Nachhaltigkeit: «Beim Heizen sind wir besonders schlecht»

Umweltdebatten hier, Diskussionen rund um das Thema Naturschutz da – derzeit vergeht kaum ein Tag ohne entsprechende Schlagzeile. Auch wenn das Wissen theoretisch da wäre, setzen die wenigsten beim Thema «Nachhaltigkeit im eigenen Haushalt» bewusste Zeichen. Christoph Meili vom WWF gibt Tipps. Und räumt gleichzeitig mit häufigen Vorurteilen auf.

Gerade jetzt zur Ferienzeit ist klar: Flugreisen sind aufgrund des Klimawandels natürlich zu vermeiden. Nachhaltigkeit beginnt aber schon viel früher, nämlich zu Hause. Ist das bei den Leuten schon angekommen?
Leider nein. Teilweise sind den Leuten die natürliche Umwelt und damit unsere direkten Lebensgrundlagen schlichtweg egal. Gleichzeitig fehlt es vielen, welche über den schlechten Zustand unserer natürlichen Lebensgrund lagen besorgt sind, an konkretem Handlungswissen.

Inwiefern?
Sie stürzen sich auf oberflächlich sichtbare, scheinbar wichtige, tägliche Handlungen, indem sie beispielsweise anstelle des Lifts die Treppe benützen. Die Ersparnis dabei beträgt gerade einmal wenige Gramm CO2 pro Fahrt. Die wirklich wesentlichen Punkte, wie zum Beispiel der Ersatz einer Öl- oder Gasheizung und die Verbesserung der  Wärmedämmung, werden aber vernachlässigt. Dabei reden wir hier von einer Ersparnis von mehreren Tonnen CO2 pro Winter und Haushalt. Damit nicht genug: Häufig  belohnen sich die Menschen dann sogar noch mental mit einer Umweltsünde in einem anderen Bereich. Weil sie häufiger die Treppe benutzt haben, gönnen sie sich also ein Eis oder ein ordentliches Steak. Beides verursacht mehrere Kilogramm CO2 pro Portion.

Gibt es weitere Punkte, bei denen Verbesserungspotenzial besteht?
Beim Thema Heizen sind wir in der Schweiz besonders schlecht: in fast zwei Dritteln aller Schweizer Gebäude wird mit Öl oder Gas geheizt. In Bezug auf Heizöl belegt die Schweiz einen unrühmlichen Spitzenplatz in Europa. Ausser Luxemburg verbrauchte 2016 kein anderes Land so viel Heizöl pro Kopf. Wie bereits gesagt: Diese Heizungen stossen Unmengen an CO2 aus.

Bleiben wir beim Haus oder der Wohnung. Welche Tipps  haben Sie, damit wir möglichst nachhaltig leben?
Der wesentlichste Punkt ist der Ersatz des Heizsystems. Als Mieter geht dies jedoch nur über den Vermieter. Der WWF hat unter www.wwf.ch/heizen Informationsmaterial und einen Musterbrief vorbereitet, womit der Vermieter um eine Verbesserung gebeten werden kann. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Stromherkunft. Der Zubau von erneuerbaren Energiequellen kann gefördert werden, indem man sich dafür starkmacht – sowohl in der Gemeinde als auch im Kanton und in der nationalen Politik, beispielsweise via Initiative oder der Wahl von umweltfreundlichen Politikern. Die Eigenheimbesitzer können zudem direkt dafür sorgen, dass eines oder gar mehrere Dächer als unabhän giges Solarkraftwerk aufgewertet werden.

Damit haben Sie zwei wesentliche Punkte angesprochen. Oftmals liegt der Teufel aber auch im Detail.
Genau. Der Feinschliff ist wichtig. Setzen Sie auf stromsparende, langlebige und leicht reparierbare Haushaltsgeräte. Kaufen Sie nur noch Lieblingsteile – also Dinge wie Kleider, Möbel, Hobbyartikel –, bei welchen Sie überzeugt sind, dass Sie lange grosse Freude daran haben werden.  Befreien Sie sich von allen unnötigen oder selten gebrauchten Sachen, indem Sie diese weiterverschenken, verkaufen oder vermieten.

Auch im Bereich Ernährung besteht Verbesserungs potenzial. Zwar ist der Aufschrei gross, wenn im Februar bereits  Erdbeeren angeboten werden – gekauft werden sie dann anscheinend ja doch.
Meiner Meinung nach wird der Einfluss der Regionalität und Saisonalität auf die Umweltbelastung in der öffent lichen Wahrnehmung eher als zu wichtig angenommen. Wesentlich relevanter als die Transportdistanz sind Punkte wie die Nahrungsmittelart, also ob pflanzlicher oder tierischer Herkunft. Auch die Produktionsart hat natürlich Einfluss auf die Umweltbelastung. Stichwort Bio oder Pestizide. Und schliesslich die verwendeten Transportmittel. So ist die Ökobilanz von Bio-Bananen, welche mit dem Schiff aus Südamerika importiert wurden, oft umweltfreundlicher als beispielsweise bei Erdbeeren, welche in  einem mit Erdgas beheizten Schweizer Gewächshaus produziert wurden.

Wie sieht denn eine nachhaltige Ernährung  effektiv aus?
Eine umweltschonende Ernährung vermeidet Lebensmittelverschwendung, also Foodwaste, und beinhaltet vorwiegend biologisch produzierte, pflanzliche Nahrungsmittel. Ausserdem kommt sie mit weniger als 300 Gramm Fleisch, wenigen Milchprodukten und Eiern aus. Nachhaltigkeitsprofis setzen dabei auf eine komplett vegane Ernährung, basierend auf mehrheitlich biologisch und saisonal angebauten Produkten. Wie bei einer fleischlastigen Ernährung muss auch bei  einer rein pflanzlichen respektive veganen Ernährung  darauf geachtet werden, dass allfällige Nährstoffmängel durch eine sinnvolle Kombination an Nahrungsmitteln verhindert wird.

Die Gratwanderung, die Sie ansprechen, ist meist sehr  schmal. Muss konsequent auf alles Importierte verzichtet werden? Oder ist ein «Ab und Zu» o.k.?
Biologisch und fair produzierte Nahrungsmittel, welche auf dem See- oder Landweg zu uns kommen, sind auf jeden Fall gelegentlich o.k. Wie zuvor erwähnt, sind Faktoren wie Produktionsart und Transportmittel entscheidender als die Herkunft. So ist beispielsweise der Transport in  einem gut ausgelasteten LKW aus Spanien in die Schweiz pro  Kilogramm Orangen weniger umweltbelastend als ein  allfälliger Nachhausetransport eines einzelnen Kilogramms Orangen über einen Kilometer Distanz in einem ansonsten leeren PKW. Es ist daher auch eine absolut  unnötige Ressourcenverschwendung, wenn Leute mit dem Auto extra etliche Bauernhöfe abklappern, um möglichst frisches Obst und Gemüse zu haben. Es ist besser, dieses über effiziente Vertriebssysteme in die Läden beziehungsweise direkt zum Kunden zu bringen.

Gerade mit Kindern ist eine gesunde Ernährung wichtig. Auf was muss hier geachtet werden?
Die Weltgesundheitsorganisation gibt hierzu keine klare Empfehlung ab: Verschiedene Lebensstile und Traditionen beinhalten unterschiedliche Ernährungsformen, sowohl bei der Nahrungsmittelwahl wie auch bei der Zubereitung oder den Mengen. Wichtig erscheint mir auf jeden Fall, dass die Ernährung abwechslungsreich ist und neben den notwendigen Nährstoffen, wie Proteinen, Fetten und so weiter, auch Mineralstoffe und Vitamine liefert. Gemäss Swissveg.ch bietet eine vegane Ernährung bezüglich der Gesundheit etliche Vorteile gegenüber dem durchschnittlichen, fleischlastigen Ernährungsstil der Schweiz.  Einziger Schwachpunkt ist die Vitamin-B12-Zufuhr, welche unter Umständen mittels Nahrungsmittelzusatz beziehungsweise speziell damit angereicherten Lebensmitteln geregelt werden muss.

Nicht nur bei der Ernährung, sondern auch bei Textilien  sollten wir auf Nachhaltigkeit achten. Kinder wachsen  jedoch schnell. Es ist also nicht immer einfach, alle  Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen.
Meist gibt es in der Verwandtschaft oder Bekanntschaft andere Familien, bei welchen die Kinder erst gerade aus  einer bestimmten Kleidergrösse herausgewachsen sind. Da könnte eine Nachfrage, ob einige Kleidungsstücke vorrätig sind, bestimmt nicht schaden. Grundsätzlich ist es besser, wenn bestehende Produkte, also Kleider, möglichst lange genutzt werden können. Auch die Herstellung von quali tativ hochwertigen und umweltfreundlichen Produkten belastet die Umwelt zusätzlich. Wenn es ein Kleidungsstück heil bis in die Kleiderbörse schafft, ist dies bereits ein gutes Qualitätsmerkmal. Ich sehe deshalb keinen Grund, weshalb man ein solches Kleidungsstück aus Umweltsicht verschmähen sollte.

Gibt es denn Ausnahmen?
Ja. Eine andere Sache ist es bei benzin- oder dieselbetriebenen Geräten sowie sehr ineffizienten Elektrogeräten. Diese sollten möglichst rasch entsorgt und, falls tatsächlich notwendig, durch effiziente elektrische Geräte ersetzt werden.

Welchen Bereichen im Haushalt werden im Sinne der  Nachhaltigkeit immer noch zu wenig Beachtung geschenkt?
Das Gute liegt so nahe: Ferien zu Hause sind toll – weshalb in die Ferne schweifen? Zum Beispiel gibt es bei den meisten Schweizer Gemeinden in der Nähe wunderschöne Wälder-, Wiesen- und Gewässerlandschaften, welche es zu entdecken lohnt. Man findet diese beispielsweise unter www.schweiz-mobil.ch. Wir kaufen allgemein viel zu viel Zeugs, welches wir gar nicht wertschätzen. Hochwertige Spielsachen, beispielsweise aus Holz, erfreuen darüber  hinaus viele Generationen. Viele selten benötigte Dinge wie Sportartikel, Campingausrüstung, Werkzeug, Elektrogeräte und so weiter kann man auch gut von anderen  ausleihen oder, wenn man sie schon besitzt, an andere  aus leihen: www.sharly.ch oder www.pumpipumpe.ch helfen beim Aus- und Verleihen. Kaputte Dinge lassen sich oft mit geringem Aufwand reparieren. An sogenannten  Repair-Cafés kann man erlernen, wie dies funktioniert oder selbst Bedürftigen weiterhelfen. Es gibt dazu die  Internetseite www.repair-cafe.ch. Kann dort niemand helfen, weiss die Seite www.reparaturfuehrer.ch Rat.

Haben Sie noch weitere Tipps?
Neben der Heizung verursacht auch die Warmwasser aufbereitung grosse Umweltbelastungen. Wird das Warmwasser unabhängig von der Heizung aufbereitet, sollte auch der Boiler bezüglich Energiequelle und Energieeffizienz überprüft und gegebenenfalls ersetzt werden. Bei Reinigungsmitteln schlummern etliche Giftstoffe in unseren Schränken. Diese sollten, falls noch benötigt, durch umweltschonende Produkte ersetzt und fachgerecht entsorgt werden. Zu guter Letzt: Haben Sie im Bereich Balkon und Garten Mut zum Chaos – geben Sie der Natur etwas Freiraum zurück, lassen Sie Blumen und Rasen auch mal etwas länger stehen und lassen Sie Unterschlupfmöglichkeiten für wilde Tiere bestehen. Weitere Anregungen gibt es zum Beispiel bei www.pronatura.ch/de/naturtipps. Grundsätzlich spielt übrigens auch die Erziehung im  Bereich Nachhaltigkeit eine sehr wichtige Rolle. Sie hat  einen grossen Einfluss auf das spätere Verhalten – auch  bezüglich des Umweltschutzes.

Weitere Tipps

  • Wenn Kleider dem eigenen Kind nicht mehr  passen, hat vielleicht jemand im Verwandten- oder Bekanntenkreis Freude daran. Umgekehrt kann man auch bei Freunden und der Familie fragen, ob Babykleidung nicht mehr gebraucht wird, die man selbst benötigt.
  • Die Ökobilanz von Bio-Bananen, welche mit dem Schiff aus Südamerika importiert wurden, ist laut Christoph Meili oft umweltfreundlicher als beispielsweise bei Erdbeeren, welche in einem mit Erdgas beheizten Schweizer Gewächshaus produziert wurden.
  • Der Experte rät, kaputte Dinge selbst zu reparieren, statt sie durch neue zu ersetzen.
  • Beim Heizen hinkt die Schweiz in Sachen Nachhaltigkeit etwas hinterher. Öl- und Gasheizungen sollten laut Meili nach Möglichkeit ersetzt werden, um das Zuhause nachhaltiger mit Wärme zu versorgen. Es gelte hier, erneuerbare Energien zu fördern.

erstellt von Manuela Bruhin