Schutz der Seele

Wieso können manche Menschen mit belastenden Situationen besser umgehen als andere? Weshalb gibt es Kinder, die unter schlechten Bedingungen aufwachsen und sich entgegen aller Erwartungen sehr positiv entwickeln?

(Bild: Sychugina)

Was ist es, das uns hilft, Rückschläge und Krisen zu verarbeiten und sogar gestärkt aus diesen schwierigen Lebensbedingungen hervorzugehen? Genau diesen Fragen geht die Resilienz-forschung auf den Grund. Susannes Sohn Remo erkrankt mit sechs Jahren an Leukämie. Ihr Vater stirbt im selben Jahr an Krebs. Ein Jahr später verunglückt der Lebenspartner tödlich. Susannes Schmerz ist unermesslich "aber ich werde das mit meinen Kindern schaffen", sagt sie.

Laura kommt mit vier in eine Pflegefamilie. Der Vater ist Alkoholiker, die Mutter psychisch krank. Dreimal muss sie die Pflegefamilie wechseln, bis sie volljährig ist. Trotzdem schafft sie das Gymnasium, studiert nun im zweiten Semester Medizin. Erfolg, ja Lebensglück scheinen manchmal unerreichbar, werden aber durch die eigene Stärke möglich. Warum schaffen es die einen, mit schwierigsten Lebensumständen fertigzuwerden, während andere permanent mit dem Schicksal hadern? Was hat der Starke, was dem Schwachen fehlt? Was macht sie aus, diese Stärke - und vor allem: kann man lernen, selbst in schwierigen Lebenskrisen wieder auf die Beine zu kommen? 

Resilienz: Psychische Widerstandskraft
Mit diesen Fragen beschäftigt sich ein relativ neues Forschungsgebiet, die Resilienzforschung. Der Begriff "Resilienz" leitet sich vom englischen Wort "resiliency" (Spannkraft, Elastizität) ab und stammt ursprünglich aus der Werkstoffkunde. Er steht für bestimmte Materialeigenschaften, die bewirken, dass ein Gegenstand sich äusserem Druck anpasst und in die ursprüngliche Ausgangsform zurückkehrt, wenn die Belastung nachlässt. "Unter Resilienz wird eine psychische Widerstandskraft oder eine bestimmte Art, schwierige Lebenssituationen zu meistern, verstanden", erklärt Hansheini Fontanive,- Schulpsychologe im Kanton Schwyz und Verfasser der Broschüre "Was Kinder und Jugendliche stark macht". Und weiter: "Resiliente Menschen können mit belastenden Situationen oder ungünstigen Lebens- und Entwicklungsbedingungen so umgehen, dass sie daran nicht übermäs-sig leiden oder gar daran zerbrechen, im besten Fall sogar gestärkt in die Zukunft gehen können."

Bereits in den 50er Jahren wurde der Begriff der Resilienz auf die menschliche Psyche übertragen. Die US-Entwicklungspsychologin Emmy E. Werner untersuchte eine Gruppe von hawaiianischen Kindern, die 1955 zur Welt gekommen waren und teilweise in sehr schwierigen Verhältnissen aufwuchsen. 40 Jahre lang verfolgte die Wissenschaftlerin ihren Lebensweg und Werdegang. Zwei Dritteln dieser Kinder gelang es nicht, die widrige Lebenssituation erfolgreich zu meistern. Sie hatten Schulprobleme, waren häufig aggressiv, wurden kriminell und anfällig für Alkohol und Drogen. Werners Interesse galt jedoch dem Drittel der Kinder, die trotz schlechter Startbedingungen ihr Leben in den Griff bekamen. Sie schafften einen Schulabschluss, eine Ausbildung, hatten Arbeit, gründeten Familien. 

Das Wesen der Widerständigen
Heute beschäftigt die Resilienz Säuglingsforscher, Psychologen, Neurowissenschaftler, Pädagogen, Verhaltensbiologen und Genetiker, sie wollen dem Wesen der Widerständigen auf die Spur kommen. Während die Risikoforschung schädigende beziehungsweise krankmachende Faktoren sucht und die entsprechenden Entwicklungsbeeinträchtigungen identifiziert, fragt die Resilienzforschung: Welches sind die möglichen Schutzfaktoren im Individuum und in seinem Umfeld? "Resilienz setzt sich aus mehreren Faktoren zusammen und sie ist das Vermögen einer Person oder eines sozialen Systems (z.B. Familie), sich trotz schwieriger Lebensbedingungen auf sozial akzeptiertem Wege gut zu entwickeln, sie ist ein Ergebnis erfolgreicher Anpassung an widrige Umstände (...)", definiert Prof. Dr. Jürg Frick, Dozent und Berater an der Pädagogischen Hochschule Zürich sowie Autor verschiedener Bücher und Fachartikel, in seinem Buch "Die Kraft der Ermutigung". Darin erläutert er Schutzfaktoren, zum Beispiel eine enge, stabile und sichere positiv-emotionale Beziehung zu mindestens einer Bezugsperson (Elternteil oder andere zuverlässige Versorgungsperson). Weiter führt er als wichtige Faktoren an, dass es die Bereitschaft brauche, Entscheidungen zu treffen und die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen. Ausserdem wichtig sind Ziele, die das Leben sinnvoll erscheinen lassen. Zu ebendiesen Fähigkeiten, so hoffen nun die Wissenschaftler, könne die Forschung Jungen und Mädchen verhelfen, denen es an psychischer Widerstandskraft mangelt. Jene Kinder, die Eltern überfordern, Lehrer nerven und Heilpädagogen bis zum Letzten fordern.  

Die inneren und äusseren Ressourcen nutzen
Den psychisch Robusten schützen zweierlei Kräfte: Solche, die sich erwerben lassen, und jene, die angeboren sind. Die Stärke der individuellen Widerstandskraft wird uns teilweise in die Wiege gelegt. Massgeblich sind aber auch die äusseren Faktoren, der Schutz durch die Umwelt, beide können sich wechselseitig verstärken. Resilienz ist demzufolge eine Frage der Ressourcen - innerer wie äusserer. Zu den inneren Ressourcen gehören vor allem ein gefestigtes Selbstwertgefühl, die Überzeugung, sein Leben positiv beeinflussen zu können und intellektuelle Fähigkeiten sowie die Möglichkeit, sich äussere Ressourcen zu schaffen. Dazu zählen beispielsweise finanzielle Möglichkeiten, aber auch Menschen, die einen unterstützen. Für Kinder sind die äusseren Ressourcen besonders wichtig: Sie brauchen diese, um die inneren überhaupt aufbauen zu können. Sie sind dabei aber durchaus nicht allein auf ihre Familien angewiesen: Gerade ganz jungen Menschen gelingt es, sich auch Mentoren ausserhalb der Familie zu suchen. Dies kann z.B. eine Kindergärtnerin sein, auch eine nette Nachbarin, diese können den mangelnden elterlichen Schutz und die fehlende Unterstützung ersetzen.Was Kinder und Jugendliche stark macht Hansheini Fontanive ist Fachpsychologe für Kinder- und Jugendpsychologie FSP. Seit 1986 ist er als Schulpsychologe im Kanton Schwyz tätig. Daneben gibt erKurse in der Eltern- und Lehrerbildung. Er ist Verfasser der Bro-schüre "Was Kinder und Jugendliche stark macht".

Kidy swissfamily: Herr Fontanive, es gibt Kinder, die unter schlechten Bedingungen aufwachsen und sich - entgegen aller Erwartungen - erstaunlich positiv entwickeln. Wie lässt sich das erklären?
Hansheini Fontanive: Wir sind uns gewohnt, nach den Ursachen eines Problems oder einer Krankheit zu fragen. Erst ein Wechsel der Perspektive macht den Blick frei für förderliche Aspekte. Neben sogenannten Risikofaktoren gibt es verschiedenste schützende, protektive Faktoren, die die Entwicklung unserer Kinder und Jugendlichen positiv beeinflussen. Diese Schutzfaktoren können Risikofaktoren kompensieren oder zumindest abfedern, sodass - trotz schwierigen Entwicklungsbedingungen - eine gute Entwicklung resultieren kann. 

Welche Faktoren beeinflussen die Resilienz denn positiv?
Personale Schutzfaktoren, das Temperament etwa, sind angeboren. Ganz wesentlich sind hingegen die sozialen Schutzfaktoren, also einfühlsame, "gspürige" Menschen innerhalb der Familie und im weiteren Umfeld. Diese Menschen vermitteln den Heranwachsenden Sicherheit, Konstanz und Verlässlichkeit. Förderlich für eine gute Entwicklung sind weiterhin: Eine hohe Wertschätzung, viel Zuwendung und Unterstützung der Kinder und Jugendlichen, verbunden mit klaren Regeln und hohen, jedoch erreichbaren Leistungs- und Verhaltenszielen.  

Können Sie die personalen Schutzfaktoren etwas genauer beschreiben?
Neben dem bereits erwähnten ausgeglichenen Temperament sind dies unter anderen eine positive Selbstwahrnehmung und eine realistische Selbsteinschätzung. Aktive Bewältigungsstrategien von schwierigen Situationen und soziale Kompetenzen sind ebenfalls wichtige persönliche Schutzfaktoren. Auch besondere Begabungen, zum Beispiel sportliche oder künstlerische Talente, können schützende Faktoren sein. 

Können Sie konkrete Ratschläge geben, wie man die Resilienz bei Kindern und Jugendlichen stärken kann?
Ein "Autoritativer Erziehungsstil" - auch reifer oder demokratischer Erziehungsstil genannt - trägt wesentlich zur positiven Entwicklung der Kinder und Jugendlichen bei. Autoritative Erzieherinnen und Erzieher kombinieren Zuwendung und Liebe mit der Förderung des kindlichen Strebens nach Selbständigkeit innerhalb klarer Grenzen. Sie stellen angemessene Forderungen und unterstützen die Kinder und Jugendlichen im Erreichen ihrer Ziele, indem sie ihnen erfolgversprechende Bewältigungsstrategien vermitteln. Die Eltern und die weiteren Bezugspersonen verkörpern für die Kinder und Jugendlichen eine positive Autorität und sind möglichst gute Vorbilder in der Bewältigung des Lebens. Kinder und Jugendliche wachsen an den von ihnen positiv bewältigten Entwicklungsaufgaben und entwickeln dadurch ein Lebensgefühl: Das schaffe ich!  

"Ich kann mich nicht mehr ändern" - stimmt das? Ist ab einem gewissen Alter "alles zu spät"?
Wir sind nicht die Sklaven unserer Gene! Kinder und Jugendliche, Menschen generell, die über eine angemessene Selbstsicherheit, eine solide Selbstwirksamkeit ("Ich schaff das!") und eine gesunde Selbstwertschätzung verfügen und zudem für sich lohnende Ziele definiert haben, können sich zeitlebens ver- ändern. 

Das Vorbild der Eltern und ihre Lebensbewältigungsstrategien sind für Kinder und Jugendliche prägend und für ihren weiteren Lebensweg wegweisend. Auf einem solch tragfähigen Fundament sind Veränderungen in jedem Lebensalter möglich.  

"Wichtig sind Ziele, die das Leben sinnvoll erscheinen lassen."   "Was hat der Starke, was dem Schwachen fehlt?" 

Buchtipps:  
"Die Kraft der Ermutigung. Grundlagen und Beispiele zur Hilfe und Selbsthilfe", von Jürg Frick, Verlag Huber, Fr. 39.90  
Broschüre: "Was Kinder und Jugendliche stark macht", von Hansheini Fontanive, kann unter www.sveo.ch, Dienstleistungen, Broschüren, gratis heruntergeladen werden.

Artikel erschienen im Printmagazin KidySwissfamily April 2011

erstellt von Esther Mogicato