Wie viel Luxus braucht unser Kind?

Das neueste Smartphone, einen eigenen Computer, teure Markenkleider – die Ansprüche der heutigen Kinder und Jugendlichen sind hoch. Mit den Luxus-Forderungen der Kinder umzugehen, ist für die Eltern oft eine Herausforderung.

«Mein Sohn will nur noch Markenschuhe und -hosen. Und immer das neueste Handy. Zum Geburtstag habe ich ihm nach langem Verhandeln ein ziemlich wertvolles Handy gekauft. Trotzdem haben wir jeden Tag Streit, da ich nicht immer das Beste und Neueste kaufen will und kann», erzählt Monika K. (Name geändert) über die Luxus-Ansprüche ihres 12-jährigen Sohnes.

Diese Geschichte ist kein Einzelfall. Viele Eltern sehen sich mit Forderungen ihrer Schützlinge nach teuren Markenprodukten konfrontiert. Und nicht wenige dieser Beispiele
strapazieren – je nach Einkommen der Eltern – das Familienbudget arg. Viele Eltern haben den Anspruch, dass ihre Kinder immer glücklich und zufrieden sein sollen. Nein zu sagen, fällt ihnen deshalb schwer. Sie wollen nur das Beste für ihr Kind.

Studien zeigen, dass sich in Deutschland 54 Prozent der Mütter und Väter mit der Erziehung überfordert fühlen. Vielfach herrsche bei den Erziehenden Unsicherheit,  Orientierungslosigkeit, Angst, Druck und Stress. Sie reagieren entweder mit Nachgiebigkeit oder genervt bis aggressiv auf ihre Kinder. Die Studie «Was alle Kinder brauchen» der
Universität Wien untersuchte die Sichtweisen von Kindern zu materiellen und anderen Werten. Zum Thema Bekleidung etwa sagten die Kinder, dass diese zeitlich angepasst
und bequem sein müsse, aber auch mit der Mainstream-Mode mithalten sollte. Digitale Geräte wie Smartphone, ein eigener Computer, Tablet, TV oder auch Spielkonsolen
spielten für einzelne Kinder eine wichtige Rolle im Alltag.

Nicht überall gleich

Die Erziehungsberaterin und Familientherapeutin Maria Kenessey aus Thalwil beobachtet solche Phänomene regelmässig. «Luxus-Artikel sind bei Kindern und Jugendlichen beliebt und nicht selten die Voraussetzung dafür, dazuzugehören und nicht vom Kollegenkreis ausgegrenzt zu werden.» Was als Luxus gelte und bei den Jungen gerade in sei, hänge stets vom Umfeld ab: «An der Zürcher Goldküste beispielsweise gelten oft andere Standards als in einem Ort mit Menschen aus niedrigeren Einkommensschichten.»

Wie stark sich insbesondere Jugendliche mit Luxus-Artikel beschäftigen, zeigten – so Beatrice Ligthart, Budgetberaterin bei der Frauenzentrale Zug – die Diskussionen mit
Berufsschülerinnen und -schülern über die Verwendung des Lehrlingslohnes. «Die Ausgaben für Luxusartikel und elektronische Medien werden stets kontrovers diskutiert.
Nicht alle Jugendlichen haben jedoch die gleiche Einstellung dazu; manche kommentieren die Konsumhaltung ihrer Altersgenossen auch kritisch.» Als Spitzenreiter und beliebtestes Luxus-Objekt bei Jugendlichen gelten derzeit die Smartphones von iPhone und Samsung. «Wer kein solches Handy hat, gilt in manchen Kreisen als Exot», beobachtet Beatrice Ligthart. Weiter stehen teure Markenkleider weit oben auf der Beliebtheitsskala der Jugendlichen. Viele dieser Objekte der Begierde würden im Internet bestellt.

Gruppendruck, Werbung, Vorbilder

Der Gruppendruck unter Gleichaltrigen spielt laut Maria Kenessey bei den Forderungen von Kindern und Jugendlichen nach Luxus-Artikeln eine wichtige Rolle. «Kinder möchten dazugehören. Wenn ihre Freunde ein neues iPhone haben oder ein Krokodil auf dem T-Shirt tragen, wollen sie auch so eines haben. Sie wollen gleich sein wie die andern.» Meist seien es gewisse «Führungspersonen» innerhalb der Klasse oder Clique, die die Standards in Sachen Luxus-Objekte setzten. «Die auffälligsten Kinder sind oft nicht die besten Vorbilder. Doch mit ihrem Verhalten beeinflussen sie jene Kinder und Jugendlichen, die besonders offen sind für solche Impulse», sagt Maria Kenessey.

Dies kann Monika K. bestätigen: «Mein Sohn sagt, dass in seiner Klasse fast jeder Markenkleider und ein teures Smartphone habe. Ich kenne die Kinder aus seiner Klasse
und kann das bestätigen. Sie grenzen andere schnell aus und lästern über Whatsapp, wenn jemand nicht immer hip ist.» Neben der Werbung, die gezielt die Begierde nach Luxus-Artikeln weckt, kommt den Eltern eine zentrale Rolle im Umgang mit Geld und materiellen Werten zu. «Die Eltern sind bis zur Pubertät die wichtigsten Vorbilder für ihre Kinder. Die Einstellung der Mutter und des Vaters zum Geld und ihre Beziehung zum Luxus werden von den Kindern übernommen», sagt Maria Kenessey.

Das Kind braucht keinen Luxus, um glücklich zu sein

Wie können Eltern ihren Kindern einen bewussten und kritischen Umgang mit Geld und Luxus-Artikeln mitgeben? «Der bewusste Umgang mit Geld wird den Kindern von den Erwachsenen vorgelebt. Die Kinder sollen daher im Elternhaus mitbekommen, wenn über Geld und geplante Ausgaben diskutiert wird. Dies zeigt ihnen die Grenzen eines Familienbudgets auf und verhindert, dass die Kinder falsche Vorstellungen vom Geld haben», rät Beatrice Ligthart.
Die Budgetberaterin empfiehlt deshalb, den Kindern schon ab der ersten Schulklasse mit dem eigenen Taschengeld die Möglichkeit zu geben, Erfahrungen im Umgang mit Geld
zu sammeln und zu experimentieren. Aus erzieherischer Sicht gehe es nicht ohne klare Regeln und Grenzen, betont Maria Kenessey. «Die Eltern müssen sich im Klaren und
einig darüber sein, wie oft das Kind ‹gamen› darf oder wie viel Geld es bekommt. Diese Grenzen braucht es, denn – so viel Luxus man einem Kind auch gibt – es wird nie damit
zufrieden sein. Ein Kind braucht keinen Luxus, um glücklich zu sein.»

Grenzen setzen statt verwöhnen

In den Forderungen mancher Kinder nach Luxus-Artikeln steckt ein hohes Konfliktpotenzial. Wie sollen sich Eltern in solchen Situationen verhalten? «Klare Regeln und ein freundlicher, liebevoller Umgangston können manche drohenden Konflikte entschärfen», antwortet Maria Kenessey und rät davon ab, das Kind zu verwöhnen, dass es ihm besser geht als den Eltern früher. «Dieser Wunsch steht am falschen Ort, denn er wird den wahren Bedürfnissen eines Kindes nicht gerecht. Gemeinschaft und Erlebnisse mit Familie und Freunden sind wichtiger als Luxus», ist die Erziehungsberaterin überzeugt.

Weiter gehe es darum, die Eigenständigkeit des Kindes zu fördern, damit es den Meinungen und Ansprüchen von aussen widerstehen kann. Auch hier ist die Erziehung gefordert. Indem die Kinder in Entscheidungsprozesse einbezogen werden und sie ihre eigenen Bedürfnisse ausdrücken können, wird das Kind laut Maria Kenessey in seiner Eigenständigkeit gestärkt. Auch Erfolgserlebnisse im Sport oder in anderen Hobbys stärken das Kind in seiner Persönlichkeit und schenken ihm das nötige Selbstvertrauen.

Klare Budgetvorgaben

Aus finanzieller Sicht empfiehlt Beatrice Ligthart, klare Budgetvorgaben für die Kinder und Jugendlichen zu setzen. Reiche das Taschengeld für einen Kaufwunsch nicht aus, können die Kinder die Differenz mit Sparen oder Nebenjobs finanzieren. Diese Lösung pflegt zum Beispiel Jeannine M: «Wenn unser Sohn einen besonderen Wunsch hat – zum Beispiel neue Fussballschuhe –, geben wir einen bestimmten Betrag dafür frei. Liegt der Preis der
angestrebten Schuhe höher, muss er drauflegen, was fehlt.»

Sind die Kinder schon älter (ab 10. Schuljahr oder Kantonsschule), empfiehlt die Budgetberaterin, ihnen ein erweitertes Taschengeld für ihre Ausgaben zur Verfügung zu
stellen. So lernen die Jugendlichen schrittweise, mehr Verantwortung zu übernehmen. Auch hier sind zusätzliche Investitionen mit Nebenjobs zu finanzieren.

«Bei Jugendlichen lohnt es sich zudem, das ihnen zur Verfügung gestellte Geld mit einem kleinen Budget sowie einer schriftlichen Abmachung zu verbinden», empfiehlt Beatrice Ligthart. Darin werde klar festgehalten, für welche Ausgabe das Geld gedacht ist und was zum Beispiel aufs Sparkonto einbezahlt wird. Erzielt das Kind oder der Jugendliche
mit Nebenjobs ein zusätzliches Einkommen, dürfe das Taschengeld deshalb nicht reduziert werden. Dies schaffe ein falsches Signal. Ebenfalls problematisch sei es, wenn sich die Eltern in Verzicht üben, nur um die teuren Wünsche ihrer Kinder erfüllen zu können. «Dem
Kind zuzutrauen, dass es auch ohne Luxus glücklich sein kann und dazugehört, ist letztlich eine Haltungsfrage», findet Beatrice Ligthart. Über eine Budgetplanung, die jede Familie haben sollte, verschaffen sich die Eltern einen Überblick über die zur Verfügung stehenden Mittel. Diese Transparenz helfe auch dem Kind, die finanziellen Zusammenhänge besser zu verstehen.

Luxusmarkt legt zu

Maria Kenessey und Beatrice Ligthart sind sich einig, dass es sich lohnt, den Umgang mit Geld und materiellen Werten früh in der Erziehung zu thematisieren. Luxus dürfte wohl auch in Zukunft weiter an Anziehungskraft auf Kinder und Jugendliche zulegen. «Weltweit begeistern sich immer mehr junge Menschen für Luxusgüter – allen voran die Chinesen. Insbesondere das Bekleidungssegment werde neue Kunden in den Luxusmarkt locken», heisst es in der Studie von Bain & Company.

Weiterführende Links:
www.ifipp.ch
www.budgetberatung.ch

erstellt von Fabrice Müller, S&E