Vegetarisch Essen mit Kindern

Ja! Die beiden Ernährungsexperten Susanne Thiel und Dr. Nicolai Worm belegen dies nicht nur theoretisch, sondern ganz praktisch. Im Interview erklären sie, auf welche Punkte bei einer vegetarischen Ernährung besonders geachtet werden sollte und verraten uns einige ihrer Gerichte und Tipps, bei denen garantiert nicht nur Vegetarier auf den Geschmack kommen.

Gemüse - so fein!

Vegetarisch essen ist in jüngster Zeit voll im Trend – viele Stars bekennen sich dazu, auffallend viele Frauen und auch immer mehr Kinder verzichten mittlerweile auf Fleisch und Fisch. Warum?
Dr. Nicolai Worm: Meine Beobachtungen zeigen, dass sich immer mehr junge Menschen von diesem Ernährungsstil angesprochen fühlen. Hierzulande vor allem aus ethischen Überlegungen heraus. Sie wollen prinzipiell nicht hinnehmen, dass Tiere mitleids- und gnadenlos ausgebeutet und schliesslich auch noch getötet werden. Die diversen Fleischskandale tun ihr übriges.

„Vegetare“ heisst auf Lateinisch „Leben“. Folglich deutet der Begriff „vegetarisch“ auf „lebende“ Kost hin?
Susanne Thiel: Genau. Das Prinzip des vegetarischen Gedankens beinhaltet, dass Produkte vom lebenden Tier, wie Milch und Milchprodukte, Eier und Honig akzeptiert werden, und Nahrungsmittel von getöteten Tieren, wie Fleisch und Fleischwaren, Geflügel und Fisch, zu meiden sind. Nach moderner Definition besteht die Grundernährung des Vegetariers aus pflanzlichen Nahrungsmitteln. Je nachdem, inwieweit zusätzlich noch Nahrungsmittel tierischen Ursprungs mitverzehrt werden, unterscheidet man weiter in Lacto-Ovo-Vegetarier, Lacto-Vegetarier, Ovo-Vegetarier und Veganer  (siehe Box). Und dann gibt es auch noch die sogenannten „Pudding-Vegetarier“. Damit bezeichnet man in der Umgangssprache Vegetarier, die zwar auf Fleisch verzichten, aber auf die sonstigen Merkmale einer gesundheitsbewussten Ernährungs- und Lebensweise wenig achten.

Worauf gilt es denn bei einer rein vegetarischen Ernährung zu achten?
Dr. Nicolai Worm: Jene Nährstoffe, die durch einen Verzicht auf Fleisch, Geflügel und Fisch vermindert zugeführt werden, müssen wir auf andere Weise ersetzen, sonst kann es zu Mangelerscheinungen kommen. Je strenger vegetarisch man lebt, desto wichtiger ist es, das Wissen zu erlangen, wie diese Ernährungsform optimal umzusetzen ist. Eine rein vegetarische Ernährung birgt auch gewisse Risiken.

Welche?
Susanne Thiel: Zahlreiche Untersuchungen über die Ernährungsgewohnheiten von Vegetariern haben immer wieder für bestimmte essenzielle Nährstoffe das Risiko einer unzureichenden Versorgung aufgedeckt. Der Begriff „vegetarische Ernährung“ allein ermöglicht noch keine Aussage über Qualität und Quantität der Ernährung. Diese können ausreichend oder unzureichend sein. Über den Versorgungsgrad mit Nährstoffen bzw. über den ernährungsphysiologischen Wert kann erst die Betrachtung des gesamten Ernährungsverhaltens Auskunft geben.

Was bedeutet dies für Kinder und Jugendliche, die weder Fleisch noch Fisch essen mögen?
Susanne Thiel: Vor allem im Wachstumsalter ist eine Ernährung mit essenziellen Nährstoffen sehr wichtig. Wenn Kinder keine Lust auf Fleisch oder Fisch haben, sollten Eltern vor allem grossen Wert auf eine ausgewogene, abwechslungsreiche Ernährung legen, welche einem allfälligen Nährstoffmangel vorbeugt. Denn als gesichert gilt heute, dass mit einer ernährungsphysiologisch sorgfältig und sinnvoll zusammengestellten vegetarischen Kost die empfohlene Zufuhrmenge für alle essenziellen Nährstoffe erreicht werden kann.

Welchen Nährstoffen gilt es besondere Beachtung zu schenken?
Dr. Nicolai Worm: Kritisch und deshalb besonders beachtenswert ist vor allem eine ausreichende Versorgung mit Eisen, Jod, Zink, Calcium, Vitamin B2, Vitamin B12, Vitamin D, Omega-3-Fettsäuren und Proteinen.

Und was bedeutet dies für die tägliche Ernährung?
Susanne Thiel: Eine möglichst nährstoffreiche Mischkost: Also Gemüse und frische Früchte und Beeren – kombiniert mit eiweissreichen Lebensmitteln, die hochwertige Proteine enthalten wie beispielsweise Hülsenfrüchte, Getreide, Nüsse, Eier und Milchprodukte – abgerundet mit wertvollen Pflanzenölen. Diese Lebensmittel gehören täglich auf den Speiseplan und bilden die Grundlage der vegetarischen Lebensweise. Sie unterscheiden sich deutlich vom Junkfood der „Puddingvegetarier“, deren Ernährung meist hauptsächlich aus Stärkeprodukten inklusive Süssspeisen, Gebäck, Fertigprodukten und süssen Getränken besteht.

Das tönt anstrengend!
Susanne Thiel: Keine Angst! Eine abwechslungsreiche, fleischlose Kost lässt sich ganz einfach in den Alltag integrieren. Natürlich ist es wichtig, dass sich „Gelegenheitsvegetarier“ oder werdende Vegetarier zu Beginn einer Umstellung gut informieren und sich schlau machen, welche Lebensmittel welche und wieviele Nähr- und Mineralstoffe enthalten. Allerdings darf es dabei meiner Ansicht nach nicht allein um die Kombination ernährungsphysiologisch korrekter Zutaten gehen. Ich plädiere mit vollem Herzen dafür, dass beim Essen Spass und Genuss im Vordergrund stehen! Ganz viele Tipps und über 80 leckere Rezepte, die weit über das typische Repertoire von Bratlingen und Vollkornpasta hinausgehen, finden Interessierte in meinem neuen Buch, das ich zusammen mit Dr. Worm verfasst habe. Unsere abwechslungsreichen Gerichte mit Hülsenfrüchten, fast vergessenen Gemüsesorten oder Sojaprodukten bringen garantiert nicht nur Vegetarier auf den Geschmack!

Zu den Personen:
Susanne Thiel ist Diplom-Oectrophologin und leidenschaftliche Köchin. Als zertifizierte Ernährungsberaterin unterstützt sie heute Menschen mit ernährungsabhängigen Erkrankungen auf ihrem Weg zu einer genussvollen und gesunden Ernährung.

Dr. oec. Troph. Nicolai Worm ist ein im gesamten deutschen Sprachraum bekannter Ernährungswissenschaftler. Er ist Autor zahlreicher Bücher, Broschüren und Fachartikel und seit 2009 Professor an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement (DHPG).

 Interview: Christina Bösiger

 

 

erstellt von Christina Bösiger