Zukunftspläne mit Ablaufdatum

Unser Familien-Coach, der Wiener Erfolgsautor Gerhard Spitzer, deckt manch ein «zu planvolles» Elternverhalten auf. Zahllose Eltern bringen, passgenau zum Start in ein neues Jahr, gute Vorsätze an den Start. Manch einer schmiedet in diesen Zeiten sogar ehrgeizige Zukunftspläne für den Nachwuchs. Genau darüber sollten wir kurz hirnen, meine ich …

Prima-Sabrina

Sabrinas Mama hätte zwar noch viel Zeit, weil ihre Tochter erst drei Jahre alt ist, aber eines steht für sie schon fest: Die kleine Prinzessin wird bald an Zürichs bester Ballettschule angemeldet. Schliesslich war sie selbst früher mal beim Ballett. Nur, zur Prima-Ballerina hat es halt nie gereicht: «Sabrina soll jedenfalls mal die besseren Voraussetzungen haben!» Handkehrum fehlt dem ehrgeizigen Vorhaben ein wichtiges Detail: Die künftige Prima-Sabrina ist noch gar nicht gefragt worden, Wie auch? Ist ja wirklich a bissl früh! Dieses planvolle Verhaltensmuster ist aber gar nicht so selten: Eltern messen die «bessere Zukunft» ihres Sprösslings auch noch heutzutage oft ziemlich früh und vielfach ohne nennenswerte Kompromisse an der eigenen Lebenswelt. Weil es während der Kleinkinderzeit aber noch an so richtig durchgestylten Zukunftsvisionen mangelt, «planen» die meisten vorsichtshalber mal ganz allgemein ein gut gebildetes, vielleicht sogar ein gut angepasstes, jedenfalls aber ein erfolgreiches Kind. Mindestens erfolgreicher als man selbst! Das Stich- oder besser gesagt das Unwort dieser Tage lautet demnach: «Frühförderung». Diesem speziellen Thema möchte ich deshalb in der nächsten Ausgabe vom Familien- SPICK eine eigene Kolumne widmen. Nun aber zurück zu unserem aktuellen Thema ...

Ablaufdatum

Wie schön und entspannend wäre es für uns Erwachsene doch, könnte man manch einer persönlichen «Altlast» so wie Lebensmitteln einfach ein Ablaufdatum verpassen, um sie dann auf den Müll zu schmeissen. Aber halt! Was spricht denn eigentlich dagegen, diesen entspannenden Gedanken in die Tat umzusetzen? Warum führen wir nicht einfach ein «Ablaufdatum für Altlasten» ein? Lassen wir unseren eigenen alten Sondermüll doch dort landen, wo er hingehört: auf den Schrottplatz! Sind Sie dabei? Wie notwendig so etwas sein kann, zeigt unser nächster Fall ...

Guter Plan

Uli, der Vater des zehnjährigen Marvin, denkt nicht gern an seine eigene Kindheit. Sein eigener Vater hat dazumal ein überaus strenges Regime geführt: Unzählige Vorschriften, Sanktionen, Standpauken, Verbote, Fernseh- und Taschengeldentzug schon bei minimalen «Vergehen». Bereits vor Marvins Geburt hat für Papa Uli festgestanden: «Mein Sohn soll es einmal viel besser haben als ich! Ein gütiger Vater werde ich sein! Punktum!» Gedacht, getan: Uli hat seither sicherlich gut 40 Schmöker über antiautoritäre Erziehung vertilgt und indes auch seine Frau von dem Ansatz überzeugt. Heute, wo Marvin schon zehn Jahre alt ist, kann man sagen: «Mission accomplished!» Auf ganzer Linie herrscht antiautoriäterer Stil im Haus. In nahezu allen erzieherischen Situationen wird sehr konsequent völlig inkonsequent gehandelt. Dauer-Nachgiebigkeit als Dauerjob! Erfolgsbilanz: leider schlecht!

Hässig

Offenbar scheint Marvin aber die «Job-Beschreibung für kleine, verwöhnte Söhne» nicht sorgfältig gelesen zu haben, denn der Knabe findet Papas Nachgiebigkeit überhaupt nicht «sauglatt»! Der kleine Prinz ist bemerkenswert aufsässig, schreit viel mit den Eltern und ist irgendwie andauernd hässig. Nahezu täglich gibt es Lämpen: Marvin hält nur ganz selten ein, was er zugesagt hat. Mama Vroni schmerzt es arg, dass sie sich auf den pfiffigen, aber störrischen Buben nicht wirklich verlassen kann. Von «folgsam sein» sowieso keine Spur!

Kinder suchen Grenzen

Der Kreis schliesst sich! Als hoffentlich erfahrene Freunde meiner Kolumne haben Sie sicher schon erkannt, auf welche Frage das hier hinausläuft: Um wie viel «besser» hätte es Marvin möglicherweise gehabt, wenn Papa Uli seinen alten Ängsten und Erinnerungen ein Ablaufdatum verpasst hätte? Oder wenn er wenigstens ein paar Mal «strenger » gewesen wäre? Versuchen Sie daher, in Ihren Plänen für das neue Jahr und für die Zukunft Ihres Kindes den berühmten «goldenen Mittelweg» zu gehen und vor allem: Entspannen Sie sich und Ihre Lebenseinstellung! Ihr Kind wird auch ohne durchgestylte Pläne seinen Weg machen.

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TIPP-BOX

  • Der Wunsch nach einem «besseren Kinderleben» geht selten auf, wenn er aus eigener, schlechter Erfahrung oder verpasstem Erfolg geboren wird.
  • Suchen Sie den «besten Weg» beim Kind selbst. Es zeigt Ihnen schon, wo es lang will.
  • Auch, wenn Sie es «…nur gut meinen»: Wessen Meinung vertreten Sie dann?
  • Um überhaupt etwas als besser empfinden zu können, muss man es erst einmal selbst als schlecht erlebt haben. Wenn Ihr Kind nicht schon selbst in der selben schlechten Situation gesteckt hat, ist es unmöglich zu sagen, ob der mühevoll beschrittene «bessere Weg» tatsächlich besser ist .
  • Sie haben eine bestimmte Lebensvorstellung? Gut, dann begeistern Sie Ihr Kind doch dafür! Achtung: bitte begeistern, nicht drängen!
  • Denken Sie bitte daran, dass Ihr Kind ja gar nicht wissen kann, wie Ihre Pläne konkret aussehen und vor allem warum. Verwirrung und Unkenntnis sind niemals gute Zutaten für ein entspanntes Miteinander.

 

 

erstellt von Gerhard Spitzer