis 19-Jährigen häufiger vor als bei älteren Nutzern, jeder fünfte Jugendliche gibt an, diesen Schritt schon häufig verlangt zu haben. Insgesamt, so die Studie, bewegen sich Internetnutzer heute vorsichtiger im Netz als noch vor vier Jahren. ++

Über das «World Internet Project»

Das World Internet Project (WIP) ist eine vergleichende Langzeitstudie. Sie erfasst seit 1999 in 30 Ländern die Verbreitung und Nutzung des Internets im internationalen Vergleich und analysiert soziale, politische und ökonomische Implikationen der Netzentwicklung. Die Abteilung Medienwandel & Innovation des Instituts für Publizistikwissenschaft und Medienforschung (IPMZ) der Universität Zürich führt seit 2011 ein Projekt durch, das die Informationen des WIP auf die Schweiz anwendet. Grundlage ist eine repräsentative Schweizer Befragung in drei Sprachen.

Zu nackt fürs Netz?

Ein Dauerbrenner bei Eltern ist die Angst, dass sich ihre Kinder im Netz nicht verantwortungsvoll verhalten. Das betrifft das Hochladen eigener Inhalte wie Bilder, aber auch den Umgang mit Fremden in Chats. Nicht selten sind aber auch Eltern selbst nachlässig, was das Publizieren von Bildern angeht. An der Universität in Basel geht man seit Jahren der Nutzung privater Fotografie in Online-Umgebungen nach. Ein Ergebnis daraus sind Guides für Eltern und Jugendliche, die Tipps und Informationen mit dem richtigen Umgang mit Bildern zusammenfassen. Dabei geht es den Initianten nicht darum, das Zeigen und Teilen von Bildern online möglichst zu unterbinden, sondern zu helfen, Verhaltensregeln aufzustellen, die zu einem sicheren Umgang verhelfen.

Weitere Informationen gibt es unter www.netzbilder.net.

erstellt von Stefan Millius