Mehr Testosteron im Lehrerzimmer?

An Primarschulen sind männliche Lehrpersonen klar in der Minderheit. Als Folge davon fehlen den Kindern und Jugendlichen Männer(vor)bilder im Unterricht. Wie wirkt sich der sinkende Lehrer anteil an Schulen auf die Entwicklung und Schulleistungen der Kinder aus?

FamilienSPICK

Je männlicher und strenger, umso besser. Der Sohn von Andrea Aeschlimann, Präsidentin von Schule und Elternhaus Sektion Bern, bevorzugte stets männliche Lehrpersonen. «Besonders in der Oberstufe reagierten er und seine Klassenkameraden sehr positiv auf Lehrer. Sie schätzten es, wenn er eine strenge Linie hatte.» Bei Lehrerinnen hingegen, vor allem bei älteren, bekundete der Junge laut Andrea Aeschlimann eher Mühe. Die Disziplin im Unterricht litt darunter, aber auch die Schulleistungen generell. «Ich stellte immer wieder fest, wie die Jungs besser auf männliche Lehrpersonen ansprechen und sich an ihnen orientieren. Sobald der Unterricht zu weiblich oder zu wenig streng geführt wird, leiden darunter die Klassendynamik und die Schulleistungen.» Anders war es bei den beiden Töchtern der Sektionspräsidentin: Ob männlich oder weiblich spielte bei ihnen weniger eine Rolle. Doch wenn weiblich, dann lieber eine jüngere Lehrperson mit modernen Ansichten und Lernmethoden.

Nicht immer eine Frauendomäne

An vielen Schulen sind die männlichen Lehrpersonen heute klar in der Minderheit. Doch das war nicht immer so: Der Lehrberuf wird erst seit wenigen Jahrzehnten mehr heitlich durch Frauen ausgeübt. Bis Ende des 19. Jahrhunderts galt er als klassische Männerdomäne. Mit der faktischen Durchsetzung der Schulpf licht für alle bis 1880 kam es zu einem verstärkten Bedarf an weiblichen Lehrkräften. «Von einer quantitativen ‹Feminisierung› des Lehrberufs aller Schulstufen, vor allem aber des Grundschulbereichs, kann seit den 60er-Jahren gesprochen werden, als an den Lehrerseminaren unter den Studierenden Frauen erstmals eine Zweidrittel-Mehrheit erreichten», berichtet Christa Kappler, Dozentin an der Pädagogischen Hochschule Zürich und Autorin der Studie zur Bedeutung von Geschlecht bei der Berufswahl von angehenden Lehrern. Mittlerweile sind die Männeranteile auf der Kindergartenund Primarschulebene zwar von 11,6 Prozent im Schuljahr 2010/2011 auf 14,1 Prozent im Schuljahr 2015/2016 angestiegen. «Dies könnte mit der Einrichtung von Quereinstieg- Studiengängen zu tun haben, wo die Männeranteile in der Regel etwas höher sind als in den Regulärstudiengängen », vermutet Christa Kappler.

Nachteile für die Jungs?

Die Debatte rund um die «Feminisierung» der Schule rückte durch die PISA 2000-Ergebnisse, die in fast allen Ländern die durchschnittlich schlechteren Leseleistungen von Jungen aufwiesen, ins öffentliche Bewusstsein. Mit ihren unter dem Titel «Bringing boys back in» präsentierten Auswertungen amtlicher Schulstatistiken zu Sekundarschulabschlüssen lieferte das Autorenteam Diefenbach und Klein 2002 weitere Belege dafür, dass Jungen im deutschsprachigen Bildungssystem offenbar Nachteile haben. Gemäss Christa Kappler fallen die geschlechtsspezifischen Leistungsdifferenzen zwischen Schülerinnen und Schülern sehr gering aus. «Erst ab der Sekundarstufe I zeigen sich ein paar Unterschiede: Mädchen waren etwas vorne in Sprachen, Jungs in mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern. Jedoch sind auch die Überlappungen ihrer schulischen Leistungen weiterhin gross.» In einer Berner Studie 2011 wurden fast 900 Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I untersucht. Hier zeigte sich, dass die Mädchen sowohl bei Lehrerinnen als auch bei Lehrern im Schnitt 0,2 Notenpunkte bessere Leistungen aufwiesen als die Jungen. In Französisch und Musik haben die Schüler zwar schlechtere Noten bei Lehrerinnen – der gleiche Effekt findet sich gemäss der Studie jedoch auch für Mädchen. In Englisch und Mathematik haben Jungen sogar bessere Noten im Durchschnitt bei Lehrerinnen als bei Lehrern. «Es gibt keine Anzeichen dafür, dass sich Schüler von Lehrerinnen stärker diskriminiert fühlen. Sie nehmen generell ein grösseres Ausmass an Diskriminierung wahr, dies aber gleichermassen durch Lehrer und Lehrerinnen», ergänzt die Hochschuldozentin.

Nicht besser, aber anders

Es gebe keine Hinweise darauf, dass Männer bessere Lehrer sind als Frauen, betont Christa Kappler. Männliche Lehrpersonen vertreten gemäss einer Metastudie von 2008 eindeutiger die offiziellen schulischen Anforderungen und Strukturen. Sie betonen stärker die Leistungs- und Konkurrenzorientierung. Damit sei eine gewisse Distanz zu den Schülerinnen und Schülern verbunden. Lehrerinnen indes betonten stärker die beziehungsorientierte Ausgestaltung des Unterrichts und das persönliche Engagement. Wichtig sei jedoch, betont Christa Kappler, dass Jungen und Mädchen verschiedene Facetten von Erwachsenen miterleben, sprich, sowohl Männer als auch Frauen in verschiedenen Rollen sehen. «Kinder sollen miterleben, dass sowohl Frauen als auch Männer lustig, streng, empathisch, begeistert usw. sein können.» Für Bruno Rupp, Primarlehrer,Schulleiter und Geschäftsleitungsmitglied im Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) geht es nicht um die Schulleistungen, sondern vor allem um gesellschaftliche Aspekte und Rollenbilder. «Die Vielfalt im Lehrer- und Lehrerinnenteam in Bezug auf Geschlecht und Geschlechterrollen nimmt ab. Die Schule ist dadurch nicht mehr ein Abbild der gesellschaftlichen Realität. Vielen Schülerinnen und Schülern fehlen realistische Männervorbilder. Dies hat negative Auswirkungen auf die Berufsorientierung.» Demnach interessierten sich immer weniger Männer für einen Beruf, der sich tendenziell zum Frauenberuf entwickelt.

Zu wenig lebhafte Männervorbilder im Alltag

Diese Entwicklung ist aus der Sicht von Beat Ramseier, Leiter der Koordinationsstelle Verein «Männer an die Primarschule» (MaP) sowie Geschäftsleiter der Fachstelle JUMPPS für Jungen- und Mädchenpädagogik, problematisch: «Die Kinder lernen, dass der Lehrberuf ‹weiblich› ist, wenn sie an der Primarschule kaum je einem Mann begegnen. Das erhöht die Gefahr, dass sich die Jungs und Männer noch weiter aus der Schule zurückziehen.» Erleben Buben zu wenig lebhafte Männervorbilder im Alltag, suchen sie ihre Vorbilder möglicherweise in den medialen Fantasiewelten von Superhelden, Film-, Youtube- und Musikstars oder Sportidolen, die sie – so Beat Ramseier – kaum auf das Realleben vorbereiten. Deshalb setzt sich der Verein dafür ein, dass mehr Männer in den Lehrberuf finden. Claudio Tamó, Lehrer und Schulleiter in Zürich Auzelg, würde einen erhöhten Männeranteil an seiner Schule begrüssen. Derzeit machen im Schulhaus Zürich Auzelg die männlichen Lehrpersonen weniger als zehn Prozent des gesamten Lehrerkollegiums aus. «Es braucht Männer als Vorbilder in der Schule, besonders deshalb, weil viele Väter zu Hause schon nicht so stark präsent sind. Unterschiede in der Unterrichtsmethode stelle ich hingegen keine fest.»

 

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