Mythos Mutter - die Luft ist raus

Sie ist wissenschaftliches Objekt und Stammtisch-Politikum, gesellschaftliches Symbol und pädagogisches Relikt: Die Mutter wird studiert, seziert und gruppiert. Es vergeht kein Monat, in dem nicht irgendeine neue Studie oder Umfrage belegt, was Mütter sollten und möchten, was bereits Schwangere alles falsch machen und Mütter von Pubertierenden erwarten. Schluss mit diesem Unsinn!

(Bild: zvg/ Kidy Swissfamily Oktober 2011)

Fragt man die Generation heutiger Grossmütter nach diesem Phänomen, lächeln sie einen etwas mitleidig an und geben zu: «Irgendwie hatten wir es einfacher. Damals gab es noch nicht so viele Ratgeber und schon gar kein Internet, das einem in Foren beibringen will, was eine gute Mutter ist.» Ich neige dazu, meine Grossmütter deswegen zu beneiden. Doch möchten wir wirklich zurück? Kaum eine moderne Mutter sehnt sich nach der Zeit, als Frauen keine Wahl hatten, ob und wie viel sie arbeiten wollten, damals, als eine Ehe noch gleichbedeutend war mit Heim und Herd. Wir wollen gute Mütter sein, doch wollen wir so sein wie unsere Mütter?

Anleitung erwünscht
Jede einzelne dieser zahlreichen Mütter-Studien geht der Frage nach: «Was ist eine gute Mutter?», auf die eine oder andere Art. Ernährung, Erziehung, Medienkonsum, jeder Bereich des Mutterseins wird durchleuchtet. Berufsbedingt lese ich diese Studien natürlich mit grossem Interesse, bin aber jedes Mal etwas enttäuscht ob der neuen Erkenntnisse. Denn sie sind nie eine Anleitung zum «Gute-Mutter-Sein», vielmehr zeigen Sie uns auf, dass wir so ziemlich alles falsch machen und wie wir unseren Kindern dauerhaften Schaden zufügen. Mütter telefonieren zu viel, kochen zu ungesund, kümmern sich zu wenig um die Kinder, arbeiten dennoch zu wenig und kosten den Staat zu viel Geld. Oder so ähnlich.

Kleine Ego-Projekte
Diese Studien sind Ausdruck unserer veränderten Verhältnisse. Meine Eltern haben geheiratet und, mehr oder weniger geplant, ein Kind in die Welt gesetzt. Im Laufe der Zeit schauten sie zu, dass ich mich ausdrücken kann, beim Essen nicht schmatze und «Danke» und «Bitte» sage. Ich hatte Spielsachen, die nicht über sieben Tests auf ihren pädagogischen Wert geprüft waren und - stellen Sie sich vor! - ich hatte sogar aufgeschürfte Knie! Und zwar weil ich ganz ohne Schutz und Helm auf dem Velo unterwegs war! Alleine! Den ganzen Nachmittag!!!  ... Heutige Kinder dürfen das alles nicht mehr und wenn, dann ist immer ein Erwachsener dabei. Oder zwei.

Die Zeit, die wir heute für unsere Kinder aufbringen, hat sich gemäss einer Studie der University of Essex seit den Sechzigerjahren vervierfacht, obwohl Eltern heute mehr arbeiten. Wenn wir also zu Hause sind, steht das Kind im Zentrum. Mami spielt Federball, Memory oder Barbie, die Wäsche muss bis abends warten. Sind die Kinder draussen, ist Mami dabei, es könnte ja etwas passieren! Ausserdem kocht und bäckt sie mit den lieben Kindern, denn das macht Spass! Wem genau? Den Mamis im Ernstfall wenig, geht doch alles viermal länger, wenn kleine, klebrige Patschhändchen mithelfen wollen. Aber die Kinder lernen. Und nur das zählt.

Denn unsere Kinder sind eben nicht mehr nur einfach Nachwuchs, dem man Wurzeln gibt und Flügel verleiht. Sie sind kleine Ego-Projekte, die genauso wie die Präsentation der Markteinführung eines neuen Produktes, an der wir früher tagelang gearbeitet haben, «gelingen» müssen. Schwanger von unserem Wunschkind, schleppen wir uns ins Yoga, um nach der Geburt mit Baby-Schwimmen, Frühenglisch und Hausaufgabenhilfe weiterzumachen. Alles für das Kind. Denn nur so fühle ich mich als Mutter fähig. Also gut.

Die gute Mutter
Was macht denn jetzt eine gute Mutter aus? Ist es die, die zu Hause bleibt und nach Kind und Küche schaut, bis die Kleinen gross sind und sie nicht mehr brauchen? Oder lebt sie ihnen auf diese Weise ein falsches Rollenbild vor? Soll Mami arbeiten gehen, damit das Kind fremd-betreut mehr Sozialkompetenz erhält, dank des Kontakts mit anderen Kindern? Ist die gute Mutter die, die ihr Kind stillt, bis es gehen kann oder ist sie nicht fähig, ihr Baby loszulassen? Und was ist mit der Mutter, die nicht stillen will? Nimmt sie absichtlich in Kauf, eine Rabenmutter zu sein, denn jede weiss, dass das Bonding beim Stillen stattfindet? Diese Fragen gelten übrigens in vielen Bereichen eines Mutter-Lebens: Art der Geburt, Milch, Nuggi, Schoppen und - ja auch das Tragetuch - werden hinterfragt.

Niemand weiss, was richtig und was falsch ist. (Ausser ein paar Basics, auf die wir aber auch ohne aufwendige Studien gekommen wären: Baby nicht schütteln, nicht der Sonne aussetzen und täglich -ernähren.) Beim heutigen Überangebot an Produkten und Informationen meinen -jedoch viele genau zu wissen, wie sich eine Mutter zu verhalten hat. Allen voran
die Hersteller etwaiger Baby-Artikel und -Nahrung. In Tat und Wahrheit betreiben die -meis-ten jedoch einfach Marketing mit der mütterlichen Angst.

Jede Mutter - und natürlich auch jeder Vater - hat Angst, sein Kind höre mitten in der Nacht auf zu atmen. Also verkauft man ihr ein Atmungs-Überwachungsgerät. Keine Mutter möchte, dass ihr Sohn später steril ist, also besorgt sie überteuerte Bisphenolfreie Flaschen, die sie nie und nimmer im -Geschirrspüler abwaschen wird, denn das wäre einer guten Mutter nicht würdig. Oder aber sie tut nichts dergleichen und lässt ihre Kinder alles tun, was sie wollen, denn sie findet, Kinder sind eben Kinder. Alle haben sie den einen Wunsch gemein: Sie wollen eine bessere Mutter sein. Daran gibt es ja nichts auszusetzen, jede Mutter soll es so handhaben, wie ihr am wohlsten ist. Bemerkenswert wird es erst, wenn sie dafür kritisiert wird. Und zwar von anderen Müttern. Die Konkurrenz unter Müttern ist oft erschreckend, es gibt solche, die sich nicht scheuen, «fehlbaren» Müttern ihre Fehlbarkeit vor versammelter Gesellschaft am Rande des Spielplatzes kundzutun. «Also, ein gesunder Z’Nüni würde deinem Kleinen schon guttun, meinst du nicht?» Auch in Krabbelgruppen, beim Muki-Turnen oder in der Badi wurden nichtsahnende Mütter schon gefragt, ob der flache Hinterkopf ihres Sprösslings normal und ob sie deswegen nicht schon beim Arzt gewesen seien. Bei aller Kritik gilt auch hier der Wunsch, eine bessere Mutter zu sein. Und dafür müssen andere Mütter eben schlechtgemacht werden.

Mütter sind Vorbilder
Es ist also auch das Umfeld, dass aus uns gute oder schlechte -Mütter macht. Unsere eigenen Mütter beispielsweise. Ich wage einmal zu behaupten, die meisten Mütter haben sich früher oder später mit ihrer eigenen verglichen. Und sich dabei gefragt, ob sie auch so werden möchten. Denn Mütter sind Vorbilder, und jedes Kind braucht ein Vorbild, auch wenn es ein schlechtes ist. Der kanadische Psychologe Albert Bandura kam bereits Anfang des 20. Jahrhunderts zum Schluss: Der Mensch sucht sich immer ein Vorbild, dessen Erfolge auch für einen selbst erreichbar scheinen. Da liegt Mama wohl sehr nahe. Doch wie Vorpubertierende wehren wir Frauen uns erst einmal dagegen, so zu werden wie die eigene Mutter. Ist ja irgendwie uncool. Doch kaum ist man selber Mutter, erkennen wir oft die positiven Punkte der einst so verachteten, weil veralteten Ü Erziehung. Heute verstehe ich, warum meine Mutter immer darauf bestand, dass ich warm genug angezogen bin. Kranke Kinder sind nämlich die Hölle! Auch kann ich heute besser nachvollziehen, wieso ich Gemüse essen sollte, auch wenn mir das bei den eigenen Kindern doch sehr schwerfällt. Wir vergleichen uns also. Dauernd. Was im Teenager-Alter mit der Frisur und dem Musikgeschmack begann, ist heute ein immerwährender Vergleich, zu welchem Zeitpunkt der Nachwuchs wahlweise gehen, sprechen, lesen kann und zwischendurch schauen wir in Nachbars Garten, was jene Mutter heute auf den Tisch bringt: Bio oder aus der Tiefkühltruhe?

Die Mutter als Säugetier
Es gibt aber Frauen, die wissen, was eine gute Mutter ist. Was einst Eva Hermann in Deutschland war (man erinnere sich an ihr «Eva-Prinzip», das propagierte, Frauen gehörten eben doch an den Herd, damit aus den lieben Kinderlein etwas werden möge), sind heute die Französinnen. Die früher dort geltende Gleichberechtigung von Mann und Frau im Beruf weicht heute einer «Renaissance» von Mutter Natur: Politiker und Politikerinnen von rechts bis links sind überzeugt, dass die gute Mutter Bio-Brei und keine Fertigkost kocht. Gewickelt wird umweltbewusst mit Stoffwindeln, sie fordern sogar eine Steuer auf Wegwerfwindeln. Zurück zur Natur, die Familie soll die Umwelt retten, besser gesagt, die Mutter. Denn trotz Gleichberechtigung ist auch in unserem westlichen Nachbarland die Rollenver-teilung gegeben. Ausser, dass es keine Verteilung ist, denn Französinnen arbeiten oft zu 100% und übernehmen trotzdem sämtliche Hausarbeiten UND die Kindererziehung. Die Feministin Elisabeth Badinter (Frankreichs Alice Schwarzer mit Charme) ist überzeugt, dass dieser um sich greifende Trend in der westlichen Welt, zurück zur Natur zu wollen, darauf hinaus läuft, uns Frauen wieder an den Herd zu binden. Denn Stoffwindeln müssen gewaschen werden und eignen sich nicht für den Trockner. In ihrem Buch «Le conflit» kritisiert sie, dass selbst zubereitete Mahlzeiten, Stillzwang und das Attachment-Parenting, das besagt, Babys müssten immer und überall dabei sein, nicht viel dazu beitrügen, die Babypause zu verkürzen, um im Berufsleben wieder Fuss zu fassen. Nun besitze ich aber einen Facebook-Account, eine Mikrowelle und eine Familienkutsche, wieso sollte ich auf diese Annehmlichkeiten verzichten wollen? Zurück? Nein, danke, auch nicht zur Natur.

Und die Väter?
Den Vätern geht es übrigens nicht besser. Sie stehen heute genauso unter dem elterlichen Leistungs-Druck wie wir. Sie sollen zwar nicht zurück zur Natur, man erwartet jedoch von ihnen, dass sie nur noch Teilzeit arbeiten, haushalten, die Kinder grossziehen und sich vor allen Dingen nicht über die Doppel- und Dreifachbelastung beklagen. Denn das wäre unmännlich. Oder so.

Trotzdem scheinen die Väter besser mit ihrer Doppelrolle klarzukommen. Soziologen der University of Toronto untersuchten die Gefühlslage von Müttern und Vätern, bei denen sich die Grenzen zwischen Beruf und Familie verwischen. Dabei fanden sie wenig Erstaunliches heraus: Mütter fühlen sich gemäss dieser Studie umso schlechter, je mehr ihr Berufsleben in die Familie eingreift, beispielsweise durch E-Mails, die sie zu Hause empfangen. Dieser Umstand hat jedoch keinerlei Einfluss auf die Gefühlslage der Väter. Das habe auch nichts mit Überforderung zu tun, die Mütter möchten einfach auf allen Gebieten total präsent sein. Und weil sie das nicht können, haben sie ein schlechtes Gewissen. Übrigens der einzige Gemütszustand, der sich ab Geburt durch das ganze mütterliche Leben zieht...

Gut genug ist gut genug
Gegen unsere eigene Erwartungshaltung und die der Gesellschaft, die zu wissen glaubt, was eine gute Mutter ist, sollten wir unsere Selbstbestimmung, unser eigenes Leben und auch die Beziehung zu unseren Kindern setzen. Wir sollten uns überlegen, wieso wir uns, entgegen all der Freiheiten, die unsere Mütter erkämpft haben, wieder so bevormunden und einschränken lassen, auch oder vor allem - von uns selbst. Wieso wir einen «Mythos Mutter» überhaupt zulassen. Es ist doch so, Muttersein ist wie das richtige Outfit finden: Man probiert vieles aus, bis eins passt. Deshalb brauchen Mütter auch keine Gesellschaft, die ihnen mit erhobenem Zeigefinger ein schlechtes Gewissen einredet. Sie bräuchten einfach mal jemanden, der ihnen sagt: «Tu einfach dein Bestes!» Denn das ist meistens gut genug.

erstellt von Nathalie Sassine-Hauptmann