Leben an der Grenze

Sie dauern oft nur einen kurzen Moment, bleiben aber ein Leben lang in Erinnerung: Grenzerfahrungen. Eine Extremsportlerin und eine Familie erzählen, warum sie an ihre Grenzen gestossen sind. Und wie sie damit umgehen.

Eisstaub bedeckt ihren Körper, füllt ihre Lungen, sie atmet Eis statt Luft, immer schneller. Sie glaubt nicht daran, dass sie überlebt. Keiner der Beteiligten glaubt das, an diesem Tag vor ein paar Wochen, in dieser Gletscherspalte am Mount Everest

Zwei Tage nach dem Lawinenunglück: Die Schweizer Bergsteigerin Evelyne Binsack hat mit einer Bronchitis zu kämpfen. Und auch mit dem tödlichen Unfall eines russischen Bergsteiger-Freundes während der Expedition. Evelyne Binsack selbst ist nur noch einige Hundert Meter vom Gipfel entfernt - und gibt auf. Sie, die keine ist, die so schnell aufgibt. Doch die 46- Jährige kann nicht mehr, es geht nicht mehr. In ihrem Blog schreibt sie: "Ich wusste, der einzige Weg, der mir ein längeres Leben bescheren würde, war der Abstieg." Sie ist nicht enttäuscht über diese Tatsache. Nur dankbar: "Dankbar für die Erfahrung, dass es immer den richtigen ‹Umkehrpunkt› gibt. Ich bin weit davon entfernt zu behaupten, es komme nicht auf den Sieg an. Ein Gipfelsieg hätte mich sehr, sehr glücklich gemacht. Doch zu wissen, dass ich nicht mehr hätte geben können als ich geben konnte, dass ich vor mir selbst meinen besten Kampf gekämpft habe, das gibt mir das Vertrauen in die Kraft, die wir Willenskraft nennen."

Mehrsprachig, nicht fremdsprachig
Eine Expedition, drei Grenzerfahrungen. Erfahrungen, bei denen Körper und Psyche per Definition extremen Belastungen ausgesetzt sind. Erfahrungen, die nicht nur Extremsportler wie Evelyne Binsack machen. Auch andere Menschen stossen an ihre Grenzen. "Normale" Menschen wie Nicole und Marco Tocci. Beide sind Schweizer, sie hat brasilianische Wurzeln, er italienische. Die beiden Kinder Nilay (7) und Nayan (4) wachsen dreisprachig auf. Die Mutter unterhält sich mit den Buben auf Portugiesisch oder Schweizerdeutsch, der Vater auf Italienisch. Von der Öffentlichkeit werden sie deshalb oft als Migranten wahrgenommen. Das bekommen auch die Kinder zu spüren. Als Nilay in den Kindergarten kam, wurde er automatisch in den Deutsch-Nachhilfeunterricht eingeteilt. "Für fremdsprachige Kinder obligatorisch", hiess es damals im Brief an die Eltern. Toccis sind aber nicht fremd-, sondern mehrsprachig. "Wir mussten erst mit der Lehrperson, dann mit der Schulleiterin und schliesslich mit der Schulpräsidentin sprechen, um die Situation zu klären", sagt Marco Tocci. Sie mussten Versprechungen abgegeben, Formulare unterzeichnen. Kein einfacher Schritt für die Familie: "Wir fühlten uns einfach nicht gerecht behandelt."

Mit Vorurteilen zu kämpfen
Trotz zunehmender Multikulturalität der Gesellschaft hat die Familie immer wieder gegen Vorurteile anzukämpfen. Da ist zum Beispiel der Vereinskollege, der fragt, auf welcher Baustelle Marco Tocci arbeite, obwohl dieser beim Kanton angestellt ist. Oder die Nachbarin, die wissen will, warum er am Freitag jeweils zu Hause sei. Oder die Blicke, die seiner Frau zugeworfen werden, wenn sie im Bus sitzt. Manchmal bleibe es nicht bei den Blicken, sagt die 34- Jährige: "Einmal habe ich im Postauto mit meinem Sohn Portugiesisch gesprochen. Der Mann hinter mir hat dann irgendwas von wegen "nicht integriert" gesagt. Daraufhin habe ich mich umgedreht und in Schweizerdeutsch gefragt, ob er ein Problem habe." Man müsse halt lernen, mit Vorurteilen umzugehen.

Vorurteile gegenüber Ausländern haben nicht nur Schweizer. Nicole Tocci erzählt, wie eine Bekannte aus Mittelamerika ihr Kind in eine andere Klasse versetzen wollte, "weil es dort weniger Ausländer gibt". Auch sie fühle sich manchmal als Ausländerin, als Brasilianerin, sagt Nicole Tocci. Doch wenn sie mit Brasilianern und Menschen anderer Nationen zusammen sei, werde sie von diesen stets als Schweizerin wahrgenommen. Und deswegen auch ausgegrenzt. Da würden schon mal Sätze fallen wie: "Was weisst du denn schon von unseren Problemen." Auch als sie damals, vor elf Jahren, mit Marco zusammenkam, waren dessen italienische Kollegen skeptisch, fragten: "Kann sie denn überhaupt Deutsch?" Marco Tocci bringt es auf den Punkt: "Rassismus findet auch in den eigenen Reihen statt."

Nochmals an die Grenzen für eine gute Story
Obwohl solche und andere Erfahrungen die Familie geärgert, auch frustriert haben, ist sie froh, dass sie diese gemacht hat. "Dadurch sind wir stärker geworden." Und Evelyne Binsack? Die Bergsteigerin weiss nicht, ob sie den Mount Everest ein weiteres Mal zu bezwingen versucht. Erst soll ihr Dokumentarfilm, den sie damals gedreht hat, der Öffentlichkeit vorgestellt werden. "Und wenn ich es nochmals machen würde, dann müsste es schon für eine ganz gute Geschichte sein. Für einen ganz guten Dokumentarfilm." Für einen, in dem sie dann auch nicht unverhofft die Hauptrolle spielt.

Evelyne Binsack auf ihrer Mount-Everest-Expedition. Den Traum, einmal auf dem "Dach der Welt" zu stehen, hat die 46-Jährige seit ihrer Kindheit: "Dass ich dann auch noch die erste Schweizer Alpinistin auf dem Everest-Gipfel war, ist Ehre und Geschenk zugleich".

"Kinder sind nicht fähig, ihre Grenzen zu erkennen"
Kinderarzt und Buchautor Dr. Remo Largo über Grenzen, warum Kinder sie nicht erkennen und weshalb solche Erfahrungen auch Chancen bieten.

Herr Dr. Largo, eine alleinerziehende Mutter muss Job und Familie unter einen Hut bringen - und stösst dabei an ihre Grenzen. Was kann sie tun?
Alleinerziehende Mütter sind oft auf die Unterstützung von Grosseltern, Verwandten und Bekannten angewiesen. Wenn diese nicht helfen können, sollten die Mütter die Dienstleistungen von Krippen und Ganztagsschulen in Anspruch nehmen. Dort müssten die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen allerdings verbessert werden.

Ob Prüfungen, Krankheit oder Scheidung: Auch Kinder stossen an ihre Grenzen. Wie können sie lernen, diese zu erkennen?
Kinder sind nicht fähig, ihre Grenzen zu erkennen. Sie leiden still darunter. Es liegt an den Eltern und anderen Bezugspersonen wie etwa den Lehrern herauszufinden, weshalb die Bedürfnisse des Kindes nicht befriedigt werden. Es geht dabei um Geborgenheit, soziale Anerkennung und Bestätigung in der Entwicklung.

Die Familie Tocci wird wegen ihrer Mehrsprachigkeit oft als Migranten wahrgenommen. Haben es mehrsprachige Kinder schwerer im Alltag als andere?
Kaum. Wenn Kinder von anderen Kindern ausgegrenzt werden, dann meine ich, hat das andere Gründe. Die meisten Kinder lernen im Kindergarten innerhalb von sechs bis zwölf Monaten Deutsch - und in der Schule oft schneller Französisch und Englisch als andere.

Jeder, der die Möglichkeit hat, soll sein Kind also mehrsprachig erziehen?
Auf jeden Fall. Kinder bis zum fünften Altersjahr sollten allerdings nicht mehr als zwei, drei Sprachen lernen. Ausserdem sollte jeder Elternteil immer nur in einer Sprache mit dem Kind kommunizieren. Hat das Kind die Sprachen erst einmal verinnerlicht, spielt es keine Rolle mehr.

Nicole und Marco Tocci sprechen mit ihren Söhnen Portugiesisch, Italienisch und Schweizerdeutsch. Was können sie tun, damit bei ihren Kindern kein Identitätskonflikt entsteht?
So etwas fragen sich Kinder nicht, sondern - wenn überhaupt - nur Jugendliche. Kinder richten sich in ihrem Verhalten und ihren Wertvorstellungen nach Vorbildern, also vor allem nach den Eltern. Es hängt deshalb davon ab, welche Haltung die Eltern einnehmen, wie sehr sie bereit sind, sich zu integrieren und mit dem Land zu identifizieren.

Was bedeuten Erfahrungen, wie sie Familie Tocci erlebt hat, für den Integrationsprozess?
Sie behindern ihn, geben den Betroffenen das Gefühl, ausgegrenzt zu werden. Entscheidend für die Kinder ist allerdings, wie die Eltern darauf reagieren. Können die Eltern negative Erfahrungen wegstecken und sich dennoch als Schweizer fühlen?

Können Grenzerfahrungen auch Chancen bieten?

Ja, dies geschieht erfreulicherweise immer wieder. Beispielsweise, wenn jemand einen Unfall hat und danach im Rollstuhl sitzt - statt den Kopf hängen zu lassen, bildet er sich weiter, orientiert sich neu. Die Grenzerfahrung war ein Wendepunkt in seinem Leben, der vielleicht sogar dazu geführt hat, dass er sich vertieft mit dem Leben auseinandersetzt. Deshalb ist es auch so wichtig, dass die Menschen Unterstützung und Chancen, beispielsweise in der beruflichen Ausbildung, erhalten. Wir dürfen daher Institutionen wie die IV keinesfalls schwächen.

Allgemein: Was raten Sie Eltern, die an ihre Grenzen stossen und nicht mehr weiterwissen?
Da habe ich wirklich keine einfache Antwort. Es kommt auf die individuellen Umstände an: Weshalb stossen die Eltern an Grenzen? Wie sind ihre Lebensbedingungen? Über welche Ressourcen verfügen sie? Wenn sie sich nicht mehr zu helfen wissen, sollten sie sich Hilfe bei Fachleuten holen.

Zur Person:
Dr. Remo Largo ist Kinderarzt und leitete von 1978 bis 2005 die Abteilung Wachstum und Entwicklung des Kinderspitals Zürich. 1981 habilitierte der heute 70-Jährige in Kinderheilkunde. Sein Wissen und seine Erfahrungen fasste er unter anderem in den Büchern "Babyjahre" (1993) und "Kinderjahre" (1999) zusammen. Remo Largo ist Vater dreier erwachsener Töchter.

erstellt von Martina Kaiser

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