Im Spannungsfeld zwischen Verantwortung und Vertrauen

Ein wichtiger Teil in der Kindererziehung ist, Verantwortung abzugeben und Vertrauen zu schenken. Beide Werte bilden die Basis für eine gesunde Entwicklung des Kindes. Zugleich aber fordern sie Eltern und Kinder immer wieder heraus.

«Meine Kinder sind für ihre Hausaufgaben selber verantwortlich. Ausser an schlechten Tagen, da mische ich mich dummerweise doch noch ein. Auch, ob sie eine Jacke anziehen sollen oder nicht. Ich biete ihnen da Unterstützung an, indem ich sage, sie sollen doch kurz rausgehen, spüren und dann entscheiden. Diesen Entscheid respektiere ich auch», erzählt Manuela Krattiger, alleinerziehende Mutter von zwei Jungs im Alter von sieben und neun Jahren. Verantwortung und Vertrauen seien für sie zwei grosse und wichtige Themengebiete in der Begleitung von Kindern. «Für mich als Mutter gehören sie zu den grössten Herausforderungen », betont Manuela Krattiger, die Verantwortung eng mit dem Thema Grenzen verbindet: Wie viel kann sie dem Kind zumuten? Verlangt sie zu viel oder zu wenig? Wo sind die Grenzen?

Eltern als Vorbilder
In der Kindererziehung geht es immer wieder um die schwierige Frage, wie viel Verantwortung den Kindern übergeben werden kann beziehungsweise soll. Für Regula Schneebeli aus Oberwil BL, Seminar- und Elterngruppenleiterin von familylab.ch, sind Verantwortung und Vertrauen zwei wichtige Werte in einer Beziehung – zum Beispiel zwischen Eltern und Kind. Allerdings: «Die Ansichten, die wir bisher oftmals von der Kindererziehung hatten, widerspricht der Idee, dass Kinder selber Verantwortung übernehmen. Denn wenn die Kinder ihre eigene Meinung zugunsten jener ihrer Eltern aufgeben müssen, kommen sie nicht in die Selbstverantwortung. Durch Schreien, Einschüchtern und Drohen lässt sich keine gesunde Kooperation erzeugen. Das Kind kooperiert zwar, aber aus Angst, die Liebe der Eltern zu verlieren. Seinen Wunsch, selber Verantwortung zu übernehmen, selber entscheiden zu dürfen, gibt es dann auf. «Wenn wir klar unsere Idee, was das Kind tun soll, in einer Ich-Botschaft ausdrücken und keinen Druck ausüben, sondern die Hilfe nachher wertschätzen, lernen Kinder, selber zu entscheiden, ob sie kooperieren wollen oder nicht. Nur so können Kinder lernen, selber Verantwortung für ihr Denken und Handeln zu übernehmen. Dafür brauche es aber die Eltern als Vorbild: «Wenn wir das Kind anschreien, haben wir als Eltern unsere Verantwortung für unser eigenes Verhalten nicht wahrgenommen. Indem wir respektvoll und authentisch bleiben, nehmen wir selber unsere wichtigste Verantwortung wahr», erklärt Regula Schneebeli.

Fehler machen dürfen
Damit das Kind Verantwortung übernehmen kann, braucht es das Vertrauen der Eltern. Für die Eltern bedeutet dies nicht selten eine grosse Herausforderung und ein Lernprozess. «Es geht hier nicht darum, dass die Kinder keine Fehler machen dürfen, vielmehr sollten wir erkennen, dass sie stets ihr Bestes geben», sagt die Familienberaterin und fordert: «Kinder sollen Fehler machen dürfen. Nur so sammeln sie wertvolle Erfahrungen, die sie weiterbringen. » Anstatt die Kinder vor solchen Erfahrungen zu bewahren, gelte es, sie zu unterstützen, zu begleiten und sich für das Kind zu interessieren. Verantwortung abzugeben heisst auch, loszulassen. Dieser Schritt falle manchen Eltern schwer, weil sie dadurch mit ihren eigenen Ängsten und ihrem Rollenverhalten konfrontiert werden. Ferner laufen Eltern oft Gefahr, zu viel Verantwortung für ihre Kinder zu übernehmen. Das macht sie im schlimmsten Fall unfreiwillig und zum Leiden aller zu ihren eigenen Sklaven – und im besten Fall verübeln sie dadurch den Kindern deren Erfolge. Viele kennen vielleicht die Herausforderung, dass das Kind am Morgen rechtzeitig zur Schule kommt. Der morgendliche Stress zieht sich unter Umständen bis ins Jugendalter durch. Möglicherweise haben es hier die Eltern verpasst, die Verantwortung dem Kind abzugeben. Warum auch soll das Kind sein Verhalten ändern, wenn es bisher keine Verantwortung übernehmen musste und alles unter der «Führung» der Eltern immer gut geklappt hat?

Aushandeln und Abgeben
Verantwortung als Eltern zu übernehmen und Verantwortung an die Kinder abzugeben sind nicht zwei Prozesse, die nacheinander erfolgen oder sich gar ausschliessen. Vielmehr sei es ein ständiges Aushandeln von Abgeben und Übernehmen, erklärt Sara Michalik, Autorin des Buches «Erziehen & Grenzen setzen ohne Strafen» (siehe Buchtipps). Dabei müssten sich die Eltern auf Diskussionen einstellen und auch einiges aushalten. «Hilfreich ist es jedoch sicherlich, wenn man als Eltern klar vor Augen hat, wo es Spielraum gibt und wo eben nicht», sagt Sara Michalik. Auf jeden Fall jedoch seien diese Diskussionen wertvoll, «ansonsten hat man sich zwischen Eltern und Kind ja bald nichts mehr zu sagen». Zudem ermöglichen diese Diskussionen dem Kind, seinen eigenen Standpunkt zu vertreten, Argumente einzubringen und auch gemeinsam Kompromisse zu finden. «Wie soll ein Kind stolz sein auf seine Leistung, wenn es der Meinung ist, es hat nur das gemacht, was die Eltern von ihm wollten? Ich kann erst dann wirklich stolz sein, wenn der Erfolg wirklich mir zuzuschreiben ist. Und diese Erfolge können auch noch so klein sein», gibt Sara Michalik zu bedenken. «Zu Beginn sind die Kinder nicht so begeistert, wenn sie mehr Verantwortung für etwas übernehmen müssen», schildert Manuela Krattiger die Reaktionen ihrer Kinder, «sobald sie jedoch merken, dass sie es können, freuen sie sich darüber.» Mit einem ehrlich gemeinten, positiven Feedback lasse sich – ist Manuela Krattiger überzeugt – viel erreichen, zum Beispiel mit: Ich bin schon froh, dass ihr das so toll gemacht habt. Es ist mir so wichtig, dass ich diesen Abendkurs besuchen kann … «Am besten funktioniert es, wenn ich in mir ganz klar und zentriert bin. Die Botschaft kommt dann in maximal drei Sätzen wirklich an», beobachtet Manuela Krattiger. Trage sie jedoch nur den Hauch eines Zweifels in sich, spürten das ihre beiden Söhne sofort und verweigerten sich.

Unterstützung und Verständnis
Ab wann soll man einem Kind welche Aufgaben und Verantwortung übertragen, ohne es zu überfordern? Ab vier Jahren ist ein Kind laut Fachliteratur in der Lage, Verantwortung für gewisse Dinge zu übernehmen. In diesem Alter ist sein Vorstellungs- und Einfühlungsvermögen so weit entwickelt, dass es die Konsequenzen seiner Handlungen voraussehen kann. «Das Kind zeigt uns oft, wann es bereit ist, Verantwortung zu übernehmen», beobachtet Regula Schneebeli. Mit dem älteren Sohn von Manuela Krattiger beispielsweise gab es früher regelmässig Konflikte beim Aufstehen. «Als ich ihn fragte, wie wir das lösen können, sagte er sofort, er brauche einen Wecker. Er war damals viereinhalb Jahre alt. Seit wir den Wecker gekauft haben, klappt es mit dem Aufstehen.» Weil es mit ihrem Sohn, als er nach der Schule nach Hause kam, oft Streit wegen der Hausaufgaben gab, schlug der Junge vor, dass sie ihn nur mit einem Wort an seine Hausaufgaben erinnern solle. «Hier hat er selber die Verantwortung übernommen, indem er formuliert hat, wie er Hilfe braucht. Wichtig ist, dass ich dies ernst nehme», findet Manuela Krattiger. Diese Beispiele zeigen: Manchmal benötigt das Kind zu Beginn die Unterstützung und das Verständnis der Eltern, damit es allmählich in eine Aufgabe hineinwachsen kann. «Es ist wichtig, dass die Eltern gewisse Fehler der Kinder auch mal aushalten. Nur so ist der Lerneffekt gegeben. Kommt das Kind in dieser Phase noch regelmässig zu spät in die Schule, braucht es vielleicht einen Hinweis an die Lehrperson, damit diese über die Gründe Bescheid weiss», erklärt Regula Schneebeli. Falls sich herausstelle, dass das Kind mit der ihm übertragenen Verantwortung aus welchen Gründen auch immer noch überfordert ist, dürfen die Eltern auch zu ihrem Fehlentscheid stehen und diesen korrigieren – jedoch ohne Schuldzuweisung und Kritik.

Regeln, Dialog, Interesse
Mit zunehmendem Alter bis hin zur Pubertät sollte Kindern gelehrt werden, was es heisst, für andere Lebewesen zu sorgen und somit nicht mehr nur für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. Bei Jugendlichen empfiehlt die Familienberaterin, den Verantwortungsspielraum zu erweitern und authentisch die eigenen Ansichten zwar zu vertreten, die Jugendlichen jedoch selber entscheiden zu lassen, wann und ob sie ihre Hausaufgaben machen, wie häufig sie duschen und so weiter. Beim Medienkonsum hingegen brauche es eine Führung mit klaren Regeln, damit der Medienkonsum nicht ausser Kontrolle gerate. «Es ist wichtig, dass die Eltern im Dialog mit dem Jugendlichen bleiben, sich für ihn interessieren und ihm auch ihre Unterstützung anbieten, aber nicht aufdrängen», sagt Regula Schneebeli.
Damit ein Jugendlicher verantwortlich wird und zu einer bestimmten Zeit nach Hause kommen soll, sollte er nicht bestraft werden, wenn er zu spät zurückkommt. Anstatt zu schimpfen, lohnt es sich, ruhig zu bleiben und ihm freundlich gute Nacht zu sagen. Am nächsten Tag suchen wir den Dialog und interessieren uns dafür, wie der Abend war und warum er sich entschieden hat, später zu kommen. Dies sollte jedoch keine Konsequenzen oder Strafen zur Folge haben. Aber gerne soll und darf ich mitteilen, dass es für mich nicht stimmt, wenn er so spät kommt, und dass ich mir wünsche, dass er nächstes Mal früher kommt.

Alkohol und Drogen
Wie sollen Eltern von Jugendlichen reagieren, die mit Alkohol oder Drogen das Vertrauen missbrauchen? «Wir denken oft, dass die Tatsache, ob wir Vertrauen haben in unsere Jugendlichen, vom Verhalten der jungen Menschen abhängt. Aber in Wahrheit ist es umgekehrt: Um sich gut entwickeln zu können, brauchen Jugendliche das Vertrauen ihrer Eltern», sagt Regula Schneebeli. Wenn es zu überbordendem Alkohol- oder Drogenkonsum kommt, sei das Gespräch danach wichtig. Es gehe dabei nicht darum, Vorwürfe zu machen. Vielmehr sollten sich die Eltern – so Regula Schneebeli – dafür interessieren, wie es den Jugendlichen geht, wie es zum Alkohol- oder Drogenkonsum gekommen ist und dass die Eltern ihnen ihre persönliche Meinung dazu mitteilen. «Unsere Meinung sollte jedoch keine Vorschrift oder Strafe und auch kein Befehl oder Verbot sein. Wenn Jugendliche lügen oder beginnen, heimlich etwas zu tun, hat das meistens damit zu tun, dass in einer Familie sehr viele Regeln und Verbote herrschen.» Bei einer Drogen- und Alkoholsucht erhalten die Betroffenen professionelle Hilfe durch die kantonalen Suchtberatungsstellen.

Kinder und Dauerkontrolle
Weil gewisse Eltern ihren Kindern zu wenig vertrauen, begleiten, verfolgen und überwachen sie ihren Nachwuchs teilweise auf Schritt und Tritt. Sogenannte «Helikopter-Eltern» sind ein Phänomen, das sich im Extremfall sogar noch an den Hochschulen beobachten lässt. Manche Kinder werden mit einem GPS-Sender ausgestattet, der den Eltern jederzeit den genauen Standort ihrer Schützlinge verrät. «Das Phänomen 'Helikopter-Eltern' bedeutet Stress für Eltern und Kinder», sagt die Familientherapeutin. Oft erkennen die Eltern offenbar nicht, dass sie selber durch ihr Verhalten die Entwicklung ihrer Kinder verhindern. «Ich beobachte immer wieder, wie wir als Eltern zu sehr und wie fast 'automatisch' zu Erziehungsmethoden greifen, die nicht wirkungsvoll sind. Aus meiner Sicht brauchen Eltern sowie auch viele Fachpersonen neue Handlungsmöglichkeiten, damit mehr Zufriedenheit und Gelassenheit ins Familienleben Einzug halten kann.»

Was können Kinder in welchem Alter?

Säugling (0-12 Monate, 1. Lebensjahr)
+ Hunger und Durst mitteilen
+ Wohlgefühl zeigen

Kleinkind (ab 1 – 3 Jahre)
+ Sich anziehen, sich ausziehen
+ Zähne putzen
+ Sich waschen und kämmen

Kindergartenkind (4 – 6 Jahre)
+ Den Tisch decken und abräumen
+ Saubere Wäsche falten
+ Spielsachen aufräumen
+ Selbstständig auf die Toilette gehen
+ Selbstständig duschen
+ Schmutzige Wäsche im Wäschekorb deponieren
+ Lebensmittel tragen helfen nach dem Einkauf

Schulkind (7 – 12 Jahre)
+ Das eigene Zimmer aufräumen
+ Das Bett machen
+ Kleine Einkäufe erledigen
+ Geschirr spülen/trocknen
+ Den Geschirrspüler einräumen/ausräumen
+ Den Abfallsack hin aus tragen
+ Das eigene Zimmer putzen, Staub saugen
+ Schuhe putzen
+ Die Pflege für ein Haustier übernehmen
+ Das Morgenessen vorbereiten
+ Über vier Franken Taschengeld pro Woche frei verfügen (ca. mit 10 Jahren)

Quelle: contakt-kind.ch

erstellt von Fabrice Müller, Redaktor Schule und Elternhaus Schweiz (S&E)