Von Schularbeiten und «Hausaufgaben»

Unser KiddyCoach, Gerhard Spitzer, hat für uns diesmal eine «schwierige Hausaufgabe» erledigt.

Neulich wurde ich nach Frasnacht zu einem offenbar richtig schweren Fall von Hausfriedensbruch gerufen. Und tatsächlich: Zwischen der engagierten Mutter Sophie und ihrem augenscheinlich etwas weniger engagierten Filius, Eric, scheint der Hausfrieden so richtig klassisch gebrochen zu sein, weil: Ufzgi-Alarm! Doch es ist kein standardmässiger Schulkind-Eltern- Alarm! Ich getraue mich ja kaum, die grauenhafte Missetat hier öffentlich zu benennen, aber stellen Sie sich das mal vor: Der zwölfjährige Bub hat vor Mamas Augen einfach knallhart sein Schularbeitenheft zerrissen! Unfassbar, das! Aber um dem Ganzen die Krone aufzusetzen: Eric, unser reissfreudiger Freund, hat mit seiner Zerstörungsattacke offenbar gewartet, bis die einigermassen umfangreichen Schularbeiten für diesen Nachmittag fast fertiggestellt waren. Wie clever ist das denn? Hätte der Bube seinen Angriff auf den hilflosen Stapel Papier nicht schon zu Beginn der ganzen lernenden Mühe starten können? Jedenfalls hätte ich es damals als Schüler so gemacht! … und wenn ich mich recht erinnere, habe ich das wohl auch! Aber egal! Die reisserischen Feinheiten rund um die Schulzeit eines Alt-Österreichers sind sowieso ganz anderer Wiener Kaffee.

Tatort-Scan

Zurück zum gebrochenen Hausfrieden: Es hilft nix, ich muss helfen! Also lese ich Eric, dem Frevler, erstmal seine Rechte vor: «Du hast das Recht zu schweigen! … besonders morgen in der Schule! Alles wird ab jetzt gegen dich verwendet …!» Halt! So nicht… ! Alles mit der Ruhe! Erstmal muss hier wohl CSI-KiddyCoach ran: Rasch den Tatort gescannt und mit forensischer Genauigkeit kann ich die Situation doch noch zugunsten des Jungen klären. War sowieso ganz einfach: Der Stuhl, auf dem Mutter Sophie eben noch gesessen hat, ist ja noch körperwarm. … und er steht verdächtig nahe an Erics Arbeitsplatz. In «Griffweite» zu dem armen Schüler, um genau zu sein. Eine Bestätigung eines dringenden Tatverdachtes liefert die emsige Mom gleich selber: «Ich verstehe solche Aktionen nicht! Dabei habe ich meinem Jungen doch bloss wie immer nach Kräften bei seinen Schularbeiten geholfen!» Ganz richtig, liebe Sophie! Sie sagten es grade so leichthin! Haben Sie es auch bemerkt, liebe aufmerksame Freunde meiner Kolumne? Die liebe Mama sagte: «wie immer …» und «bei seinen Schularbeiten geholfen!» Es sind wirklich ausschliesslich seine Aufgaben, nicht die von Mama oder irgendjemand sonst!

Nörgelhilfe?

Doch «helfen» ist ja in diesem speziellen Fall nicht einmal die treffende Vokabel. Die gute Sophie und leider auch Vater Niklas neigen eher zum lerntechnischen Nörgeln, professioneller ausgedrückt: zum Druck machen, damit der Junge seine Aufgaben überhaupt erledigt. Da fallen dann Worte wie: «Jetzt setz’ dich endlich hin und ackere!» oder «Streng» dich mehr an!» und «Schreib das doch schöner! » Dieser letzte Satz ist ja im Dasein vieler geplagter Schulkids fast schon Standard. Keine grosse Sache, so weit. Aber jetzt lesen und staunen Sie bitte, wie Mama Sophie das heute umgesetzt hat: Beim Schreiben von ein paar bösen Englisch-Vokabeln greift die liebe Mutter plötzlich vorwarnungslos ein und beginnt, unserem lieben Eric buchstäblich beim Schreiben die Hand zu führen. Klar! Wenn man als fleissige Mom so nah dransitzt, kommt man schon mal in Versuchung, das eigene, unendlich erwachsene Wissen schriftlich einzubringen! Aber: So was geht gar nicht, liebe Sophie! Das würde ja keiner aushalten. Auch kein Erwachsener, oder?

Überfordert

Also ist die Lösung punktgenau gefunden: Irgendwann hat es in Erics leicht überfordertem Kopf einfach «klick» gemacht: «Aus, Schluss! Dämliche Vokabeln, dämliche Schule, dämliches Heft!» Hausfriedensbruch eben! So resilient oder weniger Fachchinesisch ausgedrückt «kaltblütig» ist ein zwölfjähriger zwangs-schulverpflichteter Junge dann eben doch nicht!

Überwachungsjob

Ich beende hier die Schilderung des Falles und stelle klar: Zahllose Eltern denken, dass eine ihrer wichtigsten «Hausaufgaben » als Erziehende das strikte Überwachen schriftlicher Schularbeiten wäre und vielleicht noch im Kombipack gleich das konsequente Einfordern wunschgemässer Lernleistungen. Doch leider: Ich muss Sie, wie so oft, auch diesmal wieder ziemlich brutal enttäuschen. Aus pädagogischer Sicht gehen das Erledigen von Schulaufgaben und schulische Lernkontrollen uns Erziehende überhaupt nichts an! Ich weiss, das ist ein wahrlich schwer zu schluckender Brocken, liebe fleissige Eltern, aber Sie haben sicher schon von dem jahrtausendealten chinesischen Sprichwort gehört:
FLEISSIGE ELTERN ERZIEHEN SICH FAULE KINDER

Lebenskompetenz

Wir alle wollen und sollen unsere Kinder zu lebenskompetenten jungen Erwachsenen erziehen. Steht ausser Frage so weit, oder? Daher darf die folgende kleine Rätselfrage sicherlich erlaubt sein: Welcher junge Mensch wird später in Lehre oder Studium die Aufgaben seines Meisters oder Professors wohl selbstständiger und «barrierefreier» erledigen können? Jemand, der in seiner Schulzeit täglich «nötige Lerntritte» in seinen Allerwertesten bekommen hat oder einer, der schon lange daran gewöhnt ist, seine Aufgaben vollkommen selbstständig zu erledigen, verbunden mit dem sicheren Gefühl, seine Eltern immer von sich aus fragen zu dürfen?

Anlaufstelle

Schlussplädoyer: Bei allem, was aus dem Schulalltag ins traute Heim herüberschwappt, dürfen und sollen Sie als liebevolle Eltern lediglich als «Anlaufstelle» dienen, falls der Nachwuchs vertrauensvoll mit konkreten Fragen daherkommt. Aber mit Einfordern und vielleicht auch noch richtig Druckmachen, werden Sie wohl kaum berauschende Erfolge erzielen. Bestenfalls gibt es Stress oder eben «gebrochenen Hausfrieden». Fast immer bewirkt massiver Leistungsdruck sogar das exakte Gegenteil von dem, was Sie erwartet haben. Auch Mutter Sophie habe ich diese Sichtweise empfohlen. Die Antwort: «Das würde mein Sohn niemals von selbst machen!»

Staunende Gesichter

Doch genauso ist es gekommen! Kaum hat Eric gespürt, dass man ihn arbeitstechnisch von der Leine lässt, ist er nicht lange danach von selbst gekommen. Hauptsächlich – Überraschung –, um seine fertigen Schularbeiten vorzuführen. Ist doch nett, oder? Staunende Gesichter unter den Erwachsenen! Totale schulische Entspannung im Hause! Hausfrieden gerettet! Frasnacht präsentiert sich wieder als das, was es schon immer gewesen ist. Als hübscher und friedlicher Ort am noch friedlicheren Bodensee. Lassen Sie das gleiche schulisch-entspannte «Friedensgefühl » doch auch bei sich zu Hause einkehren!

Sie werden es mögen!

erstellt von Gerhard Spitzer