Wieso Väter so wichtig sind

Engagierte Väter sind für Mädchen und Jungen äusserst wichtig, genauso wie Mütter. Vielen Eltern ist nicht klar, wie wesentlich die spürbare Gegenwart einer Vaterfigur für die gesunde seelische und körperliche Entwicklung ihrer Kinder ist.

«Das Vater-Sein ist für mich das wichtigste im Leben und hat auf jeden Fall Vorrang vor dem Beruf», sagt Kai (44), Vater von Isabelle (6) und der dreijährigen Magali, der in einem 80-Prozent-Pensum arbeitet und mittwochs jeweils zuhause ist. Auch Daniel weiss, dass seine Präsenz sehr wichtig ist für seine Kinder. «Da ich Vollzeit arbeite, ist meine Hauptrolle zwar die des Versorgers. Aber genauso wichtig ist, dass ich an der Erziehung meiner Kinder teilhabe und mir Zeit für sie nehme», meint der Einundvierzigjährige Vater von Kathrin (14), Felix (11) und Nicolai (9).

Kinder brauchen einen Vater oder eine engagierte Vaterfigur, Mädchen im gleichen Masse wie Jungen. Schon in der Bibel steht, dass sich der Vater um das geistige, seeli-sche und leibliche Wohl seiner Kinder kümmern muss und die Kinder zu führen hat. Aber, welche Rolle spielt ein Vater konkret für die seelische und körperliche Entwicklung der Kinder?

Die grosse Bedeutung des Vaters für die kindliche Entwicklung wird heutzutage von niemandem mehr angezweifelt. Lange wurde die Mutterrolle von Fachleuten überbewertet und die Vaterschaft zu wenig beachtet. Das ändert sich glücklicherweise. Sicher haben die hohen Scheidungsraten, die wachsende Anzahl von allein erziehenden Müttern sowie die Diskussion über die «fehlenden» Väterbilder und die möglichen Folgen für die Kinder viele Psychologen und Psychologinnen dazu veranlasst, sich intensiver mit der Rolle der Vaterfigur auseinanderzusetzen. «Vielen Männern ist nicht klar, wie wichtig ihre spürbare Gegenwart für eine gesunde Entwicklung ihrer Kinder ist», schreibt der Mainzer Psychotherapeut Matthias Franz in einem Artikel in der Zeitschrift «Psychologie heute». Aber auch Mütter, Grossmütter und Väter, Kindergärtnerinnen und Lehrer, Scheidungsrichterinnen oder Mediatoren sind gut beraten, sich mit diesen Erkenntnissen zu befassen.

Der Vater ist "keine weitere Zutat" zur Mutter
Väter haben eine besondere Art mit Kindern umzugehen. Sie verhalten sich in vielen Dingen anders als die Mutter und das ist auch gut so! Sie fördern somit auf einzigartige Weise ihre Kinder. Der französische Psychologe Jean le Camus hat die wichtigsten Ergebnisse der Väterforschung in seinem aktuellen Buch «Väter» zusammen getragen. Er bricht darin mit der immer noch gängigen Vorstellung, dass für die ersten Monate und Jahre des Kleinkindes allein die Mutter zuständig ist. Er betont die Notwendigkeit einer intensiven Beziehung zwischen Vater und Kind von Anfang an und schreibt treffend, dass «der Vater keine Zutat ist, die man der Mutter-Kind-Beziehung beimischt.»

Auch Kai und Daniel können sich beide gut an die «Babyjahre» mit ihren Kindern erinnern. «Ich habe sicher von Anfang an eine gleich starke emotionale Bindung zu meinen Kindern aufgebaut wie meine Frau. Und ich glaube nicht, dass ich mit den beiden Babys weniger kompetent und zärtlich umging», ist Kai überzeugt. Damit hat er Recht, denn die These vom «biologisch benachteiligten Mann» ist längst widerlegt. Wenn man sie lässt, verhalten sich Männer gleich wie Frauen: «Untersuchungen mit allein erziehenden Vätern zeigen, dass sich Väter wie Mütter verhalten, wenn sie deren Funktionen komplett übernehmen müssen», sagt Inge Seiffge-Krenke, Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Mainz. «Sie sind ebenso kompetent, und sie eignen sich Fähigkeiten wie Feinfühligkeit und Expressivität an, wenn sie die gleichen Lernmöglichkeiten haben.» 

Väter geben Sicherheit
Der positive Einfluss eines engagierten Vaters zeigt sich bereits beim Baby. Ein Vater spielt und spricht auf eine andere Art und Weise und zieht die Grenzen anders als die Mutter. «Buben, die häufig mit ihrem Vater Kontakt hatten, sind mit sechs Monaten in Gegenwart eines fremden Menschen sicherer. Sie sind auch im Bereich der Sprache und der Kontrolle der Augen- und Handbewegungen weiter als Babys, die nicht regelmässig mit ihrem Vater zusammen waren», schreibt Le Camus. Am Ende des ersten Lebensjahres protestieren Kinder bei Trennungen insgesamt weniger, wenn der Vater eine gute Beziehung zu ihnen pflegt. Für den Aufbau eines «Weltvertrauens» von Kleinkindern nehmen Väter also eine wichtige Rolle ein. Sie fordern in der Regel stärker als ihre Frauen die Kinder heraus, etwas Neues zu erkunden und sich auf ungewisse Situationen einzulassen. 

Kai kann dies bestätigen: «Ich traue den Mädchen einfach mehr zu als meine Frau, die meist schneller hilft, etwa beim Klettern oder wenn sie etwas Neues ausprobieren sollen.» Später profitieren Kinder davon sie können Frustrationen besser aushalten und geben nicht so schnell auf, wenn man ihnen eine schwierige Aufgabe stellt. Einige Untersuchungen konnten belegen, dass vor allem die Mädchen besser in der Schule sind, die einen engagierten und interessierten Vater hatten. Diverse Fachleute sind der Ansicht, dass in der fehlenden Vaterfigur eine sogar wichtige Ursache für viele Lern- und Verhaltensprobleme von Kindern liegen könnte.

Ein frühes Engagement des Vaters hat einen guten Einfluss auf die sprachliche und motorische Entwicklung. Denn Väter verwenden eher weniger vertraute Wörter und fordern die Kinder auch intellektuell mehr heraus als Mütter. Inge Seiffge-Krenke: «Väter legen in ihrem Spiel- und Freizeitverhalten einen starken Akzent auf Motorik und Körper und fördern so die Selbständigkeit und die Individuation.» Ein engagierter Papa hilft dem Kleinkind zudem, sich von der Mama zu lösen, was ja nicht ohne mehr oder weniger grössere Krisen vor sich geht. Gerade dabei kann der Vater genügend Sicherheit und eine Beziehungsalternative zur Mutter bieten. Auch bei halbwüchsigen Kindern scheint das väterliche Verhalten wichtig zu sein. Seiffge-Krenke: «Gerade für die zunehmende emotionale und räumliche Distanzierung und die stärkere Aussenorientierung scheint der Vater ein sehr gutes Modell zu sein.» 

Ganz wichtig scheint es, dass der Vater nicht zur «zweiten Mutter» wird, sondern eine eigenständige Rolle übernimmt. Denn, so haben Fachleute herausgefunden, Kinder, deren Väter sich im Erziehungsverhalten in Hinblick auf Autorität oder Verboten von der Mutter deutlich unterscheiden, sind autonomer als solche Kinder, deren Eltern sehr ähnliche Erziehungsstile aufweisen. 

Väter prägen die sexuelle Identität
Viele Studien zeigen, dass der Vater stärker als die Mutter das Geschlecht des Kindes betont. Ein Vater würde damit die Weiblichkeit der Tochter betonen, meint Seiffge-Krenke. Er unterstützt eher geschlechtsrollenspezifisches Verhalten und lässt beim Kontakt mit einer Tochter mehr Nähe und Emotionalität zu. Das Mädchen lerne dadurch feminines Verhalten und könne seine Eigenständigkeit entwickeln. Die Gefahr dabei besteht allerdings, dass ein Vater zu einseitig das weibliche Rollenverhalten betont und bei einem Mädchen zu sehr den Eindruck hinterlässt, dass Schönheit das wichtigste Kriterium für eine Frau ist. Väter sollten deshalb darauf achten, zusätzlich eher «unweibliche» Eigenschaften wie Durchsetzungsfähigkeit, Risikofreude, Ehrgeiz, Stärke oder Autonomie zu stärken. Ein Vater ist bei der Ausbildung der weiblichen Identität sehr wichtig und beeinflusst mit seinem Verhalten die Tochter gleichermassen wie die Mutter.

Besonders Jungen brauchen engagierte Väter. Jungen können nur ein adäquates Mannsein entwickeln, wenn sie ein «Modell» haben, mit dem sie sich identifizieren können. Der Vater ist vor allem für die Entwicklung einer stabilen selbstbewussten, sexuellen Identität von Bedeutung. Wie kann ein Junge sonst wissen, was ein Mann überhaupt ist, wenn er kein lebendiges Modell hat? Da heutzutage in der Familie, im Kindergarten und in den ersten Schulklassen vorwiegend Frauen präsent sind, sind Männer als Vorbilder für die Buben gefragter denn je.

Eine sehr wichtige und schöne Zeit für Vater und Sohn ist meist die zwischen dem sechsten Jahr und der Pubertät: «Söhne lernen in dieser Zeit besonders gern von ihren Vätern und schätzen sie als Vorbild», schreibt Karl Gebauer in seinem Buch «Väter gesucht. 16 exemplarische Geschichten», und führt weiter aus: «Zwei Väter schilderten geradezu euphorisch, wie sie mit ihren Söhnen staunend einen Regenwurm beobachteten. Andere erzählten, wie sie von ihren Grossvätern in den Gebrauch von Handwerkszeug eingeführt worden sind. Väter, die als Söhne diese Anregungen nicht erhalten haben, werfen dies durchwegs ihren Vätern als Versagen vor».

Vielleicht trägt das Wissen über die Zusammenhänge zwischen männlicher Betreuung und der seelischen und körperlichen Gesundheit der Kinder dazu bei, dass sich eine gleichberechtigte Kinderbetreuung innerhalb und ausserhalb von Familien, in Kinderkrippen, -gärten und Schulen mehr durchsetzt. Es mag dazu verhelfen, dass bei einer Trennung mehr darauf geachtet wird, dass die Kinder gleich oft mit dem Papa wie mit der Mama zusammen sein können. Und manche Frau ist vielleicht motivierter, ihren Mann öfter allein mit den Kindern zu lassen. Denn so formulierte ein Experte sind «Väter exakt so weit involviert, wie die Frau es zulässt.» 

erstellt von Lioba Schneemann