Erziehen - aber wie?

Die meisten Eltern wünschen sich, dass ihre Kleinen zu Menschen heranwachsen, die ein hohes Mass an Selbstständigkeit, Kompetenz und ein starkes Selbstwertgefühl mitbringen. Die Basis dafür wird in den ersten Lebensjahren gelegt.

Erziehung von Anfang an

Als ich mein erstes Baby nach der Geburt zum ersten Mal in den Armen hielt, war das ein berührender Glücksmoment: Wie süss das Kleine schlummerte – so friedlich und sanft. Heute – einige Jahre später – weiss ich, dass es zwar sehr schön ist, Kinder zu haben – und gleichzeitig manchmal auch so schwierig! Denn neben ganz, ganz vielen wunderbaren Augenblicken und einzigartigen Erlebnissen gibt es natürlich auch immer wieder herausfordernde Situationen: Kinder streiten, trotzen, suchen Grenzen, sind wütend, zwängelnd, nervend oder aggressiv (siehe auch den nachfolgenden Artikel «Umgang mit Aggressionen»). In solchen Momenten ist es gut zu wissen, was unseren Sprösslingen besonders zu schaffen macht, aber auch, wie sie sich entwickeln und wo sie ihre Knackpunkte haben. Kinder sind unglaublich verschieden, dasselbe gilt ja auch für uns Eltern! Was sich in einer Familie bewährt, kann in der nächsten scheitern. Selbst häufig verwendete Begriffe wie «Grenzen», «Verständnis», «Regeln», «Vorbild» usw. fassen wir, im Lichte eige ner Erfahrungen und Anschauungen, unterschiedlich auf. Das ist unvermeidlich und gut so! Alles andere führt zu Uniformierung. Eigene Werte finden Besonders wichtig für ein Kind sind die ersten Lebensjahre. Sie prägen es für seine gesamte Zukunft. Schenken Sie ihm deshalb eine verlässliche, liebevolle und stabile Beziehung – von Anfang an! Alle anderen Dinge müssen wir einfach auf uns zukommen lassen. Sie können nicht im Voraus entschieden werden. In erster Linie ist es jedoch hilfreich, sich einmal zu fragen, welche Haltung, welches Denken und welche Werte wir mit unserer Erziehung und unseren Beziehungen in der Familie eigentlich fördern möchten. Wie wichtig ist es uns, dass Kinder gehorchen und quasi nach unserem Willen tanzen? Wollen wir Untertanen heranziehen, die auf Anweisungen und Befehle handeln? Oder wünschen wir uns, dass unsere Kinder zu Menschen heranwachsen, die ein gutes Selbstvertrauen besitzen, beziehungsfähig werden, ihre Fähigkeiten und Kenntnisse selbstständig umsetzen können und in jeder Beziehung für sich und ihre zukünftige Familie zu sorgen imstande sind? Dann lautet die grosse Frage: Wie macht man das? In Krisensituationen wünschen wir uns gerne ein Allheilmittel. Doch leider gibt es kein erfolgreiches allgemeingültiges Erziehungsrezept, das für alle Familien passen würde, denn jede Familie ist ein eigener kleiner Kosmos mit eigenen Gesetzen und Spielregeln. Deshalb hält es auch der dänische Familientherapeut und Bestsellerautor Jesper Juul nicht für eine gute Idee, einfach nach einer passenden Erziehungsmethode Ausschau zu halten. Im Gegenteil: «Zunächst müssen wir unsere Kinder – und uns selbst als Eltern – kennenlernen. Erziehung ist ‹learning by doing› – bis wir unseren eigenen Weg gefunden haben. Kinder brauchen keine perfekten Eltern, die über jeden Zweifel erhaben sind, sondern authentische Menschen aus Fleisch und Blut, die nicht alles wissen, doch stets bereit sind, sich weiterzuentwickeln. »

Liebe schenken
Dass Kinder Liebe brauchen, ist zwar eine alte Binsenweisheit, doch die Grundlage für eine gelingende Entwicklung. Kinder brauchen Bezugspersonen, die sich neben der physischen Versorgung um ihre emotionalen Bedürfnisse kümmern. Gerade in den ersten Wochen und Monaten sollte möglichst eine enge Bindung zwischen Eltern und dem Säugling entstehen. Sein Urvertrauen wächst, wenn Sie es gut mit ihm meinen. In dieser ersten Zeit stellen Sie wichtige Weichen, ob Ihr Kind später einmal vertrauensvoll oder misstrauisch, optimistisch oder pessimistisch, warm oder distanziert wird. Im weiteren Leben wird Ihr Kind seine neuen Erfahrungen in dieses Grundmuster einbauen. Entscheidend für den Umgang mit Ihrem Kind ist die emotionale Aufrichtigkeit. Stehen Sie zu Ihren Gefühlen, auch wenn Sie manchmal wütend oder gestresst sind – niemand kann pausenlos immer vor Liebe zerfliessen. Dann wird es Ihnen auch leichter fallen, die Gefühle Ihres Kindes zu akzeptieren. Und damit vermitteln Sie ihm, dass Sie es mögen – so wie es ist – und bringen ihm neben Liebe auch Achtung und Respekt entgegen. Wichtig ist, dass Sie sich genauso Zeit zum Schmusen und Spielen wie für seine Bedürfnisse nehmen. Seien Sie da, wenn es Sie braucht. Trösten Sie Ihr Kind, wenn es weint und versuchen Sie, herauszufinden, was es gerade braucht, indem Sie lernen, seine Signale zu verstehen und feinfühlig darauf zu reagieren. Klar, das ist oft leichter gesagt als getan, denn wenn Ihr Kind beispielsweise viel weint, braucht das natürlich eine grosse Portion Nerven und Gelassenheit. Nehmen Sie deshalb auch auf Ihre Bedürfnisse Rücksicht, denn nur wenn Sie selbst zufrieden sind, werden Sie sich auf Dauer Ihrem Kind liebevoll zuwenden können (siehe «Tipps für gestresste Eltern»).

Konstruktiv ermutigen
Ermutigung ist eine der wichtigsten Erziehungsmethoden, um das Selbstvertrauen Ihres Kindes zu stärken. Durch Ermutigung wird es wachsen, sich weiterentwickeln, Selbstachtung erlangen und leistungsfähig werden. Ermutigung löst Vertrauen und Zusammengehörigkeitsgefühle aus. Ihr Kind muss sehr viel Mut aufbringen, um zu lernen, sich in unserer Welt zu behaupten und durchzusetzen. Dazu muss es Selbstvertrauen und Überlebensstrategien entwickeln – und ist damit wiederum auf Ihre Zuwendung, Anerkennung und Wertschätzung angewiesen. Ihr Kind ist von Natur aus lernund wissbegierig. Es will alles ausprobieren und begreifen. Schon als Baby zeigt es Reaktionen auf die Wahrnehmung seiner Umgebung. Es lächelt, wenn es Sie sieht, es hört Ihre Stimme und folgt Ihnen mit den Augen. Später erforscht es Ihr Gesicht mit seinen Händen und versucht, Sie im wahrsten Sinne des Wortes zu begreifen. Es lernt laufen, indem Sie es an die Hand nehmen, und es lernt sprechen durch den Kontakt, den Sie ihm anbieten. Später erweitert und erforscht es seine Umgebung auf eigene Faust. Viele Eltern werden in unzähligen Situationen im Leben mit ihren Kindern das Richtige tun – es stützen, anerkennen, wertschätzen und mit positiven Aussagen ermutigen: «Probiere es aus, du kannst es schaffen!» Oder: «Versuch es nochmals, vielleicht klappt es dann!» Oder: «Binde deine Schuhbändel ruhig alleine. Ich habe Zeit und warte.» Ziehen Sie Ihr Kind gross – machen Sie es nicht klein! Ermutigen Sie Ihr Kind und tappen Sie nicht in Erziehungsfallen, die aus der eigenen Geschichte oder aus der Prägung durch die Umwelt kommen. Wichtig ist, dem Kind zu kommunizieren, dass kein Mensch perfekt ist, dass wir alle unsere Schwächen haben und dass das nichts Schlechtes ist. Wir sind nicht minder, weil wir unvollkommen sind – wir sind menschlich. Vor allem kleine Kinder lernen am Beispiel. Sie imitieren ihre nahen Bezugspersonen. Deshalb ist es unerlässlich, dass wir das, was wir «predigen», auch vorleben. Wenn wir Kinder für ihre Fortschritte loben, ermutigt sie das mehr, als wenn wir sie für ihre Ergebnisse loben. Und genauso entmutigt es sie auch weniger, wenn wir ihre Fortschritte lobend erwähnen, als wenn wir das Ergebnis kritisieren.

Kinder verstehen lernen
Wie bereits erwähnt, gibt es keine exakten, wissenschaftlich belegten Vorschriften darüber, was in der Erziehung richtig oder falsch ist. Es gibt nur Erkenntnisse, zum Beispiel darüber, was in welchem Alter gerade in den Kleinen vorgeht, was sie schon können oder was man von ihnen erwarten kann oder darf. Dieses Wissen kann uns Eltern helfen, unseren Nachwuchs besser zu verstehen und entsprechend auf ihn zu rea gieren. Beobachten Sie Ihr Kind, lernen Sie es kennen! Verfolgen Sie, wie es schrittweise seine eigene und unverwechselbare Individualität entwickelt. Dabei ist wichtig zu wissen, dass man Kindern Erziehung und Bildung nicht «eintrichtern» muss. Sie finden – mit entsprechender liebevoller Unterstützung – ihren ganz persönlichen Weg in der Regel ganz allein. Was können wir Eltern ihnen also auf diesen Weg mitgeben? Jesper Juul bringt dies wie folgt auf den Punkt: «Kinder brauchen Eltern, die bereit sind, sich zu entwickeln. Eltern, die wie Leuchttürme sind, die ständig klare Signale geben und deutlich sagen, was sie wollen (statt bloss zu sagen, was sie nicht wollen). Sie brauchen Eltern, die wie Sparringpartner sind, die zu Hause gleichsam eine Trainingssituation bieten und dabei den grösstmöglichen Widerstand leisten und zugleich den geringstmöglichen Schaden anrichten. Eltern, die bereit sind, mit ihren Kindern zu wachsen. Eltern, die täglich viele Fehler machen und keine Lust mehr haben, perfekt zu sein. Eltern, die sich entspannen und die Kraft haben, Nein zu sagen, wenn ihnen danach ist. Eltern, die ihre Verantwortung ernst nehmen – wissend, dass diese Kinder nicht ihr Besitz sind, sondern das Geschenk des Lebens. Eltern, die wissen, dass ihre Kinder nicht wie ihre Eltern werden müssen, um gut zu sein. Eltern, die die Kraft in sich entwickelt haben, sich und ihren Kindern immer mehr zu vertrauen. » Unrealistisch, denken Sie? Jesper Juul zeigt in seinen Büchern (siehe Buchtipps) mit praktischen Beispielen, was das im Alltag heissen kann. Er will damit Eltern zum Ausprobieren animieren und ruft dazu auf, es einmal anders zu machen, als wir es von unseren Eltern gelernt haben. In seiner deutlichen Haltung gibt er keine Anleitung zum Glücklichsein, sondern zeigt, dass Eltern inmitten einer tief greifenden Veränderung stecken, auf deren Weg sie selbst wieder mehr Freude an Familie und Partnerschaft finden können. Dies gelingt, wenn sie ihre Führungsrolle ausüben und die Macht, die sie gegenüber ihren Kindern haben, transparent machen.Denn Eltern haben die Autorität in der Familie – physisch, psychisch, sozial, daran besteht kein Zweifel. Wenn Eltern nicht dazu stehen, fangen die Kinder an, die Führung zu übernehmen: Chaos ist die Folge. Deshalb ist es für Eltern wichtig, die Autorität in der Familie offen, in einer guten Weise und zum Wohle aller auszuüben, ohne die Abhängigkeit der Kinder auszunutzen.

erstellt von Christina Bösiger