Du bist, was du isst

Essen weckt Emotionen: Während die einen sich mit Freude an die Apfelwähe der Grossmutter erinnern, deren Duft das ganze Haus erfüllte, läuft den anderen beim Gedanken an das Grahambrot von Opas Lieblingsbäcker das Wasser im Mund zusammen.

Als Kind, so weiss man noch, schmeckte das mit Kirschkonfitüre am besten. Andere mögen hin und wieder an den gluschtigen Hörnliauflauf denken, den die Mama so gut kochte. Und anderen kommen heute noch Ekelgefühle auf beim Gedanken an den Fettrand beim Schweinekotelett. Jeder von uns verbindet mit einem Lebensmittel oder einem bestimmten Gericht ein positives oder auch ein unangenehmes Gefühl. Essen macht Lust, und das gemeinsame Mahl verbindet Menschen. Wenn wir essen, nähren wir nicht nur den Körper, wir nähren vor allem unsere Seele.

Natürliche Beziehung
Nahrungsmittel sind ein Geschenk der Natur, wofür wir jeden Tag dankbar sein sollten. Leider geht aber dieser natürliche Bezug zum Essen und die Wertschätzung für unsere Lebensmittel mehr und mehr verloren. Dass das Essen das Leben ungemein bereichert und einen unschätzbaren Wert darstellt, wird von vielen Menschen zwischen Hausarbeit, Büro, Schule und Freizeitaktivitäten schnell einmal vergessen. Rüsten und Kochen wird eher als Belastung denn als eine Bereicherung empfunden, auch darum, weil Hausarbeit generell als minderwertige Tätigkeit angesehen wird. Die Folge ist, dass viele Mütter (und Väter) nicht mehr kochen können oder stark verunsichert sind, wie Ernährungsfachfrauen in Kursen immer wieder feststellen. Marianne Honegger, Ernährungsberaterin der Schulgesundheitsdienste der Stadt Zürich, erklärt: «Zeitmangel, Berufstätigkeit oder auch Schichtarbeit führen dazu, dass Eltern häufiger zu Fertigprodukten greifen. Selber frisch zu kochen hat bei vielen keine Priorität.» Neuerdings werde sogar mit dem Spruch «Mehr Zeit zum Leben» geworben - als ob Kochen kein Leben wäre!

Vieles deutet darauf hin, dass bereits die Kinder den Bezug zur Nahrung, zum Kochen und zum Essen mehr und mehr verlieren. «Was mir immer wieder auffällt, ist, dass viele Kinder nur wenig Gemüse, Früchte und Grundnahrungsmittel kennen. An einem Projektmorgen an einer Zürcher Schule beispielsweise hat kein einziges Kind im ganzen Schulhaus Sellerie gekannt», sagt Marianne Honegger. Kinder in der Stadt haben wenig Gelegenheit, selber etwas zu pflanzen oder Nahrungsmittel auf den Feldern wachsen zu sehen, aber auch mit den Eltern zu kochen. «Zusätzlich wird der Kochunterricht in der Schule mehr und mehr gekürzt. Der Bezug zu Nahrungsmitteln geht verloren.»

Nur das, was man kennt, kann man auch wertschätzen. Das Wissen, dass es Tausende von Sorten Tomaten auf der Welt gibt und nicht nur vier Sorten im Supermarkt, ist dabei weniger wichtig. Wesentlich ist die sinnliche Erfahrung, die Kinder schon von klein an mit Nahrungsmitteln machen können. Vielen Kindern – und auch vielen Erwachsenen - mangelt es an einem gesunden Basiswissen. Ernährungsexperten stellen immer wieder fest, dass vor allem Stadtkinder sogar mitunter nicht mehr wissen, woher die Milch im Tetrapack stammt, wie ein Salat oder eine Erbse wächst oder dass ein gackerndes Huhn das Ei auf dem Teller einst gelegt hat. Ernährungswissenschaftlerin und Autorin Marianne Botta Diener sagt: «Wer weiss, wie lange Bienen zum Honigsammeln haben, wirft wohl kaum ein Honigbrot einfach so weg. Wer also seine Kinder zu guten Essern erziehen möchte, sollte schon früh regelmässig auf den Bauernhof gehen.» Auch für Stadtbewohner ist dies relativ einfach umsetzbar: Der sonst übliche samstägliche Einkauf mit Kind und Kegel im Supermarkt mit anschliessendem Besuch in einem (Schnell-) Restaurant kann ohne Weiteres auch auf den nächsten Bauernhof verlegt werden. Kombiniert mit einem Spaziergang und einem Picknick im Grünen ist das ein Familien-Event erster Güte. Zudem lernen die Kinder viele Gerüche und Geschmäcker kennen und können sich eher vorstellen, was es heisst, Landwirt zu sein. Sie erleben, dass der Spargel zum Frühling und die Beeren zum Sommer gehören oder dass Kürbis und Äpfel erst im Herbst heranreifen und dass man Rosenkohl im Winter ernten kann.

Kinder beobachten genau
Auch beim Essverhalten gilt das Sprichwort: «Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.» Eltern und alle anderen Familienmitglieder sind die wichtigsten Vorbilder für Kinder. Kameraden und Schule sind weit weniger prägend, schon gar nicht bei den Kleinen. Die Werte, die Eltern vorleben, übernehmen die Kinder ganz automatisch. «Kinder, deren Eltern gerne neue Gerichte ausprobieren, sind meist auch gute Allesesser», sagt Marianne Botta Diener. Das Essverhalten wird früh geprägt. Zwischen dem ersten Lebensjahr und dem Beginn der Pubertät macht die geistige und körperliche Entwicklung rasante Fortschritte. Dazu gehört auch, dass Kinder lernen, selbstständig zu essen und Vorlieben für oder Abneigungen gegen bestimmte Lebensmittel entwickeln. Ist eine gesunde Ess-Basis gelegt, sei es auch nicht gleich ein Alarmzeichen, wenn die Fünfzehnjährige mit ihren Schulkolleginnen gelegentlich dem Fast Food fröhne.

«Da heisst es dann, Geduld zu haben und sich so wenig wie möglich einzumischen. Machtkämpfe sind kontraproduktiv. Man kann aber getrost ab der Pubertät beide Augen zudrücken, wenn man bisher in punkto Ernährung alles gut gemacht hat. Früher oder später kommen die meisten Menschen wieder zu den von den Eltern vermittelten Essgewohnheiten zurück», erläutert Marianne Botta Diener.

Eltern sollten ihre Vorbildfunktion ernst nehmen: Ein Kind, das seine Mutter nie beim Frühstück erlebt, weil diese nicht zunehmen will oder die ständig Diäten ausprobiert, ein Kind, das Papa oder Mama eher lustlos beim Kochen beobachtet oder lernt, dass man sich meist nur zwischen Tür und Angel oder vor dem Fernseher irgendetwas Essbares reinschiebt, wird nur schwer grosse Lust zum Kochen oder geniesserische Freude beim Essen entwickeln können. Und Hochachtung vor den Geschenken der Natur und den Lebewesen auch nicht. Eltern und Erziehende sollten zunächst ihre eigenen Essgewohnheiten unter die Lupe nehmen: Welches Vorbild gebe ich ab? Rümpfe ich regelmässig die Nase, wenn etwas Grünes auf den Teller kommt? Motze ich beim Essen häufig herum? Esse ich wenig bewusst und zu schnell? Gehe ich zwischendurch gedankenlos an den Kühlschrank und hole mir oft Süsses oder Snacks aus dem Schrank? Interessiere ich mich dafür, wo die Lebensmittel herkommen, die auf meinem Teller landen und wie die Tiere gehalten werden?

Qualität vor Quantität
Wer eine Vierjährige beobachtet, wie konzentriert und genüsslich sie eine knallrote Tomate zerschneidet, wie sie die feine gelbe Polenta in den Topf rieseln lässt oder einen Kuchenteig knetet, kann die Faszination, die von Obst, Gemüse und anderen Esswaren ausgehen kann, nachvollziehen. «Der Einbezug der Kinder beim Einkaufen und beim Zubereiten der Mahlzeiten, hilft, dass Kinder einen Bezug zu den Nahrungsmitteln erhalten», erklärt Marion Wäfler von der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung. Waschen, Schälen und Würfeln, den Geruch von Basilikum oder einer frischen Zitrone einatmen, den klebrigen Käse von den Händen lutschen oder den Birnensaft vom Finger ablecken - das heisst, mit allen Sinnen die Welt erfahren. Dazu braucht es keinen Kochkurs. Und mit Mama, den Geschwistern oder Papa zusammen macht es doppelt Spass.

Gemeinsame Mahlzeiten planen
Es hat auch etwas mit Wertschätzung zu tun - gegenüber dem, was man zu sich nimmt und gegenüber der Familie und Freunden -, wenn man gemeinsam an einem Tisch isst. Aufgrund der geänderten Lebensumstände sind neben dem Kochen die gemeinsamen Mahlzeiten vielerorts nicht mehr möglich. Das hat zur Folge, dass schon Kinder alleine essen, dann vor dem Fernseher oder PC. «Wie beim Essen gilt auch hier: Qualität vor Quantität», rät Ernährungsfachfrau Marion Wäfler. «Besser weniger gemeinsame Mahlzeiten als viele, die dann mit Stress und Spannungen verbunden sind, weil einen das schlechte Gewissen plagt.» Die Mahlzeiten, die gemeinsam eingenommen werden können, sollten für die ganze Familie verbindlich sein und als fixe Termine eingeplant werden. «Somit wissen alle, wann ein «Date» mit der Familie ansteht.» Auch eine Tagesfamilie oder der Hort kann Abhilfe schaffen, wenn Mutter und Vater den ganzen Tag ausser Haus sind. In diesem Ersatz-Zuhause können Kinder mit anderen gemeinsam essen und eine gesunde Ernährung geniessen lernen. Viele Eltern schämten sich zu Unrecht und bitten deshalb niemanden um die Kinderbetreuung inklusive Mittagessen, sagt Marianne Botta Diener.

Essen am Familientisch
Dem Familientisch kommt in mehrfacher Hinsicht eine grosse Bedeutung zu: Er kann viel zur Motivation der Kinder beitragen, einen gesunden Lebensstil anzunehmen. In entspannter Atmosphäre kann ein gesundes Essverhalten sowie Tischmanieren eingeübt werden.Wertvolle Kontakte werden gepflegt. Kinder und Jugendliche können hier ihre Erlebnisse aus Kindergarten oder Schule erzählen und erhalten emotionale Anteilnahme. Oft ist der Esstisch der einzige Ort, an dem sich wenigstens einmal am Tag die ganze Familie trifft und miteinander spricht. Am Familientisch wird ja nicht nur gegessen, hier findet ein wesentlicher Teil der Erziehung statt. Der häusliche Esstisch war früher und ist auch heute noch ein Ort der Vermittlung praktischer Lebenserfahrung. Marion Wäfler weist auf einen weiteren Aspekt hin: «Essen sollte auch nicht zweckentfremdet werden, das heisst, mit Essen sollten Eltern weder belohnen noch bestrafen. Essen ist kein Druck oder Erziehungsmittel.» Streit und Machtkämpfe am Tisch verhindern zudem eine gute Körperwahrnehmung.

erstellt von Lioba Schneemann