Mehr (Eltern-)Engagement bitte!

Engagieren Sie sich in der Schul- und Bildungspolitik oder als Mitglied eines Elternrates? Eltern können einen wertvollen Beitrag für die Schule, deren Umfeld und die Bildung im Allgemeinen leisten. Nur leider hält sich das Interesse der Eltern meist in Grenzen.

Andrea Aeschlimann ist Mutter von drei Kindern, die zum Teil bereits erwachsen sind. Durch den Umzug von der Stadt Bern aufs Land und einige Jahre später wieder zurück in die Bundeshauptstadt hat sie drei verschiedene Schulen und Schulsysteme erlebt. Unterschiedlich waren in den drei Schulen auch die Rollen der Eltern. «Während in der Stadt Bern Elternräte seit Jahren aktiv sind, kennt man auf dem Land diese Gremien oftmals nicht, weil sich Eltern und Lehrpersonen aufgrund der räumlichen Nähe eh jeden Tag sehen», erzählt die Präsidentin von Schule und Elternhaus Kanton Bern, wo sämtliche Elternräte zusammengeschlossen sind. Manches haben die Elternräte schon bewirken können, berichtet Andrea Aeschlimann stolz. «Wenn man will, kann man als Elternrat einiges bewirken und durchsetzen. Die Elternstimme wird auch bei politischen Prozessen beachtet. Doch fehlt es oft an der Bereitschaft der Eltern, mitzumachen.» Sicher sei es auch eine Frage der persönlichen Kapazitäten. Gerade bei komplexeren Themen gelte es, sich mit der Materie vertieft auseinanderzusetzen. Am Interesse von anderen Institutionen und Hochschulen für gemeinsame Projekte mangle es jedenfalls nicht. «Uns fehlen die Kapazitäten, um an solchen Projekten mitzumachen.»

S&E-Präsident in der Schulpflege

Als Präsident von Schule und Elternhaus Schweiz (S&E) engagiert sich auch  Weber in der lokalen Schulpolitik. Seit zehn Jahren ist er Mitglied der Schulkommission Unterägeri, wo er als Vertreter der Regionalsektion S&E Ägerital eingesetzt wurde. Dass ein Vertreter von S&E explizit in ein Schulgremium bestellt wird, sei ein Spezialfall. «S&E ist im Kanton Zug sehr aktiv und geniesst hier vermutlich aus diesem Grund einen besonderen Status», erklärt René Weber, der sich schon seit Längerem für Elternthemen auf lokaler, kantonaler wie auch nationaler Ebene engagiert. Wie wohl manch andere Schulpflege oder Schulkommission beschäftigt sich die Schulkommission von Unterägeri derzeit mit der Schulraumproblematik: Aufgrund der schwankenden Schülerzahlen sei es immer wieder eine Herausforderung, genügend Schulräume bereitzustellen.

Wertschätzung

«Es ist wichtig, dass wir uns als Eltern mit unseren Erfahrungen in die Schulpolitik einbringen und den Schulbetrieb von einer anderen Seite kennenlernen», findet René Weber. Das Engagement der Eltern an der Schule sei gleichzeitig auch eine Wertschätzung gegenüber den Lehrpersonen und der Schulleitung. Weiter fördere ein Amt beispielsweise in der Schulpflege den Kontakt zu den Lehrpersonen und Vertretern der Schulleitung. «Das sind Kontakte, die sonst nur sehr punktuell stattfinden. Ebenso die Möglichkeit, die eigene Meinung zu äussern und Vorschläge einzubringen», sagt René Weber und plädiert für die obligatorische Einführung von Elternräten an allen Schulen. S&E betreut im Kanton Zug 15 Elternforen, die zum Teil dank der Initiative von S&E entstanden sind. Wie sich solche Gremien entwickeln, hängt allerdings stark vom Interesse und Engagement der beteiligten Eltern ab. «Meiner Ansicht nach haben solche Elternräte auf Dauer nur eine Überlebenschance, wenn sie gesetzlich vorgeschrieben sind», betont René Weber. Trotzdem könnten die Elternräte vereinsmässig organisiert sein. Als mögliche Projekte und Themen eines Elternrates nennt der S&E-Präsident zum Beispiel einen Workshop über Kommunikationsmittel, die Durchführung von Elternveranstaltungen oder den Einbezug der Elterngruppe bei der schulinternen Ferienplanung.

Elternräte als Pflicht

Im Kanton Zürich beispielsweise schreibt das neue Volksschulgesetz eine institutionalisierte, allgemeine Elternmitwirkung an der Volksschule vor. Seit Schulbeginn 2009/2010 gibt es an jeder Volksschule ein Elternmitwirkungs-Gremium. Die Mitarbeit im Elterngremium ist für die Eltern freiwillig und unentgeltlich. Die institutionalisierte Elternmitwirkung will die Eltern einer Schule vermehrt zu Beteiligten machen. Sie sollen in der Schule, die ihr Kind besucht, mitsprechen und mitwirken können. Neben der Schule übernimmt auch die Elternschaft als Gruppe Verantwortung für die Schulgemeinschaft. Ein wichtiges Anliegen der Elternmitwirkung ist der regelmässige und institutionalisierte Austausch von Informationen und Gedanken. In welchen Bereichen die Elterngremien die professionelle Arbeit der Schule unterstützen, hängt von den Interessen und Möglichkeiten der Eltern ab. Ausgenommen sind Themen wie methodisch-didaktische und personelle Entscheidungen, Lehrmittel, Stundenpläne, Mitarbeiterbeurteilung und Schulaufsicht. Hingegen eignet sich die partnerschaftliche Zusammenarbeit beispielsweise für die Schulwegsicherung, die Gesundheitsförderung, Berufswahl, Elternbildung, Integration fremdsprachiger Familien, Schulveranstaltungen und Projekte, die Schulhausentwicklung oder die Qualitätsentwicklung der Schule.

Bindeglied zwischen Eltern und Schule

Mit Themen rund um Schulpolitik beschäftigt sich seit sieben Jahren Sonja Schumacher. Sie ist Präsidentin der Schulpflege in Doppleschwand LU sowie des Verbandes der Schulpflegen und Bildungskommissionen Kanton Luzern (VSBL). «Ich habe mich für diese Ämter entschieden, weil damals meine Kinder in die Primarschule gingen und ich etwas zum Wohl der Schule beitragen sowie über den Schulbetrieb Bescheid wissen wollte.» Die Schulpflege setzt sich derzeit mit der Umsetzung des Lehrplans 21 auseinander. Der VSBL kämpft derzeit gegen die Pläne des Kantons, die Weiterbildungsbeiträge für Musikschulen an Gemeinden zu halbieren. «Normalerweise mischen wir uns politisch nicht ein. Doch von diesen Sparabsichten sind die Gemeinden und Eltern direkt betroffen», begründet Sonja Schumacher. Von der Notwendigkeit der elterlichen Mitwirkung in schulpolitischen Belangen ist die VSBL-Präsidentin überzeugt: «Eltern sind breit abgestützt und – im Gegensatz zu Gemeindebehörden – meist nicht so stark finanzorientiert. Die Schule steht für sie im Vordergrund. Ausserdem geniessen sie als Bindeglied zwischen Eltern und Schule bei der Bevölkerung eine hohe Akzeptanz.» Egal, welches Schulführungsmodell praktiziert werde, sei es wichtig, dass die Eltern nicht Eigeninteressen vertreten. Zudem müssten die Rolle der Schulleitungen, Schulbehörde und Eltern klar definiert sein.

Mangelndes Interesse der Eltern?

Auch René Weber ist vom Nutzen der Elternmitwirkung überzeugt und spricht von einem «Fieber, das einen plötzlich packt», wenn man gemeinsam etwas bewegen kann. Leider sei es nicht immer einfach, genügend Eltern für die Elternmitwirkung an Schulen zu begeistern und zu gewinnen. Neben der mangelnden Zeit ausserhalb des Berufes nennt René Weber die Verfügbarkeit der Eltern während des Tages als grosse Hürde, um sich schulpolitisch zu engagieren. Denn manche Aufgaben und Kontakte müssen tagsüber erledigt und gepflegt werden. Sonja Schumacher beobachtet, dass jene Gemeinden, wo es an den Schulen gut läuft, weniger Mühe haben, Mitglieder für die Schulpflege zu finden als an anderen Orten, wo die Schule mit Problemen kämpft. In mittleren und grösseren Gemeinden spielen zudem die Parteien bei der Besetzung der Schulpflege nach wie vor eine wichtige Rolle. In kleineren Gemeinden engagieren sich mehrheitlich Parteilose für die politischen Ämter, wie eine Studie des Soziologischen Instituts der Universität Zürich zeigt. «Eltern sind auf der politischen Ebene meist nicht oder zu wenig organisiert. Ausserdem steht nicht selten in erster Linie das Eigenwohl ihres Kindes im Zentrum», sagt René Weber.

Schule und Elternhaus Schweiz national engagiert

Deshalb habe es sich Schule und Elternhaus Schweiz zur Aufgabe gemacht, als nationale Elternorganisation aufzutreten und die Schul- und Elternthemen in einem grösseren Zusammenhang zu reflektieren. S&E wird bei allen kantonalen und nationalen Vernehmlassungen in Zusammenhang mit Bildung und Familie miteinbezogen und angehört – so etwa beim geplanten Sparpaket im Kanton Zug, wo sich S&E Kanton Zug, zusammen mit andern Institutionen, erfolgreich gegen die Sparmassnahmen starkgemacht hatte. Im Auftrag des Kantons Zug führte S&E zusammen mit der Pädagogischen Hochschule Zug eine Elternumfrage durch, um zu erfahren, wie zufrieden die Eltern mit der Schule sind und was sie bewegt. Die Umfrage wurde in 14 Sprachen übersetzt.

Übergeordnete Elternsicht

Wie denken die Schulleitungen über das Engagement von Eltern in der Schulpolitik und im Schulbetrieb? «Ich erachte die Mitwirkung der Eltern in der Schul- und Bildungspolitik als sehr wichtig und unabdingbar», sagt Bernard Gertsch, Präsident des Verbandes Schulleiterinnen und Schulleiter Schweiz (VSLCH). Wesentlich dabei sei, dass die Eltern eine übergeordnete Elternsicht einbringen und nicht nur ihre eigenen Kinder als Referenz haben. «Als Schulleitende wünschen wir uns eine partnerschaftliche und wertschätzende Zusammenarbeit», ergänzt Bernard Gertsch. Eltern, Lehrpersonen und Schulleitende wollen in der Regel nur das Beste für die Kinder. Je nach Standpunkt könne dieses «Beste» aber widersprüchlich sein. Deshalb brauche es gegenseitige Toleranz und Akzeptanz. «Es ist besonders wichtig, dass die Zuständigkeiten klar geregelt sind und eingehalten werden», so Bernard Gertsch. Einen wertvollen Beitrag können Eltern etwa bei der Bereitstellung und Unterhaltung von IT-Infrastruktur, bei der aktiven Netzwerkarbeit in den jeweiligen Bildungslandschaften oder als beratende Organe übergeordneter Instanzen wie Schulbehörde, Bildungsräte, Parlament usw. einen wichtigen Beitrag für das gesamte Schulsystem leisten. «Wenn die Aufgaben und Rollen der Eltern klar definiert sind, finden sich leichter Eltern, die in der Schul- und Bildungspolitik mitwirken», ist Bernard Gertsch überzeugt. ++

S+E-Präsident René Weber engagiert sich auch in der lokalen Schulpolitik.

Linktipp:

www.vslch.ch (Verband Schulleiterinnen und Schulleiter Schweiz)

Schule und Elternhaus Schweiz (S&E)

Elternratgeber «Aufbau einer Elterngruppe»

Ein Leitfaden für Eltern, die sich zusammen für eine gute Schule engagieren wollen, ist kostenlos als PDF erhältlich bei S&E Schweiz:

infoschule-elternhaus.REMOVE-THIS.ch, www.schule-elternhaus.ch

Als Elternorganisation der deutschsprachigen Schweiz vertritt Schule und Elternhaus Schweiz (S&E) auf nationaler Ebene die Anliegen der Eltern zu Themen rund um die Schule – und dies seit über 60 Jahren. S&E Schweiz fördert zusammen mit den kantonalen, regionalen und lokalen Sektionen die partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen Schule, Behörden und Eltern. S&E ist Patronatgeber des Berufswahl-Portfolios.

erstellt von Fabrice Müller, Redaktor Schule und Elternhaus Schweiz (S&E)