Von Staubfängern und Erlebenswelten

Unser Familien-Kolumnist bei FamilienSPICK, Erfolgsautor Gerhard Spitzer, gewährt uns tiefe Einblicke in die Welt des "versunkenen Spiels".

Spielereien?

Man glaubt ja nicht, was unsere konsumorientierten Lieferanten sich so ausdenken, wenn das Wort "Kinderspielzeug" ins Spiel kommt: "Spiele"-Konsolen, "Spiel"-Baukästen, Smart-Phone-"Spiele" und so weiter. Doch diese Leute sollten mit solchen Worten lieber keine Spielchen treiben, denn beim wirklichen Spiel eines Kindes spielt sich ganz tief im kindlichen Gemüt ein ganz anderes Spiel ab, als die allermeisten Menschen denken!

Wie jetzt? Zu viele Wortwiederholungen für Ihren Geschmack? Na dann folgen Sie mir doch ein Stückchen tiefer in die Welt der Kinderspielereien und Sie werden verstehen, warum ich den Begriff "Spiel" nicht oft genug einspielen kann!

Überfluss

Der achtjährige Urs ist ein kleiner Pfiffikus, dessen Eltern es sich finanziell jederzeit leisten können, ihren Sohnemann mit dem "hochwertigsten", will sagen: teuersten Gleichwertiges zu versorgen, das für Geld auf dem Markt erhältlich ist. Auch im letzten Jahr sind unterm Weihnachtsbaum wieder zwei Luxus-Spielzeuge hinzugekommen.

Als ich in Urs´ Kinderzimmer ankomme, kann ich meinen Augen kaum trauen: Auf allen halbwegs ebenen Flächen stehen gigantische Konstruktionen rum: Da gibt es Lego-Maschinen und riesige, komplizierte Stationen mit Kränen, Aufbauten und allerlei High-Tech-Fahrzeugen.

Ich staune: "Wow! Urs, du hast ja die tollsten Spielsachen, die ich je gesehen habe!" Die Antwort kommt spontan und klingt tief überzeugt: "Neein! Das sind doch keine Spiele! Die Dinger machen mir zwar scho a bissle Spass, wenn ich sie baue! Danach sind sie aber nur noch Staubfänger!"

Ich wiederhole meine Angabe von vorhin: Acht Jahre, der Knabe! Woher nimmt der nur diese bemerkenswert erwachsene Wortspende?

Kreations-Fluss

Szenenwechsel zu zwei Mädchen aus einer sozial schwachen Familie im Kanton Graubünden, die wir kostenlos betreuen: Die beiden, fünf und sieben Jahre alt, besitzen aufgrund der wirtschaftlichen Situation ihrer Eltern bloss ein paar Puppen aus zweiter Hand, viel Stoff für Puppenkleidchen, den sie allerdings reichlich für grossartige Mode-Kreationen einsetzen, sehr viel Papier und allerlei Mal-Sachen. Obendrein steht mitten im Kinder-Doppelzimmer ein altes White-Bord inklusive Endlos-Papierrolle. Letztere ist bereits gefüllt mit unglaublich schönen, fantasievollen Zeichnungen und Malereien. Ich frage vorsichtig bei Elin, der Mutter der Beiden nach: "Haben das alles wirklich Ihre beiden Mädls gemacht?" "Ja!", sagt Elin leichthin, "an solchen Kreationen können sie wahrlich stundenlang werken!"

Spielfluss

Doch da gibt es noch etwas viel Wunderbareres, an dem die Prinzessinnen stundenlang "werken": Zu Zweit können die Beiden mit ihren Puppen endlose Szenen erfinden und die leblosen Figürchen zu hochkomplexen Dialogen überreden, ja ganze Drehbücher mit ihnen gestalten. Dabei hören und sehen sie gar nichts mehr um sich herum.

Das funktioniert allerdings auch ganz alleine, ohne Schwesterchen: Es ist dann sogar noch faszinierender zu beobachten, wie ein einsames Kind in so einen Prozess, den der grosse Rudolf Steiner im Rahmen seiner kindlichen Sinneslehre übrigens "versunkenes Spiel" genannt hat, hinein kippt. Da wird jeder einzelnen Figur eine eigene Stimme gegeben. Da erfolgt ein hingebungsvoller und sorgfältig inszenierter Austausch mit allen Protagonisten. Da entstehen ganze fiktive Schulklassen oder "Reisegruppen nach Narnia", die dann bestimmte Abenteuer und Problemfälle erledigen müssen.

Der pädagogische Mehrwert:

Es ist ein grossartiges und nachhaltiges Training für künftige Problemlösungs-Kompetenz! Ist es nicht genau das, was wir Eltern für unsere Kinder wollen?

Das ist es, was wahres Spiel ausmacht: Das Einnehmen einer eigenen Rolle mitten im Spielgeschehen. Nicht das Nachbauen von vorgefertigter Ingenieurskunst. Nichts gegen Ingenieure. Ich war ja in meinem "ersten Leben" selber einer, aber so vorportioniert funktioniert die kindliche Erlebenswelt leider nicht.

Jener hochkomplexe, entwicklungspsychologisch wertvolle Prozess des versunkenen Spielens entsteht ausschließlich und vollständig aus dem Kind heraus. Forscher haben für Vorgänge dieser Art sogar ein eigenes Fachwort geschaffen: "intrinsisch"! 

Überraschungs-Training

Damit sind wir schon mittendrin im "grossen Spiel". Deshalb möchte ich Sie, liebe FamilienSPICK-Leser jetzt exklusiv zu einem besonders tiefen Einblick in die kindliche Erlebenswelt mitnehmen:
 
Sobald ein Kind irgendein Geschehen selbst kreiert, erschafft es damit gleichzeitig in jedem Moment des laufenden Prozesses neue Überraschungen für sich selbst. Auf diese kleinen "Neuigkeiten" im Geschehen muss das kindliche Denksystem wiederum blitzartig mit einer erneut leicht veränderten Kreation reagieren und wieder etwas hinzu erfinden, damit es den Spielfluss überhaupt aufrecht erhalten kann. Ein ununterbrochener gestalterischer Prozess, der genau das tut, wofür ihn das Universum, offenbar passgenau für Kinder, erschaffen hat: Er trainiert das formal-operative Denkvermögen, wie der berühmte Entwicklungspsychologe, Jean Piaget, es erstmals genannt hat.

So rundet sich auch das Bild ab, das uns Klein-Urs unbewusst vermittelt hat: "Diese High-Tech-Maschinen sind, nachdem ich sie mal zusammenbaut habe, kein interessantes Spiel mehr für mich!"

Sicher sind auch manche technischen Baukästen zum Um- und Neubauen geschaffen, aber meist nur in begrenztem Umfang. So, wie die Konstrukteure es vorgesehen haben! Ein versunkenes Spiel wird allerdings niemals daraus!

Somit sind wir auch schon bei meinem Top-Tipp für die heurigen Weihnachts-Einkäufe. Der nur allzu beliebte Grundsatz: "Je teurer, desto gut!", darf 2018 durchaus hinterfragt werden.  Ich meine: Wer weniger kauft, kauft mehr! Alles klar, soweit?

Kein Kinderspiel

Als "Bonus-Tipp" möchte ich meine mahnenden Worte vom Anfang noch ein wenig vertiefen, weil mir dieser Blickwinkel so überaus wichtig erscheint!

Ihr netten "Spielzeug"-Hersteller und -Lieferanten da draussen: Wie auch immer Ihr euer Gleichwertiges an das Kind bringen möchtet, bitte bezeichnet eure ach so tollen High-Tech Fertig-Bausätze, Konsolen, Video-Games und Smart-Phone Apperlapapps nicht mehr als "Spiele"! Es wäre eine gemeine Beleidigung für jene wunderbaren hochkreativen Prozesse, die ich in diesem Text versucht habe, zu erklären.

Sogar die überaus beliebten "Gesellschafts-Spiele" verdienen nicht so ganz dieses allerhöchste Prädikat in der total verspielten kindlichen Welt. Sie sollten deswegen auch kein "Dauerbrenner" im täglichen Spielgeschehen sein, sondern bloss Gelegenheit und Auslöser familiäres Zusammenfinden. … wenn es nicht anders geht.

Sehen und Staunen

Wenn Sie die Spiele-Welt Ihres Kindes aufwerten möchten, investieren Sie anstatt mehr Fränkli doch einfach noch ein klein wenig mehr Zeit in Ihr Kind, als Sie es sowieso schon tun. Bringen Sie sich vielleicht sogar selbst in eines jener wundersamen, versunkenen Rollen-Spielgeschehen mit ein. Bitte aber nur, sofern Ihr Kind Sie dazu einlädt, oder Sie gefragt haben: "Darf ich…?"

Vielleicht ist Ihr Kind aber ohnehin im Moment in einem ganz anderen Universum und daher gerade nicht "auf Empfang"! Dann schauen Sie doch einfach still zu, wenn ihr Liebling mit hochrotem Gesichtchen im selbst erschaffenen Dauer-Kreationsmodus immer tiefer ins Spiel versinkt.

Sie werden es mögen!

Hier stellen wir Ihnen die Bücher von Gerhard Spitzer vor.

erstellt von Gerhard Spitzer