Nur zu, du kannst das!

Eine stabile und selbstbewusste Persönlichkeit fusst auf Urvertrauen. Es entsteht zu einem wesentlichen Teil in den ersten Lebensmonaten. Worauf Eltern achten sollten, damit die Kleinen sicher und stark werden. Und wie man als Erwachsener eine gute Vertrauensbasis schafft.

«Erste Schritte» heisst eines der Bilder von Vincent van Gogh. Es zeigt in einem sonnigen Garten ein junges Paar mit seinem kleinen Kind. Noch wird es von der Mama gestützt. Sie beugt sich zu ihm hinab, als würde sie sagen: «Nur zu, du kannst das.» Der Papa ist – in gut erreichbarer Entfernung – in die Hocke gegangen und streckt die Arme aus. Vielleicht ruft auch er seinem Kind ein paar aufmunternde Worte zu. Im nächsten Augenblick wird es loslaufen, vielleicht noch wackelig. Aber es kommt dem Ziel immer näher. Nur noch ein paar Zentimeter und es kann sich an den Papa schmiegen. Glucksend vor Glück, dass er es herzt und lobt und der Gehversuch gelungen ist.
Dem Kind etwas zutrauen, ihm gleichzeitig aber versichern: Wir fangen dich auf, falls etwas schiefgeht. Der van Gogh ist für die Zürcher Psychotherapeutin und Psychoanalytikerin Brigitte Boothe ein Sinnbild dafür, worauf es ankommt bei der Elternliebe. Und was sich daraus entwickelt, wenn dieses Zusammenspiel von Zutrauen und Vertrauen funktioniert: Ein gesundes Gefühl für sich selbst. «Bis zum dem Punkt, an dem der Erwachsene seine eigene Position in der Welt erkennt», sagte Brigitte Boothe in einem Interview. Wenn er weiss, welche Herausforderungen er annehmen will. Oder womit er sich vielleicht zu viel zumutet. 

Die ersten Lebensmonate sind wichtig
Wie ein Mensch sich, seine Umwelt und die anderen sieht, dafür legen Eltern früh das Fundament. Fühlt sich das Baby umsorgt, entwickelt es Urvertrauen. Der Begriff stammt aus der Entwicklungspsychologie und wurde vom Psychoanalytiker Erik H. Erikson in den 1950er-Jahren geprägt. Demnach bestimmen die ersten Lebensmonate wesentliche Dinge mit: Ob man später ein Gespür dafür hat, auf welche Menschen Verlass ist. Wie man sich aus Krisen wieder hochrappelt. Oder aber, ob jemand schwer etwas Gutes erwarten kann. Bei einem Tiefschlag die Hoffnung verliert. Statt Urvertrauen hat sich Urmisstrauen eingeschlichen. «Kinder brauchen Bindungssicherheit», fasst es Yves Hänggi vom Institut für Familienforschung und -beratung der Universität Freiburg zusammen. Elementar ist in den ersten Monaten, dass Eltern schnell und richtig auf die Bedürfnisse ihres Babys eingehen. Es muss spüren, dass ihm unmittelbar geholfen wird, wenn ihm etwas fehlt. Es vertrösten, funktioniert in dieser Zeit kaum. Seine Gedächtnisspanne ist kurz und es kann noch keine Zusammenhänge verknüpfen. Erst später wird das Kind die Stimme von Mama oder Papa erkennen und kombinieren: Auch bei einem  «Ich bin gleich bei dir, mein Schatz», kann es an absehbarer Zeit mit Hilfe rechnen. 

Es geht um eine Art Grundvertrauen
Wie wichtig diese prompte Fürsorge in der ersten Phase ist, streicht auch der deutsche Kinderarzt und Kinderpsychotherapeut Rüdiger Posth heraus. Das neu auf die Welt gekommene Menschlein könne mit Recht erwarten, dass sich ihm seine Eltern «mit all ihren Kräften und ganzer Hingabe widmen». Auch das Kleine leistet schliesslich Schwerstarbeit, muss mit den neuen Lebensumständen klarkommen. Dazu braucht es die grösstmögliche Unterstützung. Alleine schafft es das alles ja noch nicht. Dabei geht es um eine Art Grundversorgung. Alles, was urbiologische Bedürfnisse befriedigt, fördert das Urvertrauen. Dazu gehört Nahrung genauso wie Wärme und Körperkontakt. Eltern bringt dies oft an die Grenzen. Sie reagieren nach der x-ten durchwachten Nacht auch mal unwirsch und ungeduldig. Sie fühlen sich gestresst und haben Angst, etwas falsch zu machen. Yves Hänggi betont, dass Mütter und Väter nicht perfekt sein müssen. Es erschüttert das Urvertrauen nicht sofort, wenn sie falsch reagieren oder nicht gleich am Bettchen stehen. Wichtig sei jedoch eine liebevolle Grundstimmung. Auf wohlwollende Umgangsformen kommt es an. Dazu gehört, sein Feingefühl zu schärfen und damit das Baby «lesen zu lernen». Denn es signalisiert klar, was es braucht. Eltern müssen diese Zeichen nur zu deuten wissen. Meistens können sie sich dabei auf ihr Bauchgefühl verlassen. Denn das Fürsorge-Gen tragen wir alle in uns. Dies lässt sich bei Erwachsenen und bereits älteren Kindern beobachten: Treffen sie auf einen Säugling, passen sie sich ihm sofort an. Sie ändern ihre Stimme, weil er höhere Töne besser hört. Oder nähern sich ihm automatisch auf zirka 30 Zentimeter – es ist die Distanz beim Stillen. Wichtig ist, diese «intuitive Elternkompetenz» zuzulassen. «Ihr zu folgen hilft auch gegen Ammenmärchen », sagt Yves Hänggi. Dass es unsinnig ist, das Baby schreien zu lassen, angeblich, weil es gut ist für die Lunge, oder es zu sehr verwöhnt wird, wenn man immer gleich springt, wissen Mütter und Väter meistens genau. Auf die innere Stimme horchen, darauf kommt es an. 

Vertrauen ist eine Einstellungssache
Was jemand früher erlebt hat, gibt er sehr wahrscheinlich auch dem eigenen Kind weiter – dieser Mechanismus ist aus der Forschung bekannt. Wer Geborgenheit und Sicherheit zu wenig spürte, ist vielleicht unempfänglich für das, was das Baby braucht. Die eigentlich vorhandenen Kompetenzen sind zugeschüttet. In solchen Fällen empfiehlt sich Hilfe. Manchmal reicht es, ganz praktisch anzusetzen. Mütter und Väter können die Hebamme fragen oder in einem Kurs lernen, wie sie besser aufs Kind eingehen. Damit sie es zuverlässig begleiten können, wenn es die ersten Schritte macht. «Menschen, die Bindungssicherheit erfahren haben, profitieren das ganze Leben davon», sagt Yves Hänggi. Sie sei auch wichtig für eine glückliche Partnerschaft. Urvertrauen hilft, voller Zuversicht auf eine Liebesbeziehung zu bauen. Während Urmissvertrauen darin münden kann, dem Partner oder der Partnerin grundsätzlich skeptisch zu begegnen. Ständig daran zu zweifeln, ob er oder sie es wirklich ernst meint mit einem. Manchmal gipfelt dies darin, den anderen ständig kontrollieren zu wollen. Im Extremfall steigern sich Betroffene in Eifersüchteleien und einen Kontrollzwang hinein. Wenn man derlei Tendenzen an sich feststellt: Sich dem Problem stellen und einen Blick in die eigene Vergangenheit wagen, vielleicht sogar in einer Therapie. Auch mit dem Partner reden kann helfen. Weil dem einen klar wird, dass nicht er persönlich gemeint ist, sondern das Misstrauen tiefer verankert ist. Und der andere spürt: Ich kann meine Ängste und Zweifel aussprechen – mich ihm oder ihr anvertrauen. Überhaupt ist es nie zu spät. Vertrauen ist auch eine Einstellungssache. Es resultiert aus den Sozialisationserfahrungen einer Person. Was Wissenschaftler etwas sperrig formulieren, heisst nichts anderes als: Es ist wichtig, gute Erfahrungen mit anderen Menschen zu sammeln, und das kann und soll man auch als Erwachsener tun. Je mehr positive Erlebnisse es sind, desto stabiler wird die Vertrauensbasis. Und: Desto eher verkraftet man Enttäuschungen. Schafft es, sich mit dem auszusöhnen, was früher war. 

erstellt von Vera Sohmer