Unser Berufsbildungsystem ist top!

Beat Schuler leitet das Amt für Berufsbildung in Zug. Im Interview spricht er über den Stellenwert der Berufsbildung und erklärt, was Eltern tun können, wenn sich ihr Kind nicht entscheiden kann, was es lernen soll.

Beat Schuler, heute wählen immer mehr Jugendliche nicht den Weg der Lehre, sondern absolvieren eine allgemeinbildende Schule. Verliert die Berufsbildung an Stellenwert?
Statistisch gesehen ist die Berufsbildung sehr stabil, da im Durchschnitt um die 70 Prozent der Jugendlichen eine berufliche Grundbildung wählen. Daher kann nicht von einem Verlust des Stellenwertes der Berufsbildung gesprochen werden. Es ist aber so, dass der Druck, in eine allgemeinbildende Schule gehen zu müssen, wie zum Beispiel in ein Gymnasium, für viele Jugendliche vorhanden ist. Es ist zu beobachten, dass insbesondere Eltern mit einer akademischen Ausbildung automatisch auch erwarten, dass ihre Kinder dieselbe Bildungslaufbahn einschlagen. Dies geschieht vielfach in Unkenntnis über unser Berufsbildungssystem, welches sämtliche Wege offen lässt. Aber auch die Prestigefrage spielt eine wichtige Rolle. Es wird davon ausgegangen, dass mit dem Abschluss eines Gymis automatisch der Karriereweg offen steht und dem gesellschaftspolitischen Ansehen Genüge getan wird.

Die Jugendlichen sind aber ausreichend informiert über die verschiedenen Möglichkeiten?
Mit dem Einbezug des Themas Berufswahl in der Oberstufe ab dem 7. Schuljahr werden die Jugendlichen durch die Lehrpersonen grundsätzlich gut informiert. Insbesondere stehen verschiedene Möglichkeiten offen, sich zusätzlich zu informieren. Im Kanton Zug haben wir eine Art Roadshow, mit welcher in den Gemeinden die Berufsbildung vorgestellt und erklärt wird. Dies sowohl für die Jugendlichen wie auch für deren Eltern. Zusätzlich gibt es verschiedene Veranstaltungen, welche vom Berufsinformationszentrum BIZ organisiert werden. Erwähnenswert ist auch die Zentralschweizer Bildungsmesse ZEBI, welche jedes Jahr im November stattfindet und über 140 verschiedene Berufe vorstellt.

Wie oft sollen Jugendliche schnuppern?
Wichtig scheint mir, dass die Jugendlichen in verschiedenen Berufen schnuppern, sodass sie ihre Interessen erkunden können. Wie der Name schon sagt, sollten verschiedene Berufsfelder beschnuppert werden, um sich dann ein persönliches Bild machen zu können. Da der oder die Jugendliche im Zentrum steht, soll er beziehungsweise sie entscheiden können, wie oft geschnuppert werden soll. Im Kanton Zug erhalten die Schülerinnen und Schüler in der zweiten Oberstufe zwei Mal drei Tage Zeit, um schnuppern zu gehen. Wer noch mehr schnuppern möchte, sollte dies in der Ferienzeit einplanen.

Andere Länder haben unlängst verlauten lassen, dass sie das Schweizer Berufsbildungssystem einführen möchten, allen voran die USA. Was sind die Stärken unseres Systems, was machen wir hier besonders gut?
Die Stärken unseres Berufsbildungssystems sind in dessen Durchlässigkeit zu finden. Es gibt keinen Abschluss ohne Anschlussmöglichkeit. Somit sind keine Sackgassen vorhanden und es ist grundsätzlich irrelevant, wo oder mit was für einem Bildungsrucksack eingestiegen wird. Mit der Möglichkeit einer zusätzlichen Berufsmaturität ist auch der Zugang zum Hochschulbereich sichergestellt. Es stehen alle Karrieremöglichkeiten offen, mit klaren Etappenzielen wie einem Fähigkeitszeugnis EFZ oder einem Berufsattest EBA, welche direkt zur Arbeitsmarktfähigkeit führen. Nicht zu unterschätzen sind auch die Bildungsinhalte der rund 210 verschiedenen Berufe, welche alle seitens der Berufsverbände definiert werden. Dies ist mit ein Grund, dass wir weltweilt eine der tiefsten Jugendarbeitslosigkeitsraten haben. Denn es wird das ausgebildet, was die Wirtschaft braucht und nicht das, was der Staat anordnet wie teilweise in anderen Ländern.

Hat unser System auch Schwächen?
Jedes System hat seine Stärken und Schwächen. Wobei ich bei unserem Berufsbildungssystem nicht von einer Schwäche, sondern eher von einer Herausforderung spreche. Die Berufsbildung ist ein verbundpartnerschaftliches System, welches durch den Bund, die Kantone und die Organisation der Arbeitswelt gesteuert wird. Dieser Verbundgedanke basiert auf einem Konsens. Wenn einer der drei Partner andere Ansichten hat, müssen diese bereinigt werden. Dies ist zeitintensiv und braucht einige Ressourcen. Aus dieser Herausforderung ist aber auch wieder eine Stärke zu erkennen, indem die Berufsbildung durch diverse Akteure getragen wird und somit sehr gut in der Wirtschaft sowie auch in der Gesellschaft eingebunden ist. Sie steht so auf fundierter Basis.

Was raten Sie Eltern, wenn sich ihr Kind nicht für einen Weg entscheiden kann?
In einer solchen Situation ist eine Beratung durch das BIZ sicherlich hilfreich. Ebenso können für solche Fälle auch Brückenangebote nützlich sein, bei denen dann während eines Jahres die Interessen und Fähigkeiten nochmals durchleuchtet werden und mehrheitlich eine gute Anschlusslösung gefunden wird.

Zahlreiche Betriebe schliessen Lehrverträge schon ein Jahr vor Schulabschluss ab. Ist das sinnvoll?
Sinnvoll ist dies nicht. Denn welcher Betrieb schliesst für seine Arbeitskräfte bereits ein Jahr vor Arbeitsbeginn seine Arbeitsverträge ab? Es hat sich in der Deutschschweiz leider eine Kultur entwickelt, in der das in gewissen Branchen gemacht wird. Dies oft aus Angst, sonst nur noch Jugendliche zweiter Wahl zu kriegen. Diese Hektik kann auch kontraproduktiv sein, indem man den Jugendlichen zu wenig Zeit lässt, ihre Berufswahl seriös angehen zu können. Das Erwachen tritt dann während der Lehre ein, indem realisiert wird, dass doch der falsche Beruf gewählt oder auf den falschen Lehrbetrieb gesetzt wurde.

Beat Schuler, Leiter des Amtes für Berufsbildung des Kantons Zug

Interview: Malolo Kessler