«Hunde bieten Trost und hören zu»

Mit dem Hund ins Klassenzimmer: Was vielen Eltern, Kindern oder auch Lehrkräften exotisch erscheinen mag, ist immer öfter Realität. Sogenannte Schulhunde haben eine Reihe von positiven Effekten auf den Unterricht, sei es nur schon durch ihre Präsenz oder auch durch den spielerischen Einsatz bei verschiedenen Lernthemen. Lorena Singy, Präsidentin des Vereins «Schulhunde Schweiz», im Gespräch über Chancen und Grenzen der vierbeinigen Unterrichtsassistenten.

Lorena Singy, was ist ein Schulhund und in welchem Zusammenhang wird er eingesetzt?
Ein Schulhund ist grob gesagt ein Hund, der seinen Halter zur Arbeit in einer pädagogischen Institution wie einer Schule begleitet und meist in der gleichen Klasse, wo sein Besitzer einer pädagogischen Tätigkeit nachgeht, eingesetzt wird. Dort wird der Hund halbtageweise oder tageweise eingesetzt. Dabei ist es wichtig, sich bewusst zu sein, dass es nicht bedeutet, dass der Hund «nonstop» aktiv im Einsatz ist, sondern dass ein grosser Teil aus der reinen passiven Anwesenheit des Hundes besteht. Der Hund wird jeweils nur punktuell und phasenweise aktiv eingesetzt. Alles andere wäre für den Hund zu anstrengend. Oft sind die Hunde auch nicht immer im Unterricht dabei, sondern begleiten ihren Besitzer tageweise.

Was soll mit der Präsenz eines Hundes im Unterricht erreicht werden?
Ein grosser Vorteil eines Hundes ist, dass er nicht wertet. Oftmals werden Schüler bewertet, ob mit schulischen Leistungen, Verhaltensweisen und so weiter, sie haben Streit mit Mitschülern, werden vom Lehrer gerügt und anderes mehr. Der Hund hingegen mag alle Schüler gleich, verkracht sich mit niemandem und nimmt alle so an, wie sie sind. Egal, ob Aussenseiter, Klassenclown oder sonst wer, egal, ob ein Kind mit Beeinträchtigung oder einer Verhaltensauffälligkeit. Das ist sehr wertvoll und fördert das Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein. Hunde bieten Trost, wenn es jemandem nicht so gut geht. Sie hören zu, wenn ein Schüler jemanden zum Zuhören braucht, sie sind einfach da und füllen die Lücke, die es bei einem Schüler gerade zu füllen gibt. Möchte jemand Verantwortung übernehmen, umsorgt er den Hund. Liebt jemand Tiere, darf aber zu Hause kein Tier halten, lernt er den Umgang mit dem Tier in der Schule.

Gibt es weitere positive Effekte im Unterricht?
Dank dem Hund haben die Schüler oft einen besseren Draht zur Lehrperson, die ja zugleich auch der Hundeführer ist. Durch die Anwesenheit des Hundes sind die Schüler oft auch motivierter, in die Schule zu kommen, sie freuen sich auf den Hund. Durch den Hund kann man sie manchmal auch besser an ein Thema oder einen Auftrag heranführen. Zum Schreiben kommen sie beispielsweise durch eine Postkarte an den Hund, sie beginnen zu rechnen durch das Zählen mit Hundefutter, lernen mehr zum Thema Körper am Beispiel des Hundes und so weiter. Ausserdem wirkt die Anwesenheit eines Hundes erwiesenermassen stressmindernd und blutdrucksenkend.

Gibt es konkrete Beispiele für den positiven Effekt von Schulhunden?
Selber kenne ich konkret das Beispiel eines Schülers aus einer Parallelklasse von mir, in der ein autistischer Schüler, der nicht gesprochen hat, durch meinen Hund begonnen hat, Geräusche zu machen und wenige Wörter zu sprechen. Ausschlaggebend dafür war, dass der Schüler meinen Hund rufen konnte, wenn er wollte. Weiter hatte ich einen eher ruhigen Schüler, der oft alleine und zurückgezogen war und sich durch den Hund geöffnet und einen tollen Freund in meinem Hund gefunden hat. Allgemein gibt es verschiedene Studien, die die positiven Effekte eines Schulhundes bestätigen.

Welche Anforderungen werden an einen Schulhund beziehungsweise seinen Halter gestellt?
Ein Hund, der als Schulhund ausgebildet und eingesetzt werden soll, sollte in erster Linie einen ruhigen, wesensfesten und ausgeglichenen Charakter haben und sicherlich menschenbezogen sein – und natürlich insbesondere Kinder mögen. Ein guter Grundgehorsam und eine stabile Hund-Mensch-Beziehung sind weitere wichtige Punkte. Der Hundehalter muss seinen Hund sehr gut lesen und in jeder Situation richtig agieren können. Wenn der Hund gestresst wirkt oder nicht fit ist, sollte der Hundehalter dies sofort bemerken und den Hund aus der Situation rausnehmen. Grundsätzlich können alle Hunderassen in Frage kommen, sofern sie vom Wesen her geeignet sind. Man muss sich aber sicherlich ein wenig überlegen, in welchen Settings der Hund eingesetzt wird.

Wo liegen die Grenzen beim Einsatz von Schulhunden, was ist nicht möglich und wann ist er nicht das richtige Mittel?
Wenn Schüler grosse Angst vor Hunden haben oder eine starke Hundehaaar-Allergie haben, muss natürlich abgeklärt werden, ob und wie der Hund eingesetzt werden kann. Es macht keinen Sinn, den Hund auf Biegen und Brechen mit in den Unterricht zu nehmen, wenn es nicht passt – ob vonseiten der Schüler oder auch vonseiten des Hundes, wenn er sich vom Verhalten her nicht eignet. Oftmals kann aber die Erfahrung gemacht werden, dass Ängste der Kinder schnell abgebaut werden können, wenn sie die anderen Schüler im Umgang mit dem Hund beobachten können und sehen, dass es ein ganz lieber Hund ist.

Wie sehen Sie die Zukunft beim Thema Schulhunde in der Schweiz?
Die Akzeptanz eines Schulhundes nimmt stetig zu, das Ansehen von Schulhunden wächst und die Anerkennung der (Aus-)Wirkung, die ein Schulhund haben kann, wird immer grösser. Dies motiviert auch immer mehr Lehrpersonen dazu, ihren Hund – sofern er geeignet ist – in der Schule einzusetzen. 

Schulhunde in der Schweiz

Aktuell zählt der Verein «Schulhunde Schweiz» rund 160 Mitglieder, davon 110 aktive mit einem Schulhund im Einsatz. Die Anzahl Mitglieder hat sich laut Präsidentin Lorena Singy in letzter Zeit erhöht, weil die Bekanntheit des Schulhundewesens in den vier Jahren des Vereinsbestehens grösser geworden ist. Über den Verein hinaus dürften noch wesentlich mehr Schulhunde im Einsatz stehen. Schätzungen zufolge könnten es in der Schweiz etwa 200 bis 300 sein. Weitere Informationen: www.schulhunde-schweiz.ch.

erstellt von Stefan Millius