Von der Kunst des Geniessens

Gehören Sie auch zu den Menschen, die telefonieren und zeitgleich kochen? Die von der Arbeit direkt an den Elternabend hetzen und die pflichtbewusst für andere alles machen und sich dabei kaum Pausen erlauben? Stopp! Höchste Zeit für eine Rückbesinnung. Gönnen Sie sich Zeit zum bewussten Geniessen.

Manchmal wird die Nacht zum Tag. Zum Beispiel, wenn einen Gedanken stören, die sich einfach nicht verscheuchen lassen. Kürzlich hat es meine Nachbarin Simone erwischt. Sie macht täglich den Spagat zwischen vier Schulkindern, Beruf, Ehemann und Haushalt und war erst ins Bett und dann in einen traumlosen Schlaf gesunken.

Plötzlich hellwach, wiederholte ihr Gehirn immer wieder diese Sätze: «Ich hasse diese Zeit vor den Festtagen. Ich hasse Geschenke kaufen. Ich hasse Familienfeste. Überhaupt: Arbeit und Privatleben wachsen mir über die Ohren! Ich fühle mich wie ein Hamster im Hamsterrad. So kann es nicht mehr weitergehen.» Stress pur also! Doch natürlich weiss Simone, dass sie auch dieses Jahr nicht drum herumkommt. Schenken und Feiern gehören in ihrer Familie einfach zu den Festtagen - diese sind quasi unausweichliche Ereignisse, deren verhängnisvolles Potenzial sich nur mit konsequenter Planung entschärfen lässt. Wenn überhaupt.

Deshalb hat sich Simone bereits im Herbst mit Grübeleien die Nächte um die Ohren geschlagen: in Gedanken Gästelisten gemacht, Einladungskarten gestaltet, sich mögliche Geschenke überlegt (Was um Himmels willen kaufe ich den Kindern, was sie nicht schon haben?) und unzählige Kochbücher gewälzt, um auch für dieses Mal das einzigartige Festmenü zu finden, das Vegetariern, Knoblauchallergikern und Naschkatzen gleichermassen mundet und irgendwie noch machbar ist. Ja, es gibt Situationen im Leben, da fällt Geniessen schwer - beispielsweise bei Dauerstress, Hektik, aber auch bei Trauer, Schmerzen oder Krankheit. In diesen Momenten werden die positiven Gefühle, aus denen wir Kraft schöpfen können, verhindert. Dabei bedeutet Geniessen das Erleben von positiven Gefühlen wie Freude, Wohlfühlen oder Glück. Geniessen können ist für unsere körperliche und seelische Gesundheit enorm wichtig. Je grösser der Genuss, desto mehr stimmungsfördernde Hormone bildet der Körper. Alles was guttut, Freude und Spass macht, fördert die Bildung von körpereigenen Glückshormonen. Vor allem der alles entscheidende Botenstoff Dopamin spielt - in Verbindung mit Noradrenalin und den Endorphinen - die zentrale Rolle. Aber auch der Spiegel des «Wohlfühl-Hormons» Serotonin steigt an. Es vertreibt Stimmungstiefs und sorgt für gute Laune. «Unser Gefühlsleben ist wie ein Konzert», meint deshalb Solomon Snyder von der John Hopkins University, «und Serotonin ist der Dirigent, nach dem sich alle richten.»

Geniessen will geübt sein
Doch wie soll man geniessen können, wenn die Work-Life-Balance (WLB) aus allen Fugen geraten ist? «Erst einmal einen Gang zurückschalten und sich fragen: Was ist jetzt wirklich wichtig?», empfiehlt die Paar- und Familientherapeutin Franziska Bischof-Jäggi. «Für das Geniessen spielen auch unsere Sinne eine wichtige Rolle. Geniessen heisst wahrnehmen können und das braucht Zeit und Achtsamkeit. Dazu gehört Innehalten, Ruhe, Spüren, In-sich-hinein-Hören und ein gewisses Mass an Langsamkeit. Dies kann nur gelingen, wenn wir uns in hektischen und herausfordernden Zeiten vorsätzlich und ganz bewusst darauf einlassen.» Solche «Seelenruhe» zu fördern und vor einer leistungsorientierten Gesellschaft - oder im Falle von Simone einer anspruchsvollen Familie - zu vertreten, braucht ein gesundes Selbstvertrauen. Franziska Bischof-Jäggi hat deshalb ein Online-Lernportal rund um Work-Life-Balance entwickelt. In diesem virtuellen Klassenzimmer können interessierte Männer und Frauen, welche sich mit ihrer Work-Life-Balance auseinandersetzen oder einem Burn-out vorbeugen möchten, diesbezüglich Wissen aufbauen und begleitet auch Veränderungen angehen. So lange, bis Geniessen wieder möglich ist.

Genuss bereichert unser Leben und schenkt uns immer wieder Augenblicke des Glücks. Wer also täglich seine Sinne und seine Wahrnehmung in diese Richtung schult, hat nicht nur mehr vom Leben, weil er es geniessen kann, sondern tut nebenbei auch etwas für seine Gesundheit. Lassen wir uns also auf schöne Dinge und den Moment ein: Das macht uns fröhlicher, ausgeglichener und dies stärkt uns wiederum für den Alltag. «Auch bei Hektik und Stress versuchen Sie kurz innezuhalten und überlegen Sie, welche Bedürfnisse Sie haben», sagt Franziska Bischof-Jäggi. «Nehmen Sie sich die Zeit. Geniessen ist ein sinnliches Verhalten, bei dem man sich auf ein lustvolles Erlebnis einlässt.» Was ist für Sie ein solches Erlebnis? Ein langer Spaziergang in der weissen Winterlandschaft? Ein romantischer Abend mit Ihrem Partner? Kuscheln mit Ihren Kindern? Unser Alltag bietet viele Möglichkeiten für sinnliche Erlebnisse. Auch Kochen und Essen sind gut dafür geeignet. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir unseren Lieben ein anspruchsvolles Mehrgänge-Menü auftischen sollen. Ein Stück frisch gebackenes Brot, knusprig die Rinde, innen weich, duftend und noch ein bisschen warm - der perfekte Genuss! Schliessen Sie einmal für einen Moment die Augen und stellen sich vor, wie Sie auf Ihre Lieblingsschokolade beissen. Konzentrieren Sie sich dabei ganz auf den Duft und den Geschmack. Lassen Sie sich die Schokolade auf der Zunge zergehen und geniessen Sie einfach nur die süsse Köstlichkeit. Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit ganz auf die positiven Reize und blenden Sie störende Gedanken und Gefühle aus. Erlauben Sie sich das Geniessen, verinnerlichen Sie bejahende Regeln wie z.B. «Ich darf mir etwas gönnen» und vermeiden Sie ein schlechtes Gewissen. Wir streben oft nach der ultimativen Entspannung und übersehen dabei, dass sich Wohlbefinden und Glück am ehesten mit den kleinen, zauberhaften Augenblicken einstellt, die wir täglich erleben können.

Sinne gezielt schulen
«Alles, was du mit Liebe tust, wird zur Lust», soll einst der Philosoph und Theologe Thomas von Aquin gesagt haben. «Sinnlichkeit gehört zur Lebensfreude wie Lust und Liebe. Die Lust der Sinnlichkeit ist eine Quelle der Freude und setzt ganz viel Energie frei.» Ob wir also ein Gourmetmenü geniessen oder unsere Füsse in den warmen Sand eingraben und uns dabei rundum glücklich fühlen, spielt keine Rolle. Das Gefühl von Glück können wir überall spüren: beim Anblick unser schlafenden Kinder, beim Schmusen mit der Katze, beim Musikhören oder wenn wir den Duft der Zimtsterne einatmen, die wir gerade frisch aus dem Ofen genommen haben. Was auch immer wir tun, unserer Fantasie sind auf der Suche nach Sinnlichkeit keine Grenzen gesetzt. Dabei ist nicht die Quantität, sondern die Qualität entscheidend. Denn ein Zuviel wirkt auf die Dauer eher übersättigend und langweilig. Um zu regenerieren und neue Energie schöpfen zu können, ist also nicht «möglichst viel», sondern vor allem Genuss und ungeteilte Aufmerksamkeit gefragt. Die Welt mit allen Sinnen zu entdecken entspricht auch Kindern und kann bei ihnen einen Forscherdrang wecken, der - nicht zuletzt - unter anderem auch Motivation zum Lernen schafft. Dieses Prinzip machte sich deshalb auch die italienische Reformpädagogin Maria Montessori zunutze. Für sie war die Sinnestätigkeit entscheidend für die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes. Die Erziehung der Sinne hatte für Montessori höchste pädagogische Priorität. Sie entwickelte sogar spezielles Material, um die Sinne gezielt zu schulen. Nach Montessori ist die ästhetische Erziehung eng mit der Sinnesausbildung bzw. Sinnesschulung verbunden. Ästhetische Erfahrungen schulen die Sinne, rufen Emotionen hervor, mit deren Hilfe Kinder sich Situationen besser merken können und die somit das Lernen für die Kinder erleichtern. Ästhetische Bildung versteht Bildung also nicht in erster Linie als Wissensaneignung, bei der das Denken der Wahrnehmung übergeordnet ist, sondern als Ergebnis sinnlicher Erfahrungen, die selber Quelle von Wissen und Erkenntnis sein können.

Problem gelöst!
Die nächtlichen Grübeleien meiner Nachbarin Simone haben übrigens zu einem überraschenden Ergebnis geführt: Sie will die anstehenden Feierlichkeiten weder outsourcen noch - wie in den Jahren zuvor - alles selber machen: Sohn Oliver (12) und Tochter Lea (10) dürfen diesmal zur Familienparty einladen. Diese freuen sich bereits jetzt enorm auf die Vorbereitungen: Gemeinsam besprechen sie, wie sie das Haus und den Tisch dekorieren wollen und was auf dem Menüplan steht: ihr Lieblingsgericht, eine Gemüse-Lasagne, die sich wunderbar vorbereiten lässt. Zum Dessert gibts Schoggi-Mousse und selbst gebackene Weihnachtsguetzli! Und was die Geschenke betrifft, hatten die beiden eine ebenso einfache wie geniale Idee: Wichteln. Meine Nachbarin kann sich wieder - ganz ohne schlafraubende Gedanken zu wälzen - auf ihre wohlverdiente Nachtruhe konzentrieren, sodass sie sich am Tag ganz bewusst Zeit für Genussmomente gönnen kann.

 

 

erstellt von Christina Bösiger