Mamas neuer Freund ist blöd

Stieffamilien können funktionieren. Manchmal braucht es eine gewisse Zeit, bis sich alle an die neue Situation gewöhnt haben. Manchmal hilft alles nichts. Aber dann arbeitet die Zeit für uns.

«Setz dich bitte hin, wir wollen essen.» «Du hast mir nichts zu sagen, du bist nicht mein richtiger Vater!» Wer in einer sogenannten Patchworkfamilie lebt, kennt diese Situation nur allzu gut. Studien zufolge wird nur etwa jede dritte Stiefmutter und jeder zweite Stiefvater von den Kindern akzeptiert. Und selbst erwachsene Kinder betrachten die neue Partnerschaft eines Elternteils oftmals als Verrat.
Im Forum der Dating-Plattform elitepartner.ch tauschen sich unzählige verzweifelte Singles über dieses Phänomen
aus. Eine Userin erzählt, ihr neuer Freund habe ihren Namen weder vor seiner Exfrau noch vor seinen erwachsenen Kindern erwähnen dürfen. Die Situation sei für beide zu viel gewesen und sie hätten sich trotz ihrer Gefühle füreinander getrennt. Eine andere Frau schreibt, ihre Mutter habe sich in einen Witwer verliebt, dessen 30- bis 45-jährige Töchter kein Verständnis für die neue Beziehung zeigten. Aufgrund des beträchtlichen Erbes, wie die Frau vermutet.

Allen genügend Zeit lassen

Sind die Kinder erwachsen, können sich die Eltern sicherlich über sie hinwegsetzen. Schliesslich wohnen Erwachsene in den allermeisten Fällen nicht mehr bei ihren Eltern. Sie führen stattdessen ihr eigenes Leben und die neue Partnerschaft ihrer Eltern wirkt sich nicht direkt auf ihren Alltag aus. Doch lehnen Kinder oder Jugendliche die neue Beziehung eines Elternteils ab, strapaziert diese Situation die Nerven aller Beteiligten. Leibliche Eltern, Stiefeltern und Kinder leiden unter der Patchwork-Konstellation.
Selbstverständlich können Vater oder Mutter und Partner oder Partnerin einiges tun, damit die Stieffamilie eine Chance hat. Wichtig sind Zeit, Geduld, Einfühlungsvermögen und Verständnis seitens der Erwachsenen, wie Familientherapeut Jürgen Feigel im Interview mit dem «Beobachter» erklärt. Der neue Partner solle langsam in das Leben des Kindes integriert werden. Und auch für alle anderen sei es von Vorteil, nichts zu überstürzen, glaubt Diplompsychologe Thorsten Spreckelsen. «Jeder in der Patchworkfamilie braucht Zeit, um die neue Situation zu verarbeiten und zu verstehen», sagt der Familienexperte gegenüber der Nachrichtenagentur DDP.

Nicht zu viel erwarten

Familien, in denen nicht alle miteinander verwandt sind, benötigen Schätzungen zufolge rund fünf Jahre, um zusammenzuwachsen. Das schreibt zumindest das Online-Portal hallofamilie.de in einem Bericht über Probleme und Regeln in Patchwork-Konstellationen. Frischverliebte Eltern und ihre neuen Partner brauchen also vor allem eines: viel Geduld. Doch was, wenn das nicht reicht? Manche Kinder lehnen den neuen Partner oder die neue Partnerin eines Elternteils kategorisch ab. Trotz jahrelangen Bemühens seitens der Erwachsenen.
2011 brachte die Autorin Melanie Mühl ihr Buch «Die Patchwork-Lüge» heraus. Darin kritisiert sie, wie die heuti-ge Gesellschaft Patchworkfamilien als positive Alternative darstellt. Dabei seien sie schwierig und anstrengend und bestimmt nicht die erste Wahl, sondern eine Notlösung mit potenziell katastrophalen Auswirkungen. Ein Jahr später veröffentlichte Elisabeth Niejahr ihr Buch «Alles auf Anfang – die Wahrheit über Patchwork». Darin porträtiert die Autorin die unterschiedlichsten Patchwork-Konstellationen. Ohne zu beschönigen, aber mit einem wesentlich positiveren Grundton als Mühl. Die Botschaft? Es kann funktionieren. Es muss nicht, aber es kann.

In kleinen Schritten vorgehen

Der FamilienSPICK hat bei der Fachstelle für Beziehungsfragen des Kantons Bern nachgefragt, was Eltern ausser zu warten und zu hoffen noch versuchen können. Und ob sie die neue Beziehung abbrechen sollen, wenn alles nichts nützt. Auch bei der Fachstelle heisst es, Eltern müssten mit dem Kind reden, nach Lösungen suchen, Geduld haben und in kleinen Schritten vorgehen. «Etwa gemeinsam mit der neuen Partnerin oder dem neuen Partner auf den Spielplatz gehen statt sofort ein ganzes Wochenende zu verbringen», schlägt der Therapeut Andreas Widmer vor. «Manchmal sind es Verlustängste, die ein Kind haben kann, manchmal ist es auch der ungünstige Einfluss eines verlassenen Elternteils, der das Kind zu einer ablehnenden Haltung bringt.» Der Experte findet nicht, dass Paare generell ihre Beziehung beenden sollten, nur weil sie dem Kind des einen Partners missfällt. Die Zeit heilt bekanntlich alle Wunden. Und selbst wenn ein Kind nie lernt, die neue Beziehung zu akzeptieren – auch die Kindheit dauert nicht ewig.