Ein Clown kommt ins Spital!

Den beschwerlichen Spitalalltag einen Moment lang vergessen, einfach nur staunen, entspannen und lachen können: Das ermöglichen Spitalclowns der Stiftung Theodora kranken Kindern, zum Beispiel in der Kinderklinik in Aarau. Ein Augenschein auf der Abteilung.

Dr. Gili Gili bringt kranke Kinder zum Lachen.

Orkun, 11-jährig, wirkt müde und matt. Er hat die hellblaue Decke des Spitalbetts bis zum Kinn hochgezogen. Nur der Kopf des Buben ist sichtbar, als Spitalclown «Dr. U. Fröhlich» alias Tommy Müller nach leisem Klopfen an der Tür ins Spitalzimmer gebeten wird. Nach der kurzen Begrüs­sung ist aber wieder Stille im Raum. Unübersehbar hängt eine Infusionsflasche über Orkuns Bett, aus der eine ­Lösung tropfenweise in seinen Arm fliesst. Wortlos sitzt die Mutter bei ihrem Sohn. Ohne viel Brimborium sorgt nun der lustige Spitalclown mit Schlapphut und verziertem Arztkittel für Gesprächsstoff und Kurzweil: Behutsam nähert er sich dem kranken Kind und beginnt fast beiläufig von seinen hundert Tricks zu erzählen. Nun werden Orkuns Augen grösser und wacher,­ ein zartes Lächeln zieht über sein Gesicht, als der Bub sein wundersames Gegenüber betrachtet.

Der Clown sagt, dass er einen ganz speziellen Mega-Trick für Orkun parat habe. In einem Papiertaschentuch lässt er eine Münze verschwinden, was nicht nur den Patienten, sondern auch seine Mutter fasziniert. Nun dürfen beide die Zauberei selber ausprobieren. Beide lachen leise, aber ­beglückt, als ihnen der Trick scheinbar ebenfalls gelingt. Auch der Zauberstab, mit dem der Clown den Arm des ­Kindes antippt, wirkt Wunder. Orkun schält sich ein Stück weit aus seinen Decken und wird fast gesprächig. Den ­Zauberstab möchte er zwar nicht behalten, aber für den Edelstein, den ihm «Dr. U. Fröhlich» schenkt, interessiert er sich. Er werde ihn später auf seine Stirn kleben. Als sich der Spitalclown nach einer knappen Viertelstunde verabschiedet, hat sich die Stimmung im Zimmer verändert: Die Zeit schien für Orkun einen Moment lang stehen geblieben zu sein, um Entspannung, Spass und Lebens­freude Platz zu machen. 

Den Moment geniessen
Im langen Spitalgang trifft «Dr. U.Fröhlich» seine Kollegin «Dr. Gili Gili» alias Gisela Zwahlen. Diese wird gerade bewundert von einem Mädchen, das einen grossen weissen Kopfverband trägt. Es kommt immer wieder aus seinem Spitalzimmer heraus, turnt an der Türfalle herum und ­lächelt der Clownin entgegen. Beim dritten Mal sagt das Kind: «Ich kenne dich, du warst auch schon bei mir». Es strahlt noch immer und bleibt dann wie angewurzelt ­stehen, als wolle es «Dr. Gili Gili» in alle Ewigkeit bewundern. Nun entspinnt sich ein Gespräch zwischen den beiden. Dabei wird deutlich: «Dr. Gili Gili» ist nicht nur ein simpler Fantasiename, sondern fast ein Programm, das etwa heisst: Mit Kindern in einen kurzen, aber guten ­Kontakt treten, sie humorvoll überraschen, Freude bereiten und es einfach für einen Moment gut haben zusammen. ­Bevor sich «Dr. Gili Gili» verabschiedet, spielt die Clownin auf ihrer Gitarre noch ein Lied für das kranke Mädchen. Es ist kein «Lumpeliedli», sondern eine ruhige und stimmungsvolle Melodie, welche dem Kind gefällt.

Gekonntes Improvisieren
Ein Zimmer weiter freut sich Lena auf den Besuch der Clowns. Das Schuljahr hat bereits wieder begonnen, aber die Achtjährige ist derzeit im Kinderspital stationiert. Zwar sitzt sie im Moment geborgen auf den Knien des Gross­vaters, der sie an diesem Nachmittag zusammen mit der ganzen Familie besucht. Doch die Schule scheint die ­Kleine zu beschäftigen. «Ich bin jetzt in die 2. Klasse gekommen», sagt sie. Sie sei keine Erstklässlerin mehr. Clown «Dr. U. Fröhlich» nimmt das Thema sofort auf und erzählt mit Schalk, dass er selber die erste Klasse gleich ­dreimal habe besuchen müssen. Erst dann sei er in die ­zweite Klasse gekommen. Er verzieht dabei so kläglich das Gesicht, dass Lena laut herauslacht. Darauf ist die Familie guter Dinge. Wieder einmal zeigte der professionelle Clown, was gutes und gekonntes Improvisieren bedeutet. Dass dabei ein Schuss Übertreibung und Komödie ­mitgeliefert wird, ist klar.

Zusammenarbeit mit der Pflege
Vor und zwischen den Besuchen in den Zimmern besprechen sich die beiden langjährigen Spitalclowns mit dem Pflegepersonal. Welche Kinder sollen an diesem Tag überrascht werden? Wie ist die Stimmung bei den verschiedenen Patienten? Bekam ein bestimmtes Kind gerade eine gute oder weniger gute medizinische Diagnose? Vielleicht ist ein Auftritt der Clowns nicht angezeigt, weil ein Kind gerade eingeschlafen ist, bereits Besuch hat oder einfach keine Lust auf den ulkigen Besuch hat. Klar ist laut «Dr. Gili Gili», dass das Kind bestimmt, ob die Begegnung stattfindet. Der Auftritt der Spitalclowns ist ein Angebot, das zwar meistens dankbar und freudig angenommen wird, doch Freiwilligkeit ist oberstes Gebot. Aus diesem Grund wird auch mit viel Verständnis akzeptiert, dass ein 14-jähriges Mädchen «keinen Bock» auf die Spitalclowns hat und sich höflich, aber klar gegen den Besuch entscheidet. 

Besuch bei ambulanten Patienten
Übereinstimmend mit der Pflege wird vereinbart, dass «Dr. Gili Gili» und «Dr. U. Fröhlich» zum Abschluss auf dieser Abteilung im Spital noch das Zimmer von zwei ambulanten Patienten besuchen. Der fünfjährige Alessio und die ­siebenjährige Luana kommen regelmässig für die nötigen Infusionen in die Kinderklinik. Auch die beiden Mütter der Kinder sind anwesend, als die Künstler auftauchen. Sofort richten sich alle Augenpaare auf die Clowns, welche die Kinder schon von früheren Besuchen her kennen und ­sehnlichst erwarten.

Der im Bett sitzende Alessio nimmt sofort mit seinem Plüschtier Kontakt zu «Dr. Gili Gili» und «Dr. U. Fröhlich» auf: Wild brüllt er den beiden mit seinem Löwen entgegen. Es entspinnt sich ein imaginäres Duell zwischen dem ­Buben und den Spitalclowns, die sich mit Lassos in Form von farbigen Foulards auf das Spiel einlassen. Bald wird eine halbe Arche Noah in das Spitalzimmer hineinfan­tasiert. Luana hört ein Mäuschen piepsen, ein Bär tapst ­vorbei und ein Vogel scheint zu pfeifen. Doch nein, es ist kein Vogel, sondern der Überwachungsmonitor von ­Alessio, der Warntöne von sich gibt. Pflegende kontrollieren ihn sofort und geben Entwarnung. Nach rund zwanzig Minuten müssen sich die Spitalclowns auch in diesem ­Zimmer wieder verabschieden. Noch andere grosse und kleine Kinder warten auf sie. Doch auch für Alessio und Luana endet der Nachmittag stimmungsmässig anders, als er begonnen hat: Dank dem Spass mit den Clowns erlebten die kleinen Patienten ein Stück farbigen Alltag, der sie ­fröhlich und humorvoll aufleben liess. Für einen Moment scheint die Zeit im Zimmer stillzustehen. 

Die Stiftung Theodora
Die Brüder Jan und André Poulie gründeten in Erinnerung an ihre Mutter Theodora die Stiftung im Jahr 1993. André musste als kleiner Junge nach einem schweren Unfall monate­lang im Krankenhaus liegen. Seine Mutter Theo­dora ­verbrachte jeden Tag die wenigen erlaubten Besuchsstunden am Bett ihres Sohnes und erzählte ihm und den anderen kleinen Patienten Geschichten, erfand Spiele und Zaube­reien. Diese fröhliche Zuwendung liess den Schmerz und die Angst für eine Weile in den Hintergrund treten und ­erheiterte den schwierigen Spitalalltag der Kinder. Die Clowns der Stiftung Theodora sind seit mehr als 20 Jahren für Kinder im Einsatz. Weitere Informationen: www.theodora.ch

 

 

erstellt von Viviane Schwizer