Achtung, böse Banane!

In aller Offenheit: Ich habe keine Ahnung mehr, was ich zu Primarschulzeiten als Pausenverpflegung mit dabei hatte. Mit Sicherheit hat sich meine Mutter damals, vor über drei Jahrzehnten, auch noch keine allzu tiefschürfenden Gedanken zum Thema gemacht. Und Sie?

Fleisch ass man damals jeden Tag, und die Frage, ob die betreffenden Tiere vor dem Ableben glücklich waren, wurde kaum gestellt. Weissbrot hatte auch noch keinen schlechten Ruf. Also waren es vermutlich irgendwelche kleinformatigen Sandwiches, die einfach zu transportieren und rückstandsfrei zu vertilgen waren. Ein Apfel war wohl auch dabei, immerhin bin ich auf dem Land aufgewachsen. Und gut erinnern kann ich mich an die regelmässigen Milchwochen, an denen eine Art mobile Milchausschankstelle auf dem Pausenplatz stand. Das war noch in jener Zeit, als wir nur zwischen Past und UHT unterschieden und es nicht für jede Form von Mangelerscheinung und jede Hollywood-Diät die perfekte Milchversion gab.

Das sieht heute anders aus. Inzwischen ist es sozusagen unmöglich, sein Kind für die Pause richtig auszustatten, ohne einen Abschluss in Lebensmitteltechnologie zu absolvieren. Keine Süssigkeiten als Zwischenverpflegung: Das macht Sinn. Übergewicht und Zahnprobleme sind erstens weit verbreitet und zweitens nicht besonders lustig. Also viel Obst in die Tasche, dazu lustig geschnittene Gemüsestäbchen, da das Auge mitisst – und schon ist man in den Augen der Lehrerschaft Mutter oder Vater des Monats!

Weit gefehlt. Eine befreundete Mutter wurde kürzlich von der Lehrerin ihres Sohnes gemassregelt, weil sie ihm eine Banane mitgegeben hatte. Der Grund: Eine Banane enthalte überdurchschnittlich viel Zucker. Natürlichen Zucker zwar, vorproduziert von Mutter Natur, aber eben: Zucker. Und der, so die Lehrerin, greife die Zähne an, sorge für überschüssige Energie, mache gar nicht richtig satt und sorge nur für Lust auf noch mehr Süsses. Nach dem Vortrag der Pädagogin war meine Kollegin absolut überzeugt, dass Fruchtzucker eine Art Wolf im Schafspelz ist: tarnt sich unschuldig und richtet dann in den kleinen Körpern viel Unheil an.

Na gut, vielleicht ist die Banane ja wirklich böse. Immerhin haben Schimpansen tatsächlich kein besonders attraktives Gebiss. Aber das heisst ja auch: Die letzte Zufluchtsstätte für verunsicherte Eltern bröckelt. Früchte und Obst, das war doch immer das, zu dem man mit gutem Gewissen greifen konnte. Und nun heisst es: Was an Sträuchern oder auf Bäumen wächst, ist nicht einfach gut fürs Kind. Na gut, dann ab zur Recherche: Was ist denn völlig problemlos? Birne, Wassermelone oder Mango? Bloss nicht. Denn da ist der Anteil an Frucht- und Traubenzucker nicht so ausgeglichen wie erwünscht. Wie sieht es aus mit Äpfeln? Abgesehen vom Fruchtzucker stecken in denen nicht auch noch Unmengen von Säure? Dann eben Gemüse. Aber Achtung, Avocados sind Fettbomben! Und das gilt natürlich auch für Nüsse. Und als mir als allerletzte todsichere Variante ein knackiges Rüebli einfällt, stosse ich auf einen alarmierenden Newsbeitrag, in dem sich eine Unterstufen schülerin einen Milchzahn daran ausgebissen hat.

Erschöpft schliesse ich das Fenster meines Webbrowsers. Google hat mir deutlich vor Augen geführt: Was auch immer ich meinen Kindern mit auf den Weg gebe, ich schädige ihre Gesundheit nachhaltig. Genau genommen sollte ich sie auf dem Schulweg auch nicht atmen lassen. Ein Fläschchen Wasser liegt allenfalls drin, wobei es gilt, das Behältnis genau auszusuchen. Denn wer weiss, irgendwelche Schwermetalle könnten sich von der Beschichtung im Alufläschchen lösen …

Die Bilanz, die bleibt: Wir wissen immer mehr. Und wir versuchen, unser Handeln diesem Wissen anzupassen. Was dabei manchmal auf der Strecke bleibt, ist der gesunde Menschenverstand und die Verhältnismässigkeit. Primarschüler sollten vermutlich zum Znüni keinen ganzen Strauss Bananen essen, klar. Aber wenn doch, dann tun sie das wohl auch nur ein einziges Mal. Nicht wegen dem bösen Fruchtzucker. Sondern weil dann der Gang zum Klo zur Tortur wird.

erstellt von Stefan Millius