Süsses Leistungstraining

Unser Kolumnist Gerhard Spitzer greift diesmal ein süsses, aber heisses Eisen an …

Ja, wirklich: Im Land der besten Schokoladen und Leckerlis auch noch kritische Worte zum Naschen zu verfassen, ist schon ein «heisses Eisen», will ich meinen. Aber ich hoffe dennoch, mit meinem Text den guten Geschmack vieler Schweizer Eltern zu treffen.

Süsse Auswahl
Kinder mögen Süsses! Das ist so klar wie Sauermilch und deshalb ein unter uns Erwachsenen ziemlich unumstrittenes Faktum, oder? Simples Rechen-Exempel in unserer
Überfluss-Gesellschaft: Kind = «selbstverständlicher Zuckervernichter»!

Wie tief diese Denkweise sitzt, soll eine kürzlich von mir aufgeschnappte, ziemlich repräsentative Frage verdeutlichen, die meine liebe Grosstante Heidi in Richtung unserer
zwei Familienjüngsten (7 und 9) abgelassen hat: «Na, ihr Kinder? Was möchtet ihr denn trinken? Cola, Fanta oder Sprite?»

Gehts noch, beste Tante? Woher kommt deine automatische Annahme, dass bloss eines dieser drei Chemielabor-Erzeugnisse als kindgerechte Getränke-Auswahl herhalten
könne? Was, wenn die beiden lieber dieses grausliche Gesöff namens «Wasser» trinken möchten? Das tun sie nämlich tatsächlich! Aber klar: Die zwei sind ja bloss dumme, kleine Zuckervernichter, die noch nicht wissen, dass sie gefälligst so rasch und so hart als möglich ihre Geschmacksvorliebe für Süsses trainieren sollten. Aber das wird schon noch werden! Schliesslich arbeiten ja alle im Familienumfeld ganz hart daran.

Liebesbeweise
Bei vielen Familien, die ich besuche, fühlt sich das für mich wie ein Bezugspersonen-Wettlauf an: «Hey! Seht her: Ich hab euch heute den klebrigsten aller Stoffe mitgebracht!
Deswegen bin ich heute ‹am dransten›, mit Liebgehabtwerden!»
Gott, wie süss: Liebesbonus im Schokomantel!

Wirklich Fortgeschrittene verpacken ihre Mitbringsel sogar noch in «hochwertige» Gewänder wie «Honigsüsse» oder «Blütenzucker». Dann glauben nämlich alle, dass das süsse Ausdauertraining für die Kinder jetzt viel gesünder abliefe. Guter Plan: Wenn man schon später mal zuckersüchtig werden will, dann bitte schön auf geschmeidigem «Bio-Trip»!

Meiner lieben Soft-Drink-affinen Grosstante Heidi habe ich übrigens eine neue Blickrichtung verschafft: «Wusstest du, dass in einer einzigen Dose Cola ca. 40 Gramm Zucker drin sind? Hört sich nicht nach viel an, gelle? Aber das sind nicht weniger als zehn Teelöffel reiner Industrie-Zucker, Tantchen! Was würdest du denken, wenn sich jemand vor deinen Augen in seine Tasse Kaffee zehn Teelöffel Zucker einrührte? Schwachkopf? Selbstmordkandidat? Noch Fragen, liebes Tantchen?»

Forderungen!
Heidis Frage war schliesslich eine, die wir uns alle stellen sollten: Ist Süsskram wirklich das, was Kinder von sich aus fordern, oder ist es nur das, was wir glauben, ihnen unbedingt
fortwährend anbieten zu müssen? Die berühmte Frage nach «Henne oder Ei» böte sich hier an. Wer hat mit dem Unsinn angefangen? Die Kids oder wir?

Auch Ruth F. aus Rapperswil habe ich diese Frage gestellt. Sie ist stolze Mutter von zwei Jungs (11 und 9) und einem sechsjährigen Mädchen und noch stolzere Besitzerin von zwei geräumigen Familien-Naschladen. Ihre entrüstete Antwort auf meine kritische Frage: «Meine Kinder verlangen doch den Süsskram fortwährend von mir! Was denken Sie, wie schwer es ist, mit den dreien einkaufen zu gehen?»

Ach so! Wenn Prinzesschen also zwischen den Regalen rumbrüllt: «Maaami! Guuumiibäärchen!», gibts dann sofort den verlangten Stoff? Natürlich erst nach einigem professionell-mütterlichen Zögern, versteht sich: «Na gut, mein Schatz! Weil du so brav warst!» Na, dann ist ja alles geklärt: Wenn die Kleinen das Zeug immerzu einfordern,
dann kann man wohl nichts mehr machen. Dann seien wir doch weiterhin so furchtbar nette Bezugspersonen und bieten wir das ungesunde Zeug halt weiter so vielen Kids wie nur möglich an …

Nette Bonbons
Manch einer wird meinen, dass ich ein wenig «übertreibe». Dazu mein Tipp: Beobachten Sie doch bitte eine Zeit lang sehr bewusst, wie viele Leute ihren Kindern Süssigkeiten schenken wollen. Einfach, weils doch «nett» ist! Das fängt an Bankschaltern und diversen Geschäften mit völlig unverlangten Bonbons an und hört beim Geburtstagspartykuchen für 70 Personen auf … obwohl nur sieben Kids angemeldet sind.

Daher lautet meine zweite spannende Frage für heute: Warum tun Erwachsene das eigentlich? Legen all diese netten Leute wie Mama Ruth, die Zuckerl-Geschäftsleute oder meine liebe Tante Heidi es eigentlich darauf an, ihren Kindern bewusst gesundheitlich zu schaden?

Unwissenheit? Eher nicht! Bei kaum einem Erwachsenen ist es noch nicht angekommen, dass Industriezucker, Honig & Co bei regelmässiger Verabreichung wahre Champions sind, wenn man es darauf anlegt, im restlichen Leben möglichst viele Zahnbohrungen geniessen zu wollen oder sich als Übersäuerungs-Dauerabonnent anzumelden. Jeder weiss: Zucker ist der absolute Bringer, wenn man den Lebensplan verfolgt, «in die Breite» zu gehen. Ausserdem hat kaum jemand noch Zweifel am direkten Zusammenhang zwischen zunehmendem Zuckerkonsum und der wahrlich erschreckenden Zunahme von Diabetes im Jugendalter!

Warum also trainieren wir bei all dem Wissen unseren Nachwuchs, der uns als möglichst gesunder Erwachsener nachfolgen soll, munter weiter auf den «Geschmack süss», als wäre uns das alles … na ja, sagen wir: ziemlich wurscht?

Überwindung
Zugegeben: Diesmal hab ich mal wieder schön dick aufgetragen mit meiner Gesundheitskritik. Aber ich wollte ein für allemal klarstellen, dass nicht die Kinder per se nach Süssem verlangen, sondern eher wir selbst! Deshalb geht nur ein pädagogisch wertvoller Weg so richtig gut ab: Wir Erwachsenen müssen streng zu uns selbst sein. Wir müssen unseren eigenen Zuckerkonsum einschränken, am besten weitestgehend abstellen. Wir sollten uns klarmachen, dass Zucker ein gefährlich hohes Suchtpotenzial hat. Wir müssen weg von dem Stoff! Und das geht, Leute! Ich habe schon unzählige Eltern begleiten dürfen, die sich im Nachklang nur noch wundern, wie sie früher ihren Kindern und sich selbst so viel Süsses haben vorsetzen können. Dazu braucht es Mut und Überwindung, schon klar! Aber sind unsere Kinder nicht jeden Mut und jede Überwindung wert?

Also, auf zu neuen Ufern und vielleicht neuen Geschmäckern! Da wartet noch viel Genussvolles auf Sie und Ihr Kind, weitab vom Zucker. Gehen Sie gemeinsam auf manch
eine bittere, saure, würzige oder duftende Entdeckungsreise. Sie werden es mögen!

erstellt von Gerhard Spitzer