Home, Sweet Home?!

Weht ein rauer Wind, sehnt man sich nach einem Zuhause, das Schutz und Wärme bietet. Doch was passiert, wenn die Krise nicht haltmacht vor der Haustür?

Ein kuscheliges Daheim: Wir alle sehnen uns nach diesem Hort, wo es einem wohl ist, wo man sich sicher und geborgen fühlt. Sich einspinnen in einen Kokon - Trendforscher sprechen von Cocooning und seit Neuestem auch von Homing, dieses Bedürfnis ist in Krisenzeiten noch grösser als sonst. Und mit dem Rückzug ins Private gewinnt auch die Familie an Bedeutung: Man möchte sich mit Menschen umgeben, die einem lieb sind - um Kraft zu tanken, damit man gestärkt hinausgehen und sich dem harten Leben stellen kann.

Aber wie realistisch ist dieses Ideal? Familienforscherinnen oder Fachleute von Beratungsstellen holen einen schnell auf den Boden der Tatsachen zurück. Denn das, was sich draussen abspielt, macht vor der Familie selten halt. Im Gegenteil, es kann sie sogar vor eine Zerreissprobe stellen. Vor allem dann, wenn es ans Existenzielle geht: Was tun, wenn der Vater seinen Job verloren hat? Wenn sich die Arbeitssuche hinzieht? Die Mama ihre Teilzeitstelle nicht aufstocken kann? Die Familie mit weniger Geld auskommen muss? Sie vor der Frage steht, ob sie die Wohnung behalten kann oder sich nach einer günstigeren umschauen muss? Die Kinder wegen des Umzugs die Freunde verlieren? Und die Eltern nicht mehr auf den alten Bekanntenkreis zählen können, weil der Tennisclub und die gemeinsamen Skiferien unerschwinglich geworden sind? Dies alles könne zu einer riesigen Belastung werden, sagt Annette Cina vom Institut für Familienforschung- und Beratung der Uni Freiburg. Nicht nur finanziell, auch psychisch. Und unter diesem Stress leiden nicht nur die Eltern, er kann sich auf die Kinder übertragen.

Pragmatische Lösungen suchen
Adieu, schöner Traum vom trauten Heim? «Es kommt darauf an, wie gut die Eltern eine schwierige Lebenssituation meistern», sagt Karin Schmid von der Psychologischen Beratung «Lichtblick» in Zürich. Es gibt Paare, die können das: nach einem Tiefschlag wieder aufstehen, sogar den widrigsten Umständen etwas Positives abgewinnen.  Resilienz nennen Fachleute diese Fähigkeit. Krisen bewältigen, das beherrschen oft auch jene Menschen gut, die schon einmal in einer ähnlichen Lage waren - und einen Ausweg fanden. Daran sind sie gewachsen und stark geworden. Sie wissen, wie sie funk-tionieren, wenn es brenzlig wird. Und sie kennen Strategien dagegen, ins Loch zu fallen oder sich von der Angst auffressen zu lassen. Diese Eltern schauen im Krisenfall nach vorne, suchen nach einer pragmatischen Lösung. Und sie sagen: Es wird für uns alle hart werden, aber wir werden es aushalten, wir werden es schaffen - und zwar alle gemeinsam. Eltern, die gute Vorbilder sind: Denn ihre Kinder lernen bereits zu Hause, wie schwierige Zeiten zu bewältigen sind. Und sie erfahren dabei, wie wichtig es ist, als Familie gerade dann zusammenzustehen, wenns ringsherum kracht.

Und jene Eltern, die das nicht können? Karin Schmid tut sich schwer mit Pauschalratschlägen, doch sie weiss aus zahlreichen Beratungsgesprächen, wo die Stolpersteine liegen: Wesentlich sei, ob Paare darüber reden, was sie bedrückt und was ihnen Angst macht. Oder ob sie alles in sich hineinfressen und  meinen, es mit sich selber ausmachen zu müssen. «Es ist wichtig, zu verstehen, was Stress auslöst beim anderen», sagt auch Annette Cina. Das helfe, Spannungen und Streit zu vermeiden. Und man könne besser nachvollziehen, was den Partner umtreibt: Ist es die Sorge, sozial nicht mehr mithalten zu können? Die Angst, dass die Kinder ausgegrenzt werden? Die Scham, bei Freunden und Verwandten als Versager dazustehen? Schwingt die Befürchtung  mit, auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr gebraucht zu werden?

Entscheidend ist auch, wie Mama und Papa es den Kindern sagen. Hier den richtigen Ton zu finden, sei eine Gratwanderung, sagt Karin Schmid. Viele Eltern überfordern ihre Kinder, indem sie die ganze Palette an Problemen vor ihnen ausbreiten und verlangen, dass sie es verstehen wie Erwachsene. Das kann fatale Wirkungen haben: Die Kleinen fühlen sich verantwortlich für die Misere. Sie meinen, schuld daran zu sein, dass die Mama so oft traurig ist oder mehr schimpft als früher. Jedoch funktioniere es genauso wenig, den Kindern eine heile Welt vorzugaukeln und ihnen zu verheimlichen, dass ein Engpass droht im Haushaltsbudget. Kinder spüren, wenn etwas nicht stimmt - Geheimniskrämerei kann für sie enorm belastend werden. «Mit der Wahrheit können Kinder besser umgehen», sagt Karin Schmid. Nur sollten Eltern sie so verpacken, dass die Kinder es begreifen.

Für Normalität sorgen
Die Wahrheit auf den Tisch - aber wie? Nicht dramatisieren, nicht tabuisieren, für Normalität sorgen. Und es aufs Wesentliche beschränken: Hört her, Mama hat zurzeit keine Arbeit, wir müssen mit weniger Geld auskommen. So viel brauchen wir für die Miete, für die Krankenkasse, fürs Essen. Das bleibt unterm Strich. Lasst uns gemeinsam überlegen, was wir unbedingt brauchen, welche Anschaffung wir zurückstellen und worauf wir verzichten. Die Betonung liegt auf «wir»: Auch Kinder können ihren Teil dazu beitragen, die Ausgaben niedrig zu halten. «Sie nehmen keinen Schaden, wenn sie sich auch einmal etwas nicht leisten können», ist Annette Cina überzeugt. Es kann zwar zu harten Auseinandersetzungen kommen, aber: Wenn Kinder den Ernst der Lage verstehen und man sie auffordert, ihren Beitrag zu leisten, tun sie es noch so gerne. Indem sie beispielsweise kurzerhand Selbstgebasteltes oder Spielzeug auf dem Flohmarkt verkaufen. Und sie merken schnell, dass es nicht immer teure Ferien sein müssen, dass es auch spannend sein kann, mit dem Velo zum Würstchenbraten in den Wald zu fahren (siehe Box).

Finanzielle Engpässe und die damit verbundene psychische Last - nicht nur das kann den Familienfrieden auf die Probe stellen. Wird ein Elternteil arbeitslos, verändern sich die Rollen der Familienmitglieder, sagt Laufbahnberaterin Claire Barmettler. Das kann ein bislang gut funktionierendes Gefüge durcheinanderwirbeln. Definierte sich der Mann vor allem als Ernährer, verliert er mit dem Jobverlust seine primäre Aufgabe und damit seinen Stellenwert. Das kann am Selbstwert nagen, kann apathisch, sogar depressiv machen. Oder aber ungehalten und gereizt. Und Spannungen mit dem Nachwuchs gipfeln dann schon mal in Bemerkungen wie: «Als Lehrling bin ich ja jetzt der Einzige, der hier noch Geld nach Hause bringt.» Arbeitet die Frau Teilzeit und kann ihr Pensum erhöhen, wird sie erwarten, dass der Partner mehr Hausarbeit übernimmt und mit den Kindern Hausaufgaben macht. Aber wie aushandeln, wer was übernimmt und wem welche häuslichen Pflichten zugemutet werden können? Bei manchen Paaren brechen an der Stelle alte Konflikte auf. Doch es gibt auch Familien, bei denen so ein Rollentausch mit der Zeit reibungslos klappt, sagt Claire Barmettler. Und mit Gewinn für alle Beteiligten - weil die Kinder mehr vom Vater haben und beispielsweise merken, dass er ein fabelhafter Koch ist.

Das Familienleben neu ausrichten und es intensiver pflegen, das kann eine Antwort auf eine Krise sein. Funktioniert aber nicht von alleine, sind sich Fachleute einig. Es kommt darauf an, wie das Zusammenleben bislang ausgesehen hat. Ob man bereit ist, sich von alten Gewohnheiten und alten Standards zu verabschieden - und auch bereit dazu, neue Werte zu definieren. War gemeinsames Jassen in der Familie schon vorher Brauch, wird es ihr wenig ausmachen, einen Spieleabend mehr zu veranstalten, statt zusammen ins Kino zu gehen und den Ausflug mit einem Besuch im Fastfood-Restaurant abzurunden. Dennoch ist es nicht empfehlenswert, sich daheim einzuigeln. Das birgt zum einen die Gefahr, sich bald einmal auf den Wecker zu gehen. Zum anderen ist es gerade in schweren Zeiten wichtig, auch auf Unterstützung von aussen zählen zu können. «Sozial eingebet-tet zu bleiben, ist wichtig, auch wenn man vielleicht nicht mehr überall mitmachen kann», sagt Annette Cina. Deshalb unbedingt das Beziehungsnetz pflegen und ausbauen, sich überlegen, wem man sich anvertrauen könnte. Vielleicht einer Familie, die ebenfalls von Arbeitslosigkeit betroffen ist und es gut packt? Dieser Austausch hat einen guten Nebeneffekt: Man merkt, dass es noch andere gibt, denen es ähnlich geht. Es also keinen Grund gibt, sich zu schämen - und schon gar keinen, sich in den eigenen vier Wänden zu verschanzen.

erstellt von Vera Sohmer