Ich zähle bis drei und dann ... Entspannter Umgang mit Regeln

Im Zimmer der 7-jährigen Lisa herrscht das pure Chaos. Aufräumen wäre angesagt und Lisa kennt die Regel, aber nichts passiert. Irgendwann wird es der Mutter zu bunt. «Ich sage es jetzt zum letzten Mal: Räum jetzt dein Zimmer auf, sonst …» Ja, sonst was? Im Interview mit dem FamilienSPICK erklärt Psychologin Giselle Reimann, stellvertretende Leiterin am Zentrum für Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie (ZEPP) der Universität Basel, welche Regeln und Konsequenzen in welchem Alter Sinn machen.

Im Fall der 7-jährigen Lisa gehts ums Zimmeraufräumen. Aufräumen ist ein leidiges Thema. Wie sehen Sie das? Wie können Eltern hier im konkreten Fall zum Ziel kommen, ohne gleich mit Konsequenzen zu drohen?
Aufräumen und ähnliche «Ämtli» sind bei uns in der Beratung tatsächlich immer wieder ein Thema. Ich höre oft von Eltern, dass sie denken, die Regeln seien für ihre Kinder glasklar. Fragt man aber die Kinder, ist es häufig nicht so klar: Wie oft muss ich das Zimmer aufräumen? Was genau heisst «aufgeräumt»? Wie lange habe ich dafür Zeit? Muss ich selber dran denken oder erinnern mich meine Eltern daran? Es hilft, wenn man solche Fragen in einem ruhigen Moment gemeinsam mit dem Kind abspricht und die Antworten darauf am besten aufschreibt. Da sollte dann auch stehen, was passiert, wenn eine Regel nicht eingehalten wird.

Was für Vorteile bringt diese Vorgehensweise aus Ihrer Sicht?
Wenn man Kindern die Chance gibt, beim Aufstellen der Regeln mitzubestimmen, ist es sehr viel wahrscheinlicher, dass die Regeln auch eingehalten werden. Ich beobachte auch, dass Eltern Kindern dann besonders viel Aufmerksamkeit schenken, wenn eine Regel nicht eingehalten wird: Dann gehen die Diskussionen und Streitereien los. Wenn das Kind aber eine Regel von sich aus befolgt, erhält es häufig nicht so viel Aufmerksamkeit. Das müsste eigentlich genau umgekehrt sein.

Jede Familie definiert ihre Grundregeln fürs Zusammenleben etwas anders: Für die einen ist es wichtig, dass die Kinder schon früh schön mit Messer und Gabel essen, für die anderen, dass sie schon früh Ämtli übernehmen. Gibt es hier allgemeine Grundregeln, die bei einem 5-Jährigen nicht so viel Sinn machen, bei einer 7-Jährigen aber schon?
Regeln müssen ans Entwicklungsniveau des Kindes angepasst sein. Ein 5-jähriges Kind hat beispielsweise noch keine sehr konkrete Vorstellung von der Zeit und wird somit Mühe haben mit Anweisungen wie «in einer Viertelstunde sollst du angezogen sein» oder «du musst zweimal in der Woche dein Zimmer aufräumen». Das 7-jährige Kind kann solche Anweisungen besser verstehen, braucht aber vielleicht auch noch Unterstützung durch einen Wecker oder eine Erinnerung durch die Eltern. Wenn es mit der Umsetzung einer Regel nicht klappt, lohnt es sich zu überlegen: Überfordere ich mein Kind damit? Wie könnte ich die Regel einfacher machen oder mein Kind unterstützen?

Was halten Sie allgemein von Regeln?
Kinder – und übrigens auch wir Erwachsenen – brauchen Regeln. Hätten wir keine Regeln, wäre unser Leben chaotisch, verwirrend und von Konflikten geprägt. Regeln ermöglichen es uns, uns in der Welt zurechtzufinden, zu wissen, was erwartet wird. Wird ein Kind auf eine Geburtstagsparty eingeladen, so ist es enorm wichtig für es zu wissen, welche Regeln in so einer Situation gelten, dass man zum Beispiel ein Geburtstagsgeschenk mitbringt oder dem Geburtstagskind gratuliert. Weiss ein Kind nichts von diesen Regeln, wird es an der Geburtstagsparty ziemlich verloren sein.

Gibt es bestimmte Grundregeln, die das Zusammenleben in der Familie erleichtern?
Ein hilfreicher Grundsatz ist, dass alle Familienmitglieder ihre Meinung äussern dürfen und sich gegenseitig zuhören und sich ausreden lassen.

Zu viele Regeln können ein Kind schnell mal überfordern und der Umgang untereinander ist nicht wirklich entspannt. Gibt es hier eine Art Faustregel, wie viele Regeln es braucht und können Sie Beispiele geben?
Wenn ich Eltern manchmal frage, welche Regeln in ihrer Familie gelten, kommen oft sehr viele Regeln, die zudem oft nicht so klar formuliert sind. Wir schauen uns dann an, welche drei Regeln für beide Elternteile am allerwichtigsten sind. Als Nächstes überlegen wir für jede dieser drei Regeln: Kann sie überhaupt durchgesetzt werden? Es nützt nichts zu sagen, das Kind darf ausserhalb der Hauptmahlzeiten keine Süssigkeiten essen, wenn man dann im Coop an der Kasse nicht die Energie hat, diese Regel durchzusetzen. Dann empfehle ich, auf diese Regel vorerst zu verzichten und sich auf Regeln zu konzentrieren, die durchgesetzt werden können. Häufig fangen wir dann mal mit einer Regel an, und erst, wenn die Umsetzung richtig gut funktioniert, gehen wir zu einer zweiten Regel über.

Umgekehrt gefragt: Braucht es überhaupt Regeln? Oder gibt es andere Wege, damit ein Kind freiwillig gewisse Ämtli macht oder das Zimmer aufräumt, ohne dass man es immer mit Nachdruck daran erinnern muss?
Kinder befolgen Regeln viel eher, wenn sie mitbestimmen dürfen und verstehen, warum es die Regel gibt. Nehmen wir das Zimmeraufräumen: Wenn Eltern erklären, warum es ihnen wichtig ist, dass das Kinderzimmer aufgeräumt wird und Kinder dann bestimmen dürfen, wann und in welcher Form sie dies tun, dann wird es viel wahrscheinlicher, dass es mit der Durchführung auch tatsächlich klappt. Eltern sind zudem wichtige Vorbilder: Wenn die Kinder sehen, dass die Eltern – idealerweise sogar gleichzeitig mit den Kindern – ihr eigenes Zimmer aufräumen oder putzen, dann sind sie eher bereit, dies auch zu tun.

Ein anderes Thema sind die Konsequenzen, die es für ein Kind hat, wenn es sich nicht an die Regel hält. Bei einer 7-Jährigen ist das in unserem Fall, das Zimmer nicht aufzuräumen. Bei einer 15-Jährigen hat es eher Konsequenzen, wenn sie zu spät von einer Party nach Hause kommt. Was empfehlen Sie hier? Welche Konsequenzen halten Sie für angemessen?
Strafe führt meist nicht dazu, dass sich ein Verhalten verändert. Wenn man falsch bestraft, kann das dazu führen, dass das Kind sich zurückzieht, Angst bekommt oder selber strafendes Verhalten zeigt. Idealerweise bespricht man mit dem Kind schon ganz zu Beginn, wenn eine Regel aufgestellt wird, was passiert, wenn es mit der Umsetzung nicht klappt. Als Konsequenz kann man dem Kind Privilegien entziehen, also dem Jugendlichen beispielsweise für eine gewisse Zeit das Handy abnehmen. Man könnte aber auch den Spiess umdrehen und für positives Verhalten Konsequenzen einführen. Im vorherigen Beispiel mit dem Aufräumen könnten Eltern zum Beispiel sagen: «In der nächsten halben Stunde hast du Zeit, dein Zimmer aufzuräumen, danach gehen wir zusammen auf den Spielplatz.»

Was sind für Sie in diesem Zusammenhang «Dos» und was «Don’ts»?
Ungünstig ist es, wenn die Regeln häufig ändern, wenn es zu viele Regeln gibt oder diese dem Kind gegenüber nicht klar formuliert werden. Auch eher hinderlich ist es, wenn Eltern ihre Wut zu stark äussern, also schreien oder schimpfen oder das Kind ignorieren oder stark kritisieren. Stattdessen empfiehlt es sich, dem Kind gegenüber klar zu sagen, was erwartet wird, am besten im Voraus, und das Kind zu loben, wenn es das erwünschte Verhalten zeigt. Wenn das Kind sich nicht an die Regeln hält, ist es wichtig, ganz genau zu beschreiben, was nicht geklappt hat und wie es das nächste Mal geschehen sollte. Wenn Eltern und Kind in einen Streit geraten und starke Gefühle im Spiel sind, lohnt es sich, die Sache zu vertagen und erst dann wieder über Lösungen zu sprechen, wenn sich alle beruhigt haben.

Konsequenzen haben ja auch mit «konsequent sein» zu tun – als Eltern hat man das Gefühl, dass man die Glaubwürdigkeit verliert beim Kind, wenn ein Regelverstoss keine Folgen hat. Wie sehen Sie das und was raten Sie hier generell?
Ich erlebe, dass Eltern sich hier oft stark unter Druck setzen: Sie müssen alles richtig machen und stets konsequent sein. Das ist ein völlig unrealistisches Ziel! Manchmal wird einfach alles zu viel, und dann lässt man dem Kind ein Verhalten durchgehen und macht sich selbst Vorwürfe deswegen. Hier hilft es, sich zu fragen: Handelt es sich um eine der drei wichtigsten Familienregeln? Wenn nein, darf man auch einfach mal ein Auge zudrücken. Wenn ja, lohnt es sich, in einem ruhigen Moment zu überlegen: Warum kann ich die Konsequenz nicht durchsetzen? Vielleicht ist es ja die falsche Konsequenz. Wenn ich der 15-jährigen Tochter das Handy entziehen möchte, weil sie zu spät von der Party nach Hause gekommen ist, sie sich aber mitsamt ihrem Handy im Zimmer einschliesst, dann kann ich die Konsequenz nicht durchsetzen. Dann kann ich mich entweder dazu entschliessen, das Handy bei der nächsten Gelegenheit einzuziehen oder aber auf eine andere Konsequenz auszuweichen, die ich besser durchsetzen kann und dies mit der Tochter so zu besprechen.

Hier gehts ja auch um Grenzen setzen: Wie viele Grenzen soll man Kindern und Jugendlichen generell setzen? Sie testen diese ja immer wieder. Was empfehlen Sie hier, damit der Umgang untereinander möglichst entspannt bleibt?
Etwas banal formuliert geht es darum: so wenig wie möglich und so viel wie nötig. Also lieber weniger Grenzen, diese dafür sehr klar. Ich bin selber Mutter und überlege mir beim Grenzensetzen immer wieder: Setze ich jetzt eine Grenze, weil ich das Kind beschützen oder ihm etwas beibringen will? Oder eher, weil ich mir selber Unannehmlichkeiten ersparen will? Ist Ersteres der Fall, dann bleibe ich dabei und setze die Grenze. Geht es aber darum, dass ich nicht will, dass meine einjährige Tochter in der Pfütze spielt, weil nachher alles schmutzig ist, dann versuche ich zu entspannen.

Können Sie Eltern Ihre wichtigsten Tipps und Tricks für ein möglichst harmonisches Zusammenleben in der Familie geben – Stichwort so viele Regeln wie nötig, so wenig wie möglich?

  • Sich in der Familie auf zwei, drei Kernregeln einigen und diese schriftlich festhalten.
    Auch besprechen, was geschieht, wenn die Regeln nicht eingehalten werden.
    Das Kind darf dabei mitreden, aber nicht entscheiden.
  • Alle Beteiligten befragen: Welche Unterstützung brauchen sie, damit die Regeln
    eingehalten werden können?
  • Nur Regeln aufstellen, die durchgesetzt werden können.
  • Dem Kind besonders viel Aufmerksamkeit schenken, wenn es die Regel einhält.
  • Als Eltern ein gutes Vorbild sein.
  • Wenn die Situation eskaliert: Erst darüber diskutieren, wenn sich die Gemüter wieder
    beruhigt haben.
  • Mit sich selber nachsichtig sein.

 

 

erstellt von Tanja Millius