Prinzesschens «Andere Seite»

Unser Kolumnist, der Wiener Heilpädagoge und Erfolgsautor, Gerhard Spitzer, schaut diesmal tief in die Seele eines hochsensiblen Kindes.

Ich bin eigentlich ganz anders …
… ich komme nur so selten dazu!

Dieses grossartige Zitat von Ödön von Horvath passt so gut zu meinem heutigen Thema, dass es den Platz an der «Pole-Position» meiner Kolumne verdient hat.

Hitzkopf

Worum es geht? Um Nadja zum Beispiel: Die Achtjährige aus der «Ambassadorenstadt» Solothurn ist ein … ziemlicher Hitzkopf! Das sagt Mama Sonia jedenfalls über ihre kleine Tochter und hat mich deswegen auch geholt. Schon von draussen höre ich die kleine Prinzessin lautstarke «Rundumschläge» austeilen. Es geht dabei ganz offensichtlich um die tägliche Ufzgi und irgendwie auch um schlechte Schulzensuren. Ja, ich gebe zu: Ein kräftiges Stimmchen hat sie, die junge Dame, im praktischen Kombipack mit ein paar noch kräftigeren Ausdrücken. Aber auch Mama ist schon im lauten Wortmodus und stellt klar, dass man eben besser auf den Klassenlehrer hören solle, um die richtigen Angaben für die Schularbeiten parat zu haben. Jetzt schreit Nadja ihre Antwort lauthals heraus: «I los nid druf, was er seit. Er isch en verdammte Trottel!» Sogar mich als g’standenen Österreicher «zwickt» es ein wenig, wenn ein so junges Kind seinen Lehrer «Trottel» nennt! Freches Früchtchen, würden wir Wiener sagen. Ein Fall für nachhaltige erzieherische Massnahmen also? Mitnichten, liebe Freunde meiner Kolumne: Es kommt diesmal ganz anders …

Wunde?

Als Nadja sich beruhigt hat und mir ein zaghaft-huldvolles Grüss-Gott-Fremder-Lächeln schenkt, spüre ich etwas Berührendes: Tiefe Verletzlichkeit! Dieses Kind sieht für mein stark heilpädagogisch verformtes Auge wie eine einzige grosse Wunde aus. Irgendwie scheint das Mädchen aus tausend kleinen Blessuren zu bluten! Klar muss das sehr wehtun! Und wie reagiert ein Mensch, dem alles rundherum wehtut? Etwa höflich? Oder geduldig und nachsichtig mit sich und der Welt? Noch Fragen?

Beschwerden

Doch bevor ich mit solch einer Erkenntnis herausrücke, höre ich mir ausführlich alle Beschwerden der Eltern an. Die kommen dann auch zahlreich: Das Mädchen sei extrem schnell zornig, dabei immer laut, frech und verhielte sich gegenüber Vroni, der kleinen Schwester (6), hart und gefühlskalt. Na toll! Was für ein übervoller Beschwerdekatalog! Mein erster Satz jedoch demontiert aber dann die ganze, mühsam aufgebaute Beschwerdeführung der Eltern: «Liebe Sonia, ich glaube, dass Ihre Tochter nicht gefühlskalt, sondern ganz im Gegenteil extrem empfindsam ist!» Plötzlich sehe ich Tränen in den Augen der Mutter! Sie hat das instinktiv geahnt! Klar, was denn sonst?

Hypersensibel

Ja, ich glaube ganz fix sagen zu können, dass die kleine Nadja ein hypersensibles Kind ist! Dieses Phänomen begegnet mir übrigens in letzter Zeit immer häufiger. Das dürfte wohl eine Folge unserer extrem schnelllebigen und von Nahem betrachtet eher gefühlskalten Welt sein. Merken Sie, wie sich gerade ein Kreis zu dem vorigen Beschwerdekatalog schliesst? Die allermeisten Kinder sind nämlich voll von guten, milden Gefühlen und wollen die ganze Welt lieb haben … und lieb gehabt werden! Schade nur, dass das nicht von überallher fühlbar zurückkommt, schon gar nicht, wenn sie all die vielen Anforderungen unserer Leistungsgesellschaft erfüllen sollen und dabei nur eines empfinden: «Ich bin nie gut genug (für dich), egal, was ich mache!» Wie wehrt sich nun eine kindliche Seele gegen all die Härte, Geschwindigkeit und den nicht enden wollenden Druck? Richtig geraten, liebe aufmerksame Leser, es wird hochsensibel und reagiert in Situationen mit Spannungspotenzial dann eben wie jeder empfindsame Mensch: mit Empfindungen! So einfach und gleichzeitig «hochsensibel » ist die Lösung, die ich auch Mama Sonia anbiete.

Störsender?

«Finden wir doch heraus, was für Nadja den schlimmsten Druck ausmacht! Wo ist der Störsender in eurem System versteckt? Was bringt eine Achtjährige dazu, mit sich selbst so hart umzugehen?» Es ist ja wohl klar, dass jemand, der heftigen Zorn auslebt, sich selbst am schlechtesten behandelt, weil Wut nicht nur enorm viel Kraft kostet, sondern schlichtweg wehtut! Zornig sein ist kein Honigschlecken, Freunde! Woraus messerscharf folgt: Ein Kind, das gerade ausgiebig ausrastet, mag gerade sich selbst am allerwenigsten. So weit, so klar? Dann muss ja nur noch die Lösung her! In Nadjas Fall liegt sie auf der Hand: Schul- und Lerndruck an jedem Nachmittag! Zumeist auch an Wochenenden: «Was hast du denn für Ufzgi? Wann fängst du endlich damit an? Du darfst nicht spielen gehen, wenn du nicht …!» Jedes Kind reagiert natürlich anders auf solch einen «Dauerbrenner». Hochsensible Kinder reagieren jedoch nur auf eine Weise: hochsensibel! Das wird ihnen dann allerdings als «Fehlverhalten» ausgelegt. Klar ist so ein Verhaltensmuster nicht schön. Aber es ist auch nicht kindgerecht, jeden Tag Dauerdruck auszuüben, der erstens auch die Eltern unglaublich viel Kraft kostet und zweitens gar nicht notwendig ist, denn … … Ufzgi und schulische Leistungen sind gar nicht im Standard-Erziehungskatalog von Eltern ausgeschrieben. Will heissen: Wir sollten uns weniger um die korrekten Schulaufgaben unseres lieben Nachwuchses kümmern, sondern nach Kräften darum, dass selbstständiges Tun gefördert und ehrlich wahrgenommen wird. Im späteren Berufsleben wird ja auch kein Familienmitglied zur Stelle sein, um tägliche Arbeitsleistungen zu kontrollieren.

Druckschluss

Besonders, wenn es um «Erfüllung von Pflichten» geht, sollen Kinder sich einfach nur wohl und geborgen fühlen dürfen und schon gar nicht an Leistungsvorgaben ihrer Bezugspersonen gemessen werden. In Nadjas Fall sieht das ab jetzt so aus: Mutter Sonia drängt nicht mehr auf perfekte Schulaufgaben, bietet Nadja stattdessen an, für sie da zu sein, wenn sie eine Frage hat. Ansonsten lässt sie dem Kind ab jetzt freie Hand und träufelt ein Quäntchen Vertrauen obendrauf: «Ich freue mich, wenn du mir etwas Fertiges zeigen magst!» Auf einmal ist Schluss mit all dem vorherigen Leistungsdruck. Klar hat die pfiffige Nadja ihre Pflichten erst mal ein paar Tage schleifen lassen. Doch das hat sich in der neuen entspannten Familienstimmung ganz schnell gelegt! Als dem empfindsamen Kind dann auch noch klar geworden ist, dass Mama es wirklich ernst meint, ist die Achtjährige nicht mehr zu halten gewesen! Auf einmal ist sie für vieles selbst verantwortlich und niemand schimpft mehr mit ihr, wenn sie nicht alles ganz toll geschafft hat! Super! Das macht Laune! Zornig sein? Wozu denn noch? Danach ist noch eine wundersame Erkenntnis aufgetaucht: Schwesterchen Vroni ist immer der Liebling von Papa gewesen! Das hat der gute Mann wohl ein bisschen zu stark hervorgekehrt. Dafür haben hochsensible Kinder leider gar keine Reserven, auch «Resilienzen» genannt. Ich glaube, dass es kein schlimmeres Gefühl für ein Geschwisterkind gibt, als zu spüren, dass Schwester oder Bruder klar bevorzugt wird. Also, wenn Sie mich fragen: Ich würde auf so eine Situation in meiner Familie wohl heute noch sehr zornig reagieren. Ich selbst war – und bin noch heute – hypersensibel! Also, liebe FamilienSPICK-Gemeinde: Fahren Sie Ihre feinsten Antennen aus, finden Sie heraus, ob die «äussere Härte» Ihres Lieblings vielleicht nur Fassade ist und nehmen Sie möglichen Druck aus dem Alltag! Vielleicht wird sich dann manch ein «schlimmes Kind» bald als sensibler Sonnenschein herausstellen. Sie werden es mögen!

erstellt von Gerhard Spitzer