Stillen ohne Zwang?!

Stillen ist das Beste für das Baby – das ist unbestritten! Klar, jede Mutter möchte ihr Bestes geben, doch was, wenn sie nicht stillen kann oder will oder sich dadurch gestresst fühlt oder Schmerzen dabei hat? Ist nur eine stillende Mutter eine gute Mutter? Sibylle Lüpold, erfahrene Stillberaterin, Autorin und selbst Mutter von drei Kindern, weiss Antworten.

Sibylle Lüpold, in den Industrienationen ist das Stillen längst nicht mehr die «natürlichste Sache der Welt». Warum nicht?

Oft wird davon ausgegangen, dass heutzutage weitverbreitete Herausforderungen im Leben einer Mutter wie Doppelbelastung, Erschöpfungsdepressionen, Still- und Erziehungsprobleme moderne Zeiterscheinungen sind. Stillprobleme gibt es jedoch nicht erst seit Kurzem, sondern bereits, als der zuvor als Jäger und Sammler lebende Mensch sesshaft wurde und man Mutter und Kind immer früher voneinander trennte. Soziale und kulturelle Faktoren sind hauptsächlich dafür verantwortlich, wenn das Stillen nicht klappt. Keine Frau soll sich schuldig fühlen, wenn sie nicht stillen kann oder will, denn verantwortlich dafür sind fehlende Ressourcen und ungünstige Rahmenbedingungen. Zwar ist heute die Wichtigkeit des Stillens durch zahlreiche Studien wissenschaftlich untermauert. Informationen und Beratung sind überall zugänglich – trotzdem stillen viele Frauen nach kurzer Zeit enttäuscht ab. Aus meiner Sicht hat das damit zu tun, dass viele der heutigen Mütter nicht oder wenn doch, nur ganz kurz gestillt wurden. Es kann sehr schwierig sein, etwas weiterzugeben, was man selbst nicht erfahren hat. Zudem fehlen die Vorbilder. Viele Frauen haben, wenn sie selbst Mutter werden, noch nie vorher ein gestilltes Kind gesehen. Die Fähigkeit zu stillen – und auch die Betreuung des Kindes ganz allgemein – ist nicht einfach angeboren, sie muss erlernt werden.

Wie lernen heutige Mütter zu stillen?

Es ist sinnvoll, sich bereits in der Schwangerschaft Gedanken zum Thema Stillen und Babyernährung zu machen. Nach der Geburt helfen Hebammen und Stillberaterinnen, damit das Stillen gelingen kann. Diese Fachfrauen stehen Müttern selbstverständlich auch später jederzeit zur Seite. In meinen Beratungen stelle ich fest, dass die meisten Mütter heute fachlich genügend informiert und auch sehr vom Stillen überzeugt sind. Was ihnen fehlt, sind Entspannung und der Zugang zu ihrer mütterlichen Intuition. Waren sie vor der Mutterschaft berufstätig, mussten sie aktiv sein, mit Zeit- und Leistungsdruck umgehen. Als Mutter geht es auf einmal darum, innerlich loszulassen und sich den zeitlosen Bedürfnissen des Kindes zu widmen. Viele Mütter erwarten, dass das Stillen nach wenigen Tagen problemlos klappt. In der Realität ist es aber so, dass dies oft erst nach zwei, drei Monaten der Fall ist. Es braucht Zeit und Geduld, das Kind kennenzulernen und eine erfüllte Stillbeziehung aufzubauen.

Stillen ist ja mehr als nur Nahrungsaufnahme!

Auf jeden Fall! Ein Baby will gestillt werden, nicht nur mit Muttermilch, sondern auch in emotionaler Hinsicht. Damit die Mutter mit dem Neugeborenen in Beziehung treten kann, sollte sie selbst zur Ruhe kommen. Das gelingt nicht immer. Viele Frauen stehen unglaublich unter Druck – durch hohe Anforderungen an sich selbst und die neue Mutterrolle. Sie wollen – genauso wie vorher im Beruf – alles managen: Schnell, effizient, perfekt! Doch Stillen lässt sich nicht «schnell, schnell» erledigen. Gefühle der Unsicherheit, der Langeweile, aber auch der intensiven Nähe müssen dabei ausgehalten werden, was Mütter überfordern kann. Wenn sie sich aber darauf einlassen, können sie innerlich stark wachsen und neue Seiten an sich entdecken.

Ist das Stillen als Ernährungsform für Babys wirklich der einzig richtige Weg?

Die menschliche Erfolgsgeschichte war nur dank des Stillens möglich. Bis ein brauchbarer Ersatz, die künstliche Säuglingsmilch, zur Verfügung stand, war es beinahe unmöglich, ein nicht gestilltes Kind gesund aufwachsen zu lassen. Dieser Zustand ist in Entwicklungsländern heute noch Realität. Wo kein Zugang zu sauberem Trinkwasser vorhanden ist, entscheidet Stillen nach wie vor über Leben und Tod. Aber auch in den Industrienationen ist der gesundheitliche Nutzen einer Ernährung mit Muttermilch nicht von der Hand zu weisen. Bei frühgeborenen und kranken Babys ist Muttermilch nicht nur als optimales Nahrungsmittel, sondern vor allem auch als unersetzbare Medizin zu betrachten, die die Überlebenschance des Kindes erheblich beeinflusst. Deshalb gelten die Überlegungen in meinem Buch in erster Linie für Mütter termingeborener und gesunder Säuglinge.

Müttern, die nicht stillen, wird indirekt immer noch unterstellt, sie würden ihr Kind nicht genügend lieben, da sie ihm doch die aus menschlicher und wissenschaftlicher Sicht beste Grundlage für eine gesunde Entwicklung vorenthalten.

Das stimmt. Sie müssen sich für ihre Entscheidung oft rechtfertigen. In den westlichen Gesellschaften muss eine Mutter, die ihr Baby nicht stillt, dieses deswegen nicht weggeben und auch nicht dessen Tod befürchten. Allerdings muss sie sich den eigenen und gesellschaftlichen Erwartungen stellen. Jede Mutter hat das Anrecht, idealerweise in Absprache mit dem Vater ihres Kindes, selbst zu bestimmen, ob und wie lange sie ihr Kind stillt, ohne sich einem äusseren Druck beugen zu müssen. Hier lauten die entscheidenden Fragen meiner Ansicht nach: Unter welchen Voraussetzungen sind Mütter bereit, ihr Kind zu stillen? Wie können Stillen und die Betreuung des Kindes attraktiver gemacht werden? Wie können Mütter darin unterstützt werden, in Bezug auf das Stillen eine wirklich selbstbestimmte und informierte Entscheidung zu treffen? Denn alle gut gemeinten Empfehlungen sind müssig, solange den Müttern, von denen die Erfüllung dieser Aufgabe erwartet wird, kein Verständnis entgegengebracht wird und keine optimalen Bedingungen geboten werden.

Was wären dann solche optimalen Bedingungen?

Es braucht gute Rahmenbedingungen im Spital, aber auch nachher zu Hause, die es den Müttern (aber auch den Vätern) ermöglichen, in Ruhe und mit viel Entspannung ihr Kind kennenzulernen und in die neue Rolle hineinzuwachsen. Was die Stillberatungen betrifft, braucht es eine möglichst offene Kommunikation, damit jede Mutter individuell unterstützt werden kann. Mütter, die ihre Stillhürden überwinden wollen, haben Anrecht auf eine kompetente Unterstützung. Mütter, die vom Stillen überfordert sind, haben genauso Anrecht auf eine respektvolle Begleitung beim Abstillen und beim Verarbeiten ihrer Gefühle. Trauer, Schuldgefühle und Neid werden idealerweise thematisiert, sonst können sie unterschwellig noch jahrelang an der mütterlichen Psyche nagen.

Mit welchen Stillproblemen sind Mütter heute konfrontiert?

Das ist ganz unterschiedlich. Häufig leiden Mütter unter wunden Brustwarzen oder einer ungenügenden Milchmenge. Meiner Meinung nach liegen die Ursachen der meisten Stillprobleme darin, dass Mütter nach der Geburt zu viel Stress empfinden und zu wenig von einem tragenden Umfeld umsorgt werden. Ausserdem führen feste Stillrhythmen und Trennungen sehr oft zu Schwierigkeiten.

Künstliche Säuglingsmilch wird ja heute in guter Qualität angeboten. Weshalb sollten Mütter trotzdem versuchen, ihre Kinder selbst zu stillen?

Die Qualität von künstlicher Säuglingsmilch war zwar nie so gut wie heute, trotzdem ist sie der Muttermilch weit unterlegen. Ausserdem können dank des durch das Stillen ermöglichten Körperkontaktes und der Zuwendung auch die emotionalen Bedürfnisse eines Kindes optimal erfüllt werden. Das Saugen an der Brust bietet zahlreiche Vorteile, die die Entwicklung und das Wohlergehen des Kindes fördern. Während der Schwangerschaft waren Mutter und Kind miteinander verbunden und das Kind wurde über den mütterlichen Organismus ernährt. Dieser Zustand setzt sich nach der Geburt dank des Stillens fort. Auch das Urvertrauen des Kindes wird dadurch gestärkt. Durch eine feinfühlige Betreuung und viel liebevollen Körperkontakt können Eltern die Bedürfnisse ihres Kindes auch ohne Stillen erfüllen und eine gute Beziehung aufbauen. Es kann aber sein, dass es für diese Eltern schwieriger ist.

Wie schwierig ist es für Sie als Stillberaterin, einerseits das Stillen zu fördern und andererseits niemanden unter Druck zu setzen?

Das ist eine schwierige Gratwanderungfür alle Stillfachleute. Wir bewegen uns zwischen zwei Polen: Einerseits sollen wir die Mütter tatkräftig im Stillen unterstützen, Wissen und Techniken vermitteln. Andererseits ist es wichtig, dass wir uns auch ganz stark zurücknehmen und den Müttern vertrauen, dass sie die richtigen Entscheidungen treffen. Sehr oft ist die beste Beratung, die Mutter in ihrem Tun zu stärken und ihr anzubieten, für sie da zu sein, sollte sie Hilfe brauchen. Hilfreich kann es auch sein, das Thema «Stillzwang» ganz offen anzusprechen und der Mutter Raum zu bieten, ihren möglichen Abstillwunsch zu äussern. Egal, welche Entscheidung eine Mutter trifft: Wichtig ist, dass es ihre Entscheidung ist und dass sie diese auch Jahre später noch bejahen kann.

«Babyernährung gesund und richtig»

In «Stillen ohne Zwang» legt Sibylle Lüpold die verschiedenen Einflüsse dar, die auf stillende Mütter einwirken und die Phase des Stillens zu einer glücklichen oder eben problembehafteten Zeit machen können. Die Autorin stellt das Thema in einen historischen Zusammenhang und beschreibt einleuchtend, welche Wirkung das Verhalten von Familienmitgliedern, Freunden, medizinischem Personal und der Gesellschaft als Ganzes auf stillende Mütter haben kann. Mit fundierten Argumenten wird erläutert, wie eine Frau zu einer selbstbestimmten Entscheidung gelangen kann, ob und wie lange sie ihr Kind stillen will und wie das Umfeld sie in ihrer individuellen Entscheidung unterstützen kann. «Stillen ohne Zwang», Rüffer & Rub, ISBN 978-3-907625-59-0, Fr. 29.80.

erstellt von Christina Bösiger