Kann man Kinder zum Erfolg «befördern?»

Nie zuvor in der Geschichte wurden Kinder so intensiv und aktiv gefördert wie heute, zumindest in unseren Breitengraden. Die Meinungen darüber, ob das sinnvoll, nötig oder gar schädlich ist, gehen weit auseinander. Das liegt auch daran, dass nicht jeder und jede unter dem Begriff Förderung dasselbe versteht. Zwischen Chinesisch-Unterricht mit vier Jahren und einem völligen Verzicht auf individuelle Förderung neben der Schule gibt es viel Raum. Der kann durchaus genutzt werden für Massnahmen, die das Kind wirklich aufs Leben vorbereiten.

Die meisten dürften sich an die hitzige Debatte über das Obligatorium für Hundehalter erinnern, einen Hundehalterkurs zu besuchen. Eines der am häufigsten verwendeten Argumente gegen eine solche Pflicht lautete: Warum sollte es für das Halten eines Hundes vorgeschrieben sein, sich schulen zu lassen, während hierzulande jeder Kinder haben kann, ob er dazu befähigt ist oder nicht? Nun ist der Vergleich zwischen einem Kind und einem Hund vielleicht nicht gerade schmeichelhaft, doch das Argument ist eingängig. Eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt, die Betreuung und Erziehung eines Kindes im eigenen Haus, ist keinerlei Vorgaben unterworfen. Erst wenn es aus dem Ruder läuft, können Behörden handeln. Solange Kinder nicht verwahrlost sind oder straffällig werden, können Eltern ihre ganz eigene Philosophie an ihrem Nachwuchs verwirklichen. Mit der Konsequenz, dass – mal unabhängig von genetischen Vorbedingungen – nicht alle Kinder gleich gut befähigt sind, durchs Leben zu gehen.

Fertigkeiten vor der Schule?

Während in Ländern, in denen eine Mehrheit der Menschen existenzielle Probleme zu bewältigen hat, eine Förderung über die staatlich vorgegebenen Instrumente wie Kindergarten oder Schule hinaus völlig illusorisch wäre, gibt es bei uns viele Eltern, welche die Möglichkeit haben, mehr für ihre Sprösslinge zu tun. Aus der Angst heraus, die Kinder könnten es später schwer haben, entsteht in diesen Fällen oft ein übertriebener Aktivismus. Englisch ist die Weltsprache, also muss das Kind diese beherrschen, je früher, desto besser. Vielleicht mausert sich China aber in wenigen Jahren zur absolut vorherrschenden Wirtschaftsmacht, also wäre Chinesisch auch ein «Must». Ein gesunder Geist lebt bekanntlich in einem gesunden Körper, deshalb gehört es auch dazu, die Muskeln zu stählen. Und wer später erfolgreich sein will im Geschäftsleben, sollte Umgangsformen kennen. Das alles zusammen ergibt eine Seminarreihe an Fertigkeiten, die idealerweise noch vor Schuleintritt erworben werden sollten. Ein ehrgeiziger Plan.

Das Ergebnis ist bekannt: Kleinkinder, deren Terminkalender aussehen wie der eines Privatbankchefs. Dass das in der Summe nicht gesund sein kann und vor allem jeden Raum für natürliche und wichtige Aktivitäten wie Spielen und Entdecken wegnimmt, scheint klar. Allerdings ist uns Erwachsenen das Gesetz des Marktes bekannt: Es herrscht Wettbewerb, und am Ende steht der Bessere oben auf dem Treppchen. Dass vor allem diejenigen, die genügend Geld haben, um da mitzumischen, ihren Kindern bessere Karten mit auf den Weg geben wollen, scheint nachvollziehbar. Allerdings befeuern sie damit einen Wettlauf, bei dem zwangsläufig diejenigen schlechter abschneiden, welche die finanziellen oder zeitlichen Möglichkeiten für ein solches Förder-Wettrüsten gar nicht haben. Das wiederum bringt uns dann wieder auf den Hund-Kind-Vergleich zurück: Müsste allenfalls ein Basis-Förderpaket staatlich vorgeschrieben und allenfalls sogar staatlich unterstützt sein? Oder nimmt nicht gerade die obligatorische Schulzeit diese Rolle ein? Und tut sie das ausreichend?

Familienbesucher

Das Problem dürfte sein, dass man bei uns beim Stichwort Förderung meist an exotische Nischenprogramme denkt, vom Kinder-Yoga bis zum Frühchinesisch. Das löst einen begreiflichen Gegenreflex aus. Dabei denken Fachleute beim Begriff Förderung meist eher an Dinge, die wir für selbstverständlich halten, die das aber gar nicht sind. Und hier besteht durchaus Handlungsbedarf – oder zumindest die Möglichkeit zum Handeln zugunsten der Kinder.

Vor einigen Jahren liess die deutsche Stadt Herford aufhorchen. Sie führte den sogenannten Familienbesucher ein. Nicht etwa auf Bitte hin, sondern ganz automatisch schauen die Familienbesucher bei Leuten vorbei, die gerade Eltern geworden sind. Der Besucher oder die Besucherin informiert sie über Unterstützungsangebote wie Kindertagesstätten, wirft einen Blick ins Kinderzimmer, händigt praktische Utensilien wie ein Thermometer für die Babybadewanne aus und so weiter. Was wie eine freundliche Geste aussieht, ist durchaus mehr. Der Besuch fasst seine Erkenntnisse zusammen und bilanziert, ob im konkreten Fall eine engere Begleitung angezeigt ist. Wenn nicht, schaut man dann gerne in einem Jahr wieder vorbei. Wenn doch, ist der Rhythmus kürzer. Zudem wird auf ein Programm hingewiesen, das alles Wissenswerte rund um die Kinderbetreuung vermittelt. Wer dieses Programm lückenlos durchläuft, wird am Ende mit 500 Euro belohnt.

An Förderung teilhaben lassen

Für liberale Geister, denen Eigenverantwortung heilig ist, dürfte das Herforder Modell ein Schreckensszenario sein. Dass der Staat nun auch in diesen Bereich reinreden soll: ein Unding. Die Verteidiger der Idee argumentieren anders. Es sei ein Belohnungssystem für Menschen, die sich bei der Förderung ihrer Kinder helfen lassen wollen. Tatsächlich zeigen Studien, dass Kinder aus sogenannten Risikofamilien von solchen Massnahmen profitieren. Es fehlt selten am guten Willen der Eltern, wenn Kinder nicht gefördert werden. Oft kommen mehrere Faktoren zusammen: ein tiefes Einkommen, beide Elternteile sind gezwungen zu arbeiten, der Bildungsstand ist eher tief, ebenso das Wissen um Möglichkeiten, Kinder dennoch an Förderung teilhaben zu lassen. Was Gutbetuchte ganz automatisch tun, ihren Kindern das Tor zu sinnvollen Beschäftigungen zu öffnen, tun andere nicht, weil sie diese Tore nicht kennen oder glauben, sie nicht finanzieren zu können.

Während es bei uns an Langzeitvergleichen noch fehlt, zeigt eine US-Studie, wie sich das auswirkt. Dort begann man bereits in den 60er-Jahren, Vorschulkinder aus benachteiligten afroamerikanischen Familien in kleinen Gruppen zusammenzufassen, wo sie miteinander spielten, malten und experimentierten – statt vielleicht vor dem Fernseher zu sitzen oder sich auf der Strasse ziellos herumzutreiben. Die Nachbetrachtung vier Jahrzehnte später ergab, dass die Teilnehmer dieses Programms heute mehr verdienen als ihre Alterskollegen, die nicht auf diese Weise gefördert wurden. Sie wurden zudem weniger oft straffällig und leben in grösserer Zahl in stabilen Verhältnissen.

Sprachfertigkeit dank Vereinen

Nun sind Studien aus amerikanischen Städten mit Gettos und der Bildung von gewalttätigen Gangs in unseren Breitengraden nicht unbedingt eine Referenz. Doch auch hier gibt es Untersuchungen, die den Zusammenhang zwischen einer frühen Förderung und dem späteren Leben zeigen. So hat die Universität Bochum in einer Studie die positive Wirkung einer Mitgliedschaft in einem Sportclub schon im Vorschulalter nachgewiesen. Wer von klein auf in einer Gruppe dem Ball nachrennt oder an Turngeräten hangelt, kämpft später seltener mit Sprachschwierigkeiten. Massgeblich ist demnach nicht die Art und Weise der Betätigung, sondern der Nebeneffekt: die Zeit in einer Gruppe, die Auseinandersetzung mit anderen Kindern. Es geht nicht darum, was man tut, sondern dass man es tut.

Während bei vielen Familien solche Aktivitäten wie nebenbei ohnehin geschehen, gibt es sie bei anderen nicht oder nur sehr sporadisch. Im Gegensatz zu vielen exotisch anmutenden Förderkursen liegt es meist nicht am Geld, die Mitgliedschaft in einem Sportverein ist in der Regel mit wenig Kosten verbunden. Aber oft fehlt es am Bewusstsein dafür, wie wichtig solche Kinderaktivitäten sind, und wer nicht eingebettet ist ins soziale Leben der Gemeinde oder der Stadt, der weiss oft auch gar nicht, was alles angeboten wird – und wie man Teil davon werden kann. Das Herforder Modell der Familienbesucher will dieses Wissensdefizit beseitigen, und das bewusst nicht nur für Leute, die danach fragen. Denn meist tun das genau die Leute nicht, die davon profitieren würden. Die Hürden für sie zu senken muss daher nicht zwingend durch eine finanzielle Beteiligung erfolgen, sondern in erster Linie durch Information.

Verantwortung der Eltern bleibt

In der deutschen Stadt versucht man, die Eltern zu motivieren, indem man sich nicht auf das verlässt, was ohnehin schon vorhanden ist, sondern ihnen eine Fülle von Programmen anbietet, sodass gewissermassen für jeden Geschmack etwas dabei ist. Ob die über 1200 Kurse, die innerhalb von fünf Jahren aus dem Boden gestampft und mit Steuergeldern finanziert wurden, wirklich dafür nötig waren, kann man sich durchaus fragen. Auch die Idee, diese Vorschulkurse nur als Anfang zu sehen und eines Tages vielleicht eine durchgehende Begleitung bis zum Erwachsenwerden als Fortsetzung zu sehen, ist gewöhnungsbedürftig. Selbst wenn sich in einigen Jahrzehnten zeigen sollte, dass eine solche Massnahme Erfolge bringt, bleibt ja doch unser Grundverständnis, dass die Eltern verantwortlich sind für die Entwicklung der Kinder. Dort aber, wo diese Verantwortung nicht oder zu wenig wahrgenommen werden kann, könnten Fördermassnahmen im frühen Alter durchaus sinnvoll sein.

Zwang, das ist bekannt, löst oft Widerstreben aus. Ein Familienbesucher, der ungefragt vorbeikommt und – wenn ihm das Beobachtete nicht gefällt – gewissermassen zum regelmässigen Kontrolleur wird: Das entspricht nicht unseren Werten. Wenn hingegen eine Chance vermittelt statt eine Pflicht auferlegt wird, erreicht man die Betroffenen vielleicht. Nicht, um aus Kindern schon mit fünf oder sechs Jahren erfolgsbestrebte kleine Businessleute zu machen, sondern um ihnen das grundlegende Rüstzeug für das spätere Leben zu vermitteln. Was das angeht, starten wir nämlich nicht alle von derselben Linie aus.

erstellt von Stefan Millius