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Mit dem Rollstuhl in die Berge

Das Hochgebirge, so wirkt es zumindest aus dem Tal, ist eine Welt der steilen Abhänge, der spitzen Felsen und scharfen Grate. Eine Welt für Bergbauern, Wanderer, Kletterer, Skifahrer, eine Welt für Hand und Fuss. Einerseits. Andererseits erleben auch Menschen mit körperlicher Einschränkung wie Kim Lumelius, ihr tiefsommerblaues, hochalpines Bergwunder – etwa in der Aletsch Arena, in der UNESCO Region Schweizer Alpen Jungfrau Aletsch. Die junge Frau geht sogar in die Luft – ganz ohne Rollstuhl Lutzi. Eine nie gekannte Form schwereloser Freiheit.

«Ich war eigentlich immer aufs Meer fixiert», sagt die Mannheimerin mit dem ansteckenden Lachen. Durch ihren Rollstuhl lässt sie sich nämlich nicht ausbremsen, im Gegenteil: Lutzi – Wie in «Ab geht die Lutzi», lächelt sie – ist als Gefährtin mit vier Rädern auf ihren Reisen durch die Welt immer dabei. Kirn Lumelius berichtet davon auf ihrem Blog Wheeliewanderlust, erzählt von Stränden auf griechischen Inseln und am Golf von Mexiko, von Trips nach Thailand, Mauritius, London, Paris. Immer auch, aber nicht nur, aus der Sicht eines Menschen, der seine  Beine nicht benutzen kann. Schuld ist bei ihr eine Krankheit  namens Spinale Muskelatrophie, die verursacht, dass sie ihre Muskeln immer weniger steuern kann. Da sind die Berge kein Ort für dich, hat sich Kirn Lumelius immer  gesagt.

Bis jetzt. Schon an der Talstation der Luftseilbahn zur Bettmeralp habe sie gespürt. dass es auch ganz anders sein könne, unkompliziert und ohne grosses Aufheben um ihren Rollstuhl. Dann der Aufstieg in die Höhe, ein erstes Schweben. Der Weg hinauf wird zur Zeitreise, zur Fahrt in eine entschleunigte Welt. Sie, die Weitgereiste, ist immer noch ganz fasziniert: «Dort oben scheinen die Uhren  anders zu gehen, sogar die Eier brauchen länger zum  Kochen.» Und Autos, die gibt es auch keine im Dörfchen mit den romantischen Chalets in der UNESCO-Region am Aletschgletscher. Eine ganz besondere Erfahrung für den Bergneuling: «Alle waren im gleichen Tempo unterwegs wie ich, und selbst der «Aletsch-Express», ein Elektromobil, das die beiden Orte Bettmeralp und Riederalp verbindet, konnte mich und Lutzi mitnehmen.» Zeit genug also, um sich mit den Menschen zu unterhalten, nach dem Woher und Wohin zu fragen, oder um einfach nur zu schauen, die Kulisse zu geniessen: die atemberaubende Walliser Bergwelt mit ihren gewaltigen 4000ern, an denen auf der anderen Seite des Tals die Sommerwolken entlangsegeln.

Eine Aussicht, fast schon wie am Gleitschirm. Kirn Lumelius aber rollstuhlschlendert erst einmal über die barrierefreien Wanderwege der Bettmeralp. Höhenluft schnuppern, zwischen Alpen und Seen dem Wind hinterherlauschen, den Himmel spüren und vielleicht auch mal den Job vergessen – als Beamtin im Ministerium für  Bildung von Rheinland-Pfalz. Ganz Reisebloggerin, empfiehlt sie das «Bootshüsi» für eine Pause am Bettmersee, in dem sich bergromantisch die gegenüberliegenden Gipfel spiegeln. «Berge und Rollstühle passen eben doch zusammen», lacht sie ihr fröhliches Lachen. «Es braucht nur die richtige Infrastruktur.»

Die hat auch die Gondelbahn zum Bettmerhorn: Rampe raus, Lutzi drauf und schon geht es hinauf auf fast 2650 Meter. Hier beweist die Aletsch Arena ihren Sinn für  Dramatik: «Wir hatten eine Nebelwand mit hinaufgebracht – nichts war zu sehen, rein gar nichts.» Eine Stunde bleibt es grau in grau, undurchdringlich, dann hebt sich der Vorhang. «Es war atemberaubend!» Sie schwärmt: «Auf einem bequemen Holzweg geht es hinaus zum Aussichtspunkt. Und dann liegt da dieser riesige Eisstrom, der längste der Alpen, der Aletschgletscher. Der Blick ist  sensationell – so nah bin ich einem Gletscher noch nie  gekommen ... ». Als dann noch eine Ziegenherde durch die Steinwüste streift und sie – wie sie auf ihrem Blog  beschreibt  – einen Glücksstein deponiert, ist das Berg erleb nis komplett.

Zeit, um den Traum vom Gleitschirmfliegen wahrzumachen. Es geht hinüber nach Fiesch, doch auf dem Weg dorthin wartet noch etwas, was Kirn Lumelius noch nie gemacht hat: Sie wird auf Bäume klettern. «Ich war schon immer gerne im Wald, aber dass ich mich mal in der Höhe von Stamm zu Stamm schwingen würde, hätte ich auch nicht gedacht.» Möglich ist das dank einer cleveren Seilzugkonstruktion, die den Swiss Seilpark Fiesch auch für Menschen mit Einschränkungen zum Abenteuerspielplatz macht. «Eine lustige Idee», sagt Kirn Lumelius und ist  begeistert, was man «als Rolli doch für coole Sachen  machen kann».

Und so gehts auch gleich weiter, hinauf zum Startplatz der Gleitschirmflieger der Flugschule Flug Taxi auf der Fiescheralp. Eine Eigenkonstruktion aus Leichtmetall  erlaubt es Menschen, die keine Kraft in den Beinen haben, als Passagier in die Luft gehen zu können. Aufgeregt sei sie dann schon ein bisschen gewesen: « Drei Stunden mussten wir warten, bis sich der Nebel verzogen hatte!»

Und dann ... ist das Aufregendste schnell vorbei. Der Start, das Rollen über den sanften Hang, das Abheben. «In dem Moment, als wir in der Luft waren, war ich völlig entspannt.» Alle Gedanken der letzten Stunden an das, was schiefgehen könnte, sind weg. Wie die Sprache: «Mir fehlten die Worte. Das Gleiten durch die Luft, der Blick auf die winzigen Orte im Tal, die Aussicht über die Berge – es war einfach unglaublich.» Das alles hat Kirn Lumelius  grosse Lust auf die Bergwelt gemacht.

Irgendwann will sie auch im Winter in die Aletsch Arena kommen, denn auch da gibt sich die Region barrierefrei. Vielleicht zieht sie dann sogar Spuren durch den Schnee? Dank eines Dualskis, eines auf zwei Skiern montierten Sitzes und speziell geschulten Lehrern, können sich hier oben nämlich auch Rollstuhlfahrer auf den Pisten tummeln. Noch aber erlebt sie gerade eine andere Art von Frei heit, zirkelt mit dem Gleitschirm durch die Thermik des  Sommerhimmels, während tief unten ein alter Bekannter auftaucht: der eisige Gigant, der Aletschgletscher. Ihr Flug? War für sie wie «in Wolken baden». So fühlt es sich wohl an, wenn die Fesseln am Boden bleiben: Schwerelos, ein Traum von Freiheit.

www.aletscharena.ch/barrierefrei