«Ich kann nicht mehr!» – Wenn Eltern überfordert sind

Stress im Beruf, Arbeitslosigkeit oder auch anstrengende Kinder in der Trotzphase – viele Faktoren können bei Eltern zu einer Überforderung in der Kindererziehung führen. Nicht selten wirkt sich dies negativ auf die Schulleistungen aus.

«Wir haben vier Kinder im Alter zwischen zwei und elf Jahren», schildert Jasmin Meier (Name geändert), «unsere zweitjüngste Tochter Léonie, sie ist sieben Jahre alt, hält uns schon seit einiger Zeit mit ihrer Wut und ihrer Verweigerung ziemlich auf Trab.» Léonie verhalte sich gegenüber ihren Eltern und Geschwistern regelmässig aggressiv – vor allem dann, wenn sie ihren Willen durchsetzen möchte. «Das ist für unsere Familie eine ziemlich belastende Situation, bei der wir häufig an unsere Grenzen stossen. Dass ich in solchen Fällen auch mal laut werde, stört mich», erzählt Jasmin Meier. Eine andere Mutter mit zwei Kindern im Kindergartenund Schulalter erzählt, wie sie durch die psychische Erkrankung ihres Mannes in der Erziehung oft an ihre Grenzen stosse und sich mit manchen Situationen im Umgang mit den Kindern überfordert fühle. «Ich fühle mich für die Kinder verantwortlich», so Tanja Zogg (Name geändert), «doch da ich von meinem Mann wenig Unterstützung erhalte, fühle ich mich immer wieder überfordert und hilflos. Ich weiss auch nicht, wie ich mich gegenüber meinem Mann verhalten soll.» Beide Mütter haben sich hilfesuchend an den Elternnotruf gewandt.

Leistungsanforderungen enorm gestiegen
Die beiden geschilderten Situationen stehen exemplarisch für viele Eltern in der Schweiz, die sich aus verschiedenen Gründen mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert fühlen. Gemäss einer Studie der Konrad Adenauer Stiftung stehen viele Eltern heutzutage unter Druck wie nie zuvor. Seit den 90er-Jahren seien die allgemeinen Leistungsanforderungen an Eltern enorm gestiegen, sagt die Studienleiterin Carmen Eschner. Mütter und Väter müssten inzwischen vielfältige Kompetenzen haben, nicht nur psychologisch, sondern auch in den Bereichen Gesundheit, Kinderernährung und Medienkonsum. «Der Druck, den gesellschaftlichen Erwartungen gerecht zu werden, ist hoch. Das setzt auch unter Erfolgsdruck. Die durchschnittliche Kleinfamilie und besonders Alleinerziehende können das oft nicht mehr aus eigener Kraft leisten», sagt Carmen Eschner. Als Geschäftsleiter des Elternnotrufs stelle Peter Sumpf zwar keinen generellen Anstieg der Fälle mit überforderten Eltern fest, allerdings hätten die Probleme mit Kindern, die sich aggressiv gegenüber ihren Eltern und Geschwistern zeigen, zugenommen.

Zwischen Erziehungslast und Tragkraft
Gründe, weshalb sich Eltern in der Kindererziehung überfordert fühlen und dabei an ihre Grenzen stossen, gibt es viele. «Oft sind es situative Belastungen, die die eigene Tragkraft an ihre Grenzen bringen», berichtet Peter Sumpf. Dies beginne in der Babyphase mit der allgemeinen Unsicherheit der Eltern im Umgang mit dem Neugeborenen. Ab zwei bis drei Jahren etwa bringen die Trotzphasen der Kinder die Eltern an ihre Grenzen, insbesondere auch der Streit unter Geschwistern. Auch die Pubertät ist laut Peter Sumpf nicht selten von Konflikten zwischen Eltern und Kindern geprägt. «Der Medienkonsum stellt in dieser Phase ein Dauerbrenner für Konflikte dar.» Neben Herausforderungen im Umgang mit den Kindern belasten gesundheitliche oder psychische Probleme eines Elternteils oder etwa auch die Arbeitslosigkeit die eigene Belastungsfähigkeit. «Wenn die Erziehungslast auf die eigene Tragkraft trifft, doch diese aus welchem Grund auch immer geschwächt ist, ist es meist nur noch ein kurzer Weg zur Überlastung», erläutert Peter Sumpf. Uneinigkeit oder Streit zwischen den Elternteilen verschärfen diese Tendenz zusätzlich.

Hohe Anforderungen, hohe Ansprüche
Insgesamt hat die Gesamtbelastung von Eltern in der heutigen Zeit zugenommen. Dies nicht zuletzt auch, weil in vielen Familien beide Elternteile berufstätig sein müssen oder wollen. «Wer im Arbeitsprozess steht und gewohnt ist, auf Effizienz, Transparenz und termingerechte Prozessabwicklung zu achten, der wird angespannt die eher individuelle, in langsamen Prozessen fortschreitende Entwicklung seines Kindes betrachten und bei ineffektiven Erziehungsversuchen an sich zweifeln», sagt Carmen Eschner von der Konrad Adenauer Stiftung. Andererseits – so beobachtet Peter Sumpf – haben Mütter, die nach der klassischen Rollenverteilung als Mutter und Hausfrau arbeiten, besonders hohe Ansprüche an sich selber, zeigen sich gegenüber wenig Toleranz, wenn die Erziehung aus dem Ruder läuft. Nicht selten enden solche Situationen, die sich vielleicht über eine längere Zeit hinziehen, in einem Elternburn-out.

Wenn es zur Belastung wird
Welche Folgen haben Überforderung und Burn-out der Eltern für die Kinder? «Eine kurzfristige Überforderung, also wenn ein Elternteil mal laut wird, ist für ein Kind in der Regel kein Problem. Damit können die Kinder meist gut umgehen», sagt Peter Sumpf. Das Kind dürfe auch mal spüren, wenn seine Eltern an Grenzen kommen. Doch: «Wenn die Überforderung während Wochen und Monaten anhält, wird es für die Kinder und natürlich für die ganze Familie zu einer Belastung.» Kinder seien anpassungsfähig und ziehen sich vielleicht mit ihren Problemen zurück – oder sie gehen in die Opposition und leisten noch mehr Widerstand. «Wenn die Eltern nur noch herumschreien und diese Art von Kommunikation mittlerweile zur Familienkultur geworden ist, braucht es eine Veränderung», sagt Peter Sumpf. Gleiches gelte bei Gewalt innerhalb der Familie; diese reiche von Demütigung bis hin zu physischer Gewalt. «Verliert man als Elternteil durch die dauernde Überforderung das Interesse und den Kontakt zum Kind, empfehle ich ebenfalls dringend, sich beraten und helfen zu lassen.»

Schlechte Schulleistungen
Wenn Eltern sich in der Kindererziehung überfordert fühlen, leiden darunter oft auch die Leistungen der Kinder in der Schule. Zum einen fehlt es vielleicht an der Zeit oder an den Ressourcen der Eltern, ihr Kind in schulischen Fragen zu unterstützen. Zum andern wirken sich Stress- und Konfliktsituationen in der Familie in vielen Fällen auf die Psyche des Kindes und in der Folge auf dessen Konzentrations- und Leistungsfähigkeit in der Schule aus. Dies stellt zum Beispiel Martina Schmid, Mutter von drei Kindern, ehemalige Lehrerin und heute Beraterin bei Elternnotruf, fest: «Wenn die Eltern mit der Kindererziehung Mühe haben oder gar überfordert sind, kann man dies in manchen Fällen aufgrund des Verhaltens des Kindes, oft aber auch in den Elterngesprächen erkennen. Bei einem guten Vertrauensverhältnis sprechen Eltern ihre Überforderung manchmal auch selber an.» Im Rahmen neuer Schulformen wie Werkstattunterricht oder Projektarbeit ist die Mitarbeit der Eltern erforderlich, da nicht jedes Kind den gleichen Selbstständigkeitsgrad hat, um eigenständig Projekte zu bearbeiten. Dies bedeutet für die Eltern ebenfalls eine Zusatzbelastung – und je nach Situation auch eine Überforderung.

Am gleichen Strick ziehen
Wenn bei einer Lehrperson der Verdacht aufkommt, dass die Eltern eines Schulkindes mit der Erziehung überfordert sind, empfiehlt Martina Schmid, das Netzwerk zu vergrössern und – falls von den Eltern erwünscht – die Schulsozialarbeit einzuschalten. «Lehrpersonen sind auf vielen Ebenen gefordert und engagiert und mir scheint wichtig, dass sie auch erkennen, wo die Begrenzung ihrer Arbeit liegt. Damit meine ich nicht, dass Lehrpersonen wegschauen sollen, wenn sie in einer Familie Überforderung erkennen, aber sie sind nicht in erster Linie für die Unterstützung in der Erziehungsarbeit verantwortlich.» Wichtig sei, dass Eltern, Lehrperson und eingeschaltete Fachpersonen am gleichen Strick ziehen und gemeinsam nach Lösungen suchen. Dies könne für beide Seiten eine wertvolle gegenseitige Unterstützung oder sogar Entlastung darstellen.

Standort bestimmen, Bedarf einordnen
Wie kann Eltern, die sich in der Kindererziehung überfordert fühlen, geholfen werden? Wer sich hilfesuchend an den Elternnotruf wendet, stösst auf Gesprächspartner, die zuhören und sich Zeit nehmen. «Systematisches Schildern eines Problems ist für die Betroffenen wohltuend», stellt Peter Sumpf immer wieder fest, «denn es bedeutet, ein Problem vor sich hinzustellen, zu klären und den Bedarf einzuordnen». Diese Standortbestimmung erlaube es den Eltern, neue Massnahmen und Strategien zu entwickeln. «Jetzt geht es darum, sich zusammen mit einer Beratungsperson zu überlegen, was man anders machen kann und wo man Hilfe findet», sagt der Elternnotruf-Geschäftsleiter. Beratung und Unterstützung bieten zum Beispiel auch die Eltern- und Familienberatungsstellen in den Kantonen.

erstellt von Fabrice Müller, Redaktor Schule und Elternhaus Schweiz (S&E)