Weniger ist manchmal mehr

Kaufreizen widerstehen – eine schwierige Übung in einer Welt, in der sich alles um Konsum zu drehen scheint. Aber Kinder und Jugendliche können sich auch gut fühlen, wenn sie bewusst auf etwas verzichten. Manchmal sogar gerade dann.

Der 12-jährige Jonas betrachtet es heute nüchtern. «Die 130 Franken hätte ich besser gespart.» Stattdessen wollte er unbedingt diese Converse-Turnschuhe, die klassischen «Chucks» in Schwarz. Er hatte sie im Internet an Justin Bieber gesehen. Als er das Paar im Laden probierte, fühlte er sich toll. Aber schon nach kurzer Zeit fand er die Turnschuhe affig. Und seine Füsse sahen darin so gross aus, wenn er sie zu seinen schmalen Lieblingsjeans trug. Ihm war unwohl, «diese Latschen» länger anzuziehen. Er bat seinen Papa, sie im Internet anzupreisen. Bislang aber hat keiner angebissen, obwohl Jonas den Preis schon zweimal nach unten korrigierte. «Ich muss das wohl als Verlust verbuchen», sagt er zähneknirschend. Sich dessen bewusst, dass er ein paar Monate brauchen wird, bis der Geldbetrag wieder beisammen ist.
Trösten mag es Jonas kaum, aber Fehl- und Spontankäufe können auch heilsam sein. Manchmal zeigen sie, dass der Artikel, den man um alles in der Welt haben musste, so toll auch nicht ist. Und es macht resistenter gegen Anschaffungen, von denen man selber gar nie richtig überzeugt war. Die 11-jährige Elina kann das bestätigen: «Als alle in meiner Klasse iPhones hatten, wollte ich unbedingt auch eines.» Aus lauter Sorge, sonst nicht mehr mitreden zu können. Also quengelte sie bei ihren Eltern so lange, bis diese einwilligten – unter der Voraussetzung, dass sie ein gebrauchtes Gerät kauft und die Hälfte dafür selbst bezahlt. Inzwischen nutzt Elina das Ding selten, lässt es oft zu Hause liegen. Weil sie es «krank» findet, wie alle anderen in jeder freien Minute fieberhaft und wie süchtig auf dem Gerät herumzutippen. Deutlich zu machen, dass sie das nicht braucht, findet sie «cool irgendwie». Und ihre beiden besten Freundinnen machen es inzwischen auch so.

Fehlende Finanzkompetenz

Sich dem Gruppendruck zu widersetzen, braucht Mut. Viele schaffen das auch im höheren Alter nicht. Es ist verführerisch, etwas zu kaufen und damit zu zeigen: Seht her, was ich Tolles habe. Weil es das Ego stabilisiert und den Sozialstatus erhöht. Die Schuldenberatung Schweiz nennt diesen «demonstrativen Konsum» als eine der Hauptursachen dafür, dass Junge über ihre Verhältnisse leben. Ein Viertel der 16- bis 25-Jährigen macht hohe Schulden. Ein weiterer Grund ist fehlende Finanzkompetenz. Wie mit Geld umzugehen ist, sollten Kinder deshalb so früh wie möglich lernen – diesen Ansatz verfolgen diverse Projekte, beispielsweise jene von Pro Juventute. Schon ab 5 Jahren könne man Kindern beibringen, wie sie echte Wünsche von suggerierten Wünschen der Werbung unterscheiden oder dass Warten und Verzichten etwas Erstrebenswertes sein kann, sagt Pro-Juventute-Mitarbeiter Daniel Jenal (siehe Interview). Erstrebenswerter jedenfalls als die weit verbreitete Mentalität «Jetzt kaufen, später zahlen». In weiteren Schritten lernen Mädchen und Jungen dann, Geld einzuteilen, Prioritäten zu setzen, Ziele zu definieren sowie Reserven zu bilden.
Vernünftig mit Geld haushalten heisst auch: selektiv konsumieren. Sich aus dem schwindelerregenden Überangebot das herausfischen, was für einen nützlich ist und über den schnellen Kaufkick hinaus Freude macht. Jonas hat sich fest vorgenommen, auf ein Notebook zu sparen. Mit seinen Eltern hat er abgemacht, dass er 250 Franken des Kaufpreises übernimmt. Ohne den Ausrutscher mit den Turnschuhen wäre er fast so weit gewesen.

Links:
www.schulden.ch  (mit Jugendportal www.heschnocash.ch)
www.schuldenberatung.ch
www.plusminus.ch
Angebote von Pro Juventute: www.potz-tuusig.chwww.kinder-cash.ch

erstellt von Vera Sohmer